Taktikanalyse des Bayern-Spiels Vorsicht = Falle

Ball paradox: In der Anfangsphase des Champions-League-Finales beraubten sich die sonst so dominanten Bayern ihrer größten Stärke, aus Angst, Fehler zu begehen. Dortmund war das bessere München - bis der Favorit doch noch zu alter Sicherheit fand. Grund war eine offensive Umstellung.

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Eine halbe Stunde lang erinnerte das Spiel der Bayern bei ihrem Champions-League-Triumph an längst vergangene Zeiten. Zeiten, in denen ihnen der BVB den Schneid abgekauft hatte. Wie im DFB-Pokalfinale 2012. In ähnliche Muster verfielen die Münchner in Wembley.

Bayern fand sich mittellos gegen das aggressive, sehr frühe Pressing der Borussia. Dabei hat die Elf von Trainer Jupp Heynckes normalerweise Antworten auf derartige Verteidigungsstrategien ihres Gegners parat. Etwa durch das Zurückweichen der Offensivspieler. So verlässt Franck Ribéry gegen hoch pressende Mannschaften oft den linken Flügel und zieht sich an die Mittellinie zurück, um der unter Druck stehenden Abwehr als Anspielstation zu dienen. Toni Kroos tat ähnliches immer wieder sehr gut. Thomas Müller in Wembley weniger. Bayern hatte in der Spieleröffnung also nicht so viele Optionen wie nötig, das Mittelfeld bewegte sich nicht aktiv genug, sondern verschwand im Deckungsschatten der vordersten BVB-Reihe.

Weil eine schwarz-gelbe Wand den Münchner Angriff von der Abwehr isolierte, entstand der Eindruck, Bayern spiele einfallslos. Als einziges Mittel, sich aus dem Dortmunder Pressing zu befreien, verblieb oft der unter Druck geschlagene lange Ball. An sich kein Problem, denn die Bayern gehören zu den stärksten Mannschaften Europas, wenn es darum geht, über sogenannte zweite Bälle zu Torchancen zu kommen.

Das funktioniert eigentlich so:

  • Mario Mandzukic fungiert als Zielspieler für einen hohen Ball, postiert sich inmitten der gegnerischen Hälfte und steigt zum Kopfball hoch.
  • Um ihn herum orientieren sich bis zu sechs Mitspieler. Ihre Aufgabe: Den Ball erobern, egal, ob Mandzukic oder dessen Gegenspieler das Duell gewinnt.

Diesmal wagten es die Bayern jedoch lange nicht, sich derart hoch zu positionieren - wohl aus Angst, die Abwehr zu entblößen und von Dortmund ausgekontert zu werden. Konsequenz daraus waren zahlreiche gewonnene Bälle für die Borussia, besonders Gündogan tat sich in dieser Disziplin hervor.

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Aus dieser Vorsicht der Münchner resultierte ein gravierendes Problem: Das Gegenpressing, Bayerns grandiose Verbesserung im Vergleich zur vergangenen Saison, war lange nicht vorhanden. Weil Bastian Schweinsteiger, David Alaba und Philipp Lahm in der eigenen Hälfte verharrten, gelang es Bayern kaum, Überzahl in Ballnähe gegen den BVB herzustellen. Dies war das Paradoxon von Wembley: Die Bayern spielten betont vorsichtig, waren auf Fehlervermeidung aus, beraubten sich so aber der eigenen Stärke. Ihre Spielweise wurde zum Bumerang - und verschaffte dem BVB Vorteile.

Manuel Neuer und eine erhebliche Leistungssteigerung noch im ersten Durchgang verhinderten, dass sich Geschichte wiederholte und die Münchner wie im Pokalfinale 2012 vom BVB überrollt wurden.

Robben und Ribéry: Erst isoliert, dann unzertrennlich

Bayern schaltete zunehmend besser um. Wenn nötig, verfolgte etwa Ribéry Gegenspieler Lukasz Piszczek bis in den eigenen Strafraum. Bayern wurde mutiger, schob kollektiv weiter nach vorne und zog sein Gegenpressing dadurch immer effektiver auf. Gepaart mit einem allgemein früheren Pressing wurde verhindert, dass der BVB seine Überfallangriffe starten konnte. So wirkte Bayerns Defensive in Hälfte zwei deutlich stabiler. Den Grundstein dafür legten die Münchner weit vorne.

