Wie stellt man dem FC Bayern München ein Bein? Dieter Hecking ist einer der wenigen Bundesligatrainer, die wissen, wie es geht. Mit dem 1. FC Nürnberg gelang ihm in der Hinrunde etwas Exklusives: Er sorgte beim 1:1 für den bis heute einzigen Auswärts-Punktverlust des Rekordmeisters. Gelungen war ihm das im November 2012 mit einer extrem defensiven Ausrichtung.
Und so stellten sich vor dem Spiel am Freitagabend zwei Fragen: Könnte Hecking gleiches auch mit seinem neuen Club VfL Wolfsburg schaffen? Und wie genau würde er den neuerlichen Beinstellversuch taktisch diesmal angehen?
Die Antwort auf die erste Frage war spätestens beantwortet, als Arjen Robben in der Nachspielzeit nach feinem Pass von Thomas Müller zum 2:0-Endstand traf. Die Antwort auf die zweite braucht mehr Raum.
Hecking wählte im Vergleich zum Nürnberg-Spiel eine auf den ersten Blick mutigere Variante. Anders als im November und anders auch als etwa Schalkes Trainer Jens Keller, der vergangene Woche beim 0:4 in München ebenfalls auf totale Defensive gesetzt hatte, verteidigte Wolfsburg diesmal erheblich höher, setzte die Bayern schon früh in deren Hälfte unter Druck.
Vermeidung statt Risiko
Hecking hatte dafür das gewohnte 4-2-3-1-System an die Stärke des Gegners angepasst. Für Fagner und Ivan Perisic stellte der Trainer die defensivstärkeren Makoto Hasebe und Ivica Olic auf und wählte zudem eine sehr mannorientierte Taktik: Die Spieler des VfL hielten stets kurze Abstände zu ihren Gegenspielern. So bekam es Christian Träsch mit Bastian Schweinsteiger, Jan Polak mit Toni Kroos und Diego mit Luiz Gustavo zu tun. Selbst Stürmer Bas Dost hatte einen Auftrag: die permanente Beschattung von Bayern-Innenverteidiger Dante, um dessen Spieleröffnung zu stören.
Diese direkte Zuordnung - auch auf den Flügeln - sowie der frühe Pressingansatz führten dazu, dass die Gastgeber hohen Druck auf Bayern ausübten. Dadurch konnten die Gäste nicht wie gewohnt ihr Ballbesitzspiel aufziehen, sondern wurden sogar zu einigen ungewohnten Befreiungsschlägen gezwungen.
Bayern-Trainer Jupp Heynckes reagierte: Er beorderte Schweinsteiger früh zurück zwischen die eigenen Innenverteidiger, um eine zusätzliche Passoption und mehr Ballsicherheit zu erreichen. Das gelang, die Bayern schraubten ihre Spielanteilwerte deutlich über 60 Prozent. Von jener Dominanz, die man noch gegen Schalke ausstrahlte, war dagegen wenig übrig. Bis zu Mandzukics 0:1 in der 36. Minute, das bezeichnenderweise aus einem Standard resultierte, erspielten sich die Münchner nur eine klare Torchance.
Doch was nach einem guten Spiel der Wolfsburger klingt, war in Wahrheit eine Mogelpackung: Denn den Bemühungen des Hecking-Teams lag ein reiner Vermeidungsansatz zugrunde, es ging ausschließlich um die Verhinderung gegnerischer Torchancen. Eigene gab es aber auch nicht.
Wolfsburger Erstarrung
Das hatte (neben dem exzellenten Gegenpressing der Bayern, einer fast unheimlich geschlossenen Arbeit gegen den Ball) auch viele Gründe auf Seiten des VfL. Zum einen trat Wolfsburg nur scheinbar mutig auf. Durch das frühe Attackieren hielten sich zwar permanent bis zu vier Spieler in der Bayern-Hälfte auf. Wenn aber Ballgewinne gelangen, wagten nur die wenigsten von ihnen den Weg in den Münchner Strafraum - aus Angst, nach einem Gegenangriff bestraft zu werden. So hatte der Ex-Münchner Ivica Olic zwar gleich mehrere Flankenläufe über links, fand mit seinen Hereingaben aber nie einen Abnehmer, weil der einzig mitgelaufene Spieler, Dost, durch Dante und Van Buyten aus dem Spiel genommen wurde.
Auch nach dem Rückstand vermied Wolfsburg jedes Risiko, etwa in Form aufgerückter Außenverteidiger oder eines vertikaler agierenden Sechsers. So gab der VfL nach dem 0:1 nur noch fünf Schüsse ab, von denen nur einer, Diegos Freistoß, auf das Tor kam (77.). Bezeichnend auch eine Szene kurz vor Schluss, als der eingewechselte Robben am Wolfsburger Strafraum den Ball verlor und damit eigentlich eine Kontergelegenheit anbot. Gefahr brachte diese trotzdem nicht, weil gleich vier Wolfsburger an der Strafraumgrenze verharrten - nur um wenig später (Ironie!) das 0:2 durch ebendiesen Robben trotzdem nicht zu verhindern.
Die Idee, das Bayern-Spiel aggressiv schon früh zu stören, statt sich in der eigenen Hälfte zu verschanzen, hebt den VfL Wolfsburg im Vergleich mit den meisten Gescheiterten vor ihm positiv heraus. Doch am Ende steckte auch hinter diesem Versuch der profane Ansatz der Schadensbegrenzung. Leider.
Ob es gegen die Bayern auch anders geht, kann als nächstes der FC Arsenal im Achtelfinalhinspiel der Champions League (Dienstag, 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) probieren. Die "Gunners" sind nicht für ihre risikoscheue Spielphilosophie bekannt. Trainer Arséne Wenger hat zudem gute Erinnerungen an die Gäste aus München: Vor heimischem Publikum hat der Arsenal-Coach im Europacup noch nicht gegen die Bayern verloren.
VfL Wolfsburg - Bayern München 0:2 (0:1)
0:1 Mandzukic (36.)
0:2 Robben (90.+2)
Wolfsburg: Benaglio - Hasebe, Naldo, Madlung, Marcel Schäfer - Polak - Vieirinha (75. Helmes), Träsch (75. Fagner), Diego, Olic (65. Perisic) - Dost
München: Neuer - Lahm, van Buyten, Dante, Alaba - Luiz Gustavo, Schweinsteiger - Thomas Müller, Toni Kroos (79. Timoschtschuk), Ribery (78. Robben) - Mandzukic (83. Gomez)
Schiedsrichter: Felix Zwayer
Zuschauer: 30.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Madlung, Vieirinha, Dost, Hasebe, Naldo (8) - Ribery (2), Dante (4)
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