Taktik-Analyse des Supercups Dortmunds alte Stärke, Bayerns neue Schwächen

Fünf Spiele in Folge war dem BVB kein Sieg gegen die Bayern gelungen. Im Supercup triumphierte Dortmund jetzt erstmals seit zwei Jahren - weil es sich zurückbesonnen hat auf seine Stärken. Die Bayern dagegen müssen sich erst noch finden.

FCB-Stürmer Mandzukic, BVB-Profi Sahin: Dortmunds Plan ging auf
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FCB-Stürmer Mandzukic, BVB-Profi Sahin: Dortmunds Plan ging auf

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Countdown zum Start der neuen Bundesliga-Saison
Arjen Robben breitete die Arme aus, sprintete mit ekstatischem wie fassungslosem Gesichtsausdruck über das Feld und bejubelte seinen Siegtreffer in der 89. Minute; die BVB-Profis sanken auf den Rasen nieder. Einen großen Kampf hatten die Dortmunder ihrem Gegner geboten, ein phantastisches Spiel geliefert. Als Robbens Schuss über die Torlinie kullerte, wussten sie: Sie waren geschlagen.

64 Tage trennen dieses Ereignis, das Finale der Champions League, und den Supercup in Dortmund. Und auch wenn das Duell BVB versus Bayern diesmal einen anderen Ausgang nahm: In mancher Hinsicht glichen sich die Szenen aus London und Dortmund.

Etwa in den Anfangsphasen. Dortmund hatte sich in Wembley wie in Dortmund einen mutigen Plan zurechtgelegt, wie es den Bayern begegnen wollte: Offensiv - ob mit Ball oder ohne. Offensiver zumindest, als in jenen fünf Begegnungen, in denen dem BVB kein Sieg gelungen war.

Statt wie im DFB-Pokal-Viertelfinale 2013, das die Bayern hochverdient 1:0 gewannen, auf ein abwartendes 4-5-1-System zu bauen, formierte Jürgen Klopp seine Mannschaft in jenem 4-2-3-1, das sie am besten kennt. Statt die Stärken der Bayern einzudämmen, Gegentore zu vermeiden, attackierte Schwarz-Gelb weit vorne - wie in Wembley. Dortmund versuchte mit seinem Angriffspressing den Ball zu erobern und selbst gefährlich zu werden.

Dortmunder Pressing leitet das 1:0 ein

Im Endspiel der Champions League ist Jürgen Klopp mit diesem offensiven Spielstil nicht erfolgreich gewesen. Und doch hat er sich erneut für eine angriffslustige Taktik entschieden. Weil in Wembley nicht viel zum Erfolg fehlte. Und weil er sich zurückbesinnt auf das, was den BVB in den letzten Jahren so erfolgreich gemacht hat: herausragendes Pressing, exzellentes Umschalten - und Mut.

Diesmal ging der Plan auf. Vom Start weg rückte die Borussia zum Teil mit sieben Spielern in Bayerns Hälfte vor. Dem frühen 1:0 ging ebenfalls ein sehr gut koordiniertes Spiel gegen den Ball voraus: Robert Lewandowskis Sprint in Richtung Tom Starke war es, das den Torwart zu einem ungenauen Befreiungsschlag verleitete. Auch die anderen Dortmunder waren weit aufgerückt: Ilkay Gündogan fing den Ball in Strafraumnähe ab und hatte sofort mehrere Anspielstationen, Sven Bender, nominell defensiver Mittelfeldspieler, bereitete den Treffer aus dem Strafraum heraus vor.

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Supercup: Sechs Tore in Dortmund
Mit der Führung im Rücken konnte sich der BVB ins Mittelfeld zurückziehen, statt das laufintensive Angriffspressing aufrecht erhalten zu müssen. In Wembley war kein Führungstreffer gelungen, und Dortmunds Kräfte ließen mehr und mehr nach.

Und Bayern? Unter Jupp Heynckes war es üblich, gegen Teams, die früh attackierten, gezielt lange Bälle auf Mario Mandzukic zu schlagen. So konnte die erste Verteidigungslinie des Gegners überwunden werden. Dass Mandzukic auch gegen Dortmund in der Startelf stand, ließ für den Supercup Ähnliches erwarten.

Unter Pep Guardiola operieren die Bayern aber kaum mehr mit solchen Pässen. Mitunter schlagen sie lange Bälle in die Spitze. Jedoch selten, um über sogenannte zweite Bälle zum Erfolg zu kommen; vielmehr versuchten sie im Spiel gegen den BVB, in den Rücken von dessen Abwehr zu gelangen.

Gündogan spürte Bayerns Abstimmungsprobleme auf

Vor allem aber gilt es unter dem neuen Trainer, stets spielerische Lösungen zu finden. Befreiungsschläge waren unter Guardiola schon bei Barcelona nicht an der Tagesordnung, sondern das letzte Mittel, um Gegentore zu vermeiden.

Thiago und Co. spielten aber mehrfach zu ungenau, und Bayern tat sich lange schwer, zu richtigen Chancen zu kommen. In der Offensive hatten die Münchner also phasenweise Probleme - ohne dabei zu enttäuschen. Gerade nach der Pause erspielten sie sich einige klare Chancen, indem sie die dann zu eng formierte Dortmunder Defensive aushebelten.

In der Rückwärtsbewegung wirkten die Bayern aber deutlich anfälliger als in der vergangenen Saison. Auch das hatte taktische Gründe. Guardiola ließ seine Elf den BVB in dessen Hälfte angreifen. Kam Dortmund an der ersten Reihe der Bayern vorbei, fand es große Räume, in denen sich besonders der starke Ilkay Gündogan bewegte.

Die Freiräume entstanden, weil anders als noch zu Heynckes' Zeiten nur noch ein Sechser vor der Abwehr verteidigt: Thiago. Orientierte sich dieser zum Ball, gab er eine gefährliche Zone frei. Die Abstimmung mit Toni Kroos und später Bastian Schweinsteiger stimmte nicht - Bayern kassierte erstmals seit mehr als einem Jahr mehr als drei Gegentore in einer Partie. Auch damals hieß der Gegner Dortmund.

Dortmunds Supercup-Triumph muss indes nicht bedeuten, dass die anstehende Bundesligasaison spannender wird. Denn Abstimmungsprobleme müssen nicht von Dauer sein; binnen weniger Partien könnten die Mechanismen der Münchner vollends funktionieren. Es bleibt abzuwarten, ob es Dortmund auch dann gelingen wird, die Bayern zu schlagen.

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insgesamt 137 Beiträge
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simbally 28.07.2013
1. Danke Dortmund!
Ein Anfang ist gemacht! Und evtl. wird die kommende Bundesliga Saison ja doch nicht soo langweilig wie vermutet ;) Und dem "FC Pep" tut so eine Niederlage auch sicherlich gut ;)
nepukadneza 28.07.2013
2. Toller Saisonstart
Ohne 5 CL Final-Bayern, dafür mit Leichtfuß Thiago reicht es gegen hoch motivierte BVB-ler hält nicht. Dazu noch schöne Fehler wie beim 1:0 (Starke, van Buyten, Starke), ungeahndete Fouls wie beim 2:1 von van Buyten!!! (Lewandowski an Boateng) und zum Abschluss auch noch ein gegebenes Abseitstor (4:2 Reus). Was will man da noch zu Weihnachten als Dortmunder???
Ausfriedenau 28.07.2013
3. Danke für die gute Tatikanalyse
Zitat von sysopDPAFünf Spiele in Folge war dem BVB kein Sieg gegen die Bayern gelungen. Im Supercup triumphierte Dortmund jetzt erstmals seit zwei Jahren - weil es sich zurückbesonnen hat auf seine Stärken. Die Bayern dagegen müssen sich erst noch finden. http://www.spiegel.de/sport/fussball/taktik-analyse-zum-supercup-borussia-dortmund-bayern-muenchen-a-913528.html
Die Frage ist, ob die erfolgsverwöhnten Bayernspieler bereit und in der Lage sind, sich auf Guardiolas Taktik einzulassen. Wenn die mauern - was ja aus ihrer Sicht dank der Erfolge unter Heynkes verständlich wäre - wirds Turbulenzen geben. Bleibt die Frage, wie sich dann die Überschlauen wie Hoeneß und Co. verhalten. Jupp hat nicht definitiv ausgeschlossen, dass er für immer seine Karriere beendet hat.
Byrdy100 28.07.2013
4. Jetzt geht schon
die Diskussion los Warum, Wieso und Weshalb die Münchener doch nicht Meister etc. werden. Zu dem Spiel gestern kann man sagen, dass der BVB einfach besser gespielt hat. Da muss man sich auch von den Bayern keine Ausreden anhören. Und Jürgen hat es gestern aufn Punkt gebracht. Wir haben noch 16 weitere Konkurrenten denn die Liga besteht nicht nur aus Dortmund und München.
Attila2009 28.07.2013
5.
Zitat von sysopDPAFünf Spiele in Folge war dem BVB kein Sieg gegen die Bayern gelungen. Im Supercup triumphierte Dortmund jetzt erstmals seit zwei Jahren - weil es sich zurückbesonnen hat auf seine Stärken. Die Bayern dagegen müssen sich erst noch finden. http://www.spiegel.de/sport/fussball/taktik-analyse-zum-supercup-borussia-dortmund-bayern-muenchen-a-913528.html
Eine Woche vorher gegen Barcelona B waren sie schon wieder die Superübermannschaft und nun nachdem sie mal kein Glück hatten müssen sie sich wieder "finden " ? Jetzt finden am Ende der Saisonvorbereitung ? Ist das nicht schon ein bissel spät und wie Lahm tönt sie wären noch in der Vorbereitung ? Die Taktikanalysen kann man sowieso in die Tonne trenen weil jeder Erfolg und wenn es durch ein abgefälschen Sonntagsschuß ist - der jeweiligen Taktik recht gibt. Gewinnt man hat