Auch im Angriff veränderte Bayern spätestens nach dem Seitenwechsel das eigene Spiel. Mandzukic war nicht mehr Zielspieler für lange Anspiele. Stattdessen versuchten die Bayern, Bälle in den Rücken der Dortmunder Abwehrkette zu spielen - in den Lauf von Arjen Robben. Weil die Borussia das kraftraubende Pressing nicht durchhielt, konnten Dante und Jérôme Boateng in Ruhe solche Pässe spielen.

Im Dortmunder Felddrittel spielten die Bayern dann ganz stark. Speziell Ribéry und Arjen Robben nahmen sich Freiheiten, suchten einander unablässig. Das durften sie, weil Mandzukic und Müller mannschaftsdienlich spielten. Mandzukic übernahm Robbens angestammte Position auf dem rechten Flügel, Thomas Müller lenkte mit seinen Bewegungen an der Strafraumgrenze unter anderem beim 1:0 Mats Hummels' Aufmerksamkeit auf sich. Robben und Ribéry fanden immer wieder zueinander. Auf engstem Raum kombinierten sie zusammen, wurden für den Gegner unkontrollierbar - und spielten beide Tore zum Champions-League-Triumph heraus.

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rüpelrudi 26.05.2013
1. Es war gut zu erkennen,
wie nervös die Bayern am Anfang agierten.Dem Ribery sind ja schon Mitte der 1.Hz die Sicherungen durchgebrannt.Der Kerl kann nur provozieren und austeilen,aber einstecken gar nicht.Und wer weiß,nutzt Dortmund eine der Chancen in der 1.halben Stunde,wie´s dann ausgeht.Das hätte durchaus einen Knacks bei den Bayern auslösen können, zumal sie eigentlich zu dem Zeitpunkt schon nur noch zu zehnt hätten sein müssen.Aber Zitat Goethe:Grau,lieber Freund,ist alle Theorie....
WhereIsMyMoney 26.05.2013
2.
Die erste halbe Stunde sah so aus, wie ich es erwartet hatte. Ich halte auch sehr viel von Kroos Herr Montazeri. Müller hat seine Stärken nicht im Spielaufbau, und schon gar nicht auf dieser Position. Doch ich denke dass das Bayern-Spiel besser wurde lag an Martinez offensivere Aurichtung .... und natürlich an dem Nachlassen des Dortmunder Pressings der sehr viel Kraft kostete. Bayern ging danach deutlich mehr Risiko ein als Schweinsteiger praktisch der einzige 6er war. Man muss aber zugeben, dass Bayern am Ende vielleicht einen Tick besser war. Der Sieg somit verdient.
christoffe10 26.05.2013
3. Wieder die Dusel-Bayern,
Der Schiedsrichter hat das Spiel zum Nachtteil von BVB entschieden. Ribery hätte wegen einer Tätlichkeit die "Rote Karte"bekommen müssen, und Dantes Foul (Tritt in den Bauch) an Reus war Gelb/Rot. Ansonsten war Bayern in der zweiten Hälfte die Mannschaft mit den besseren Tormöglichkeiten.
Binideppert? 26.05.2013
4. Naja...
...das kann man so sehen. Aber man kann es auch anders sehen: Dortmund versuchte mit aller Macht und Kraft ein frühes Tor zu erzielen, was die Bayern mit aller Macht zu verhindern wussten. Nach einer halben Stunde wurde aufgrund ihrer Spielweise die Biene Maja flügellahm, und das Imperium schlug zurück!
m_c 26.05.2013
5.
Welch ein pseudo-intellektuelles Gewäsch. Hätte Dortmund in den ersten 20 Minutren ein oder gar zweimal getroffen, wäre die "Analyse" entsprechend umgedreht worden. Einer der besten Sätze zum Fußball bleibt "Der Ball ist rund".
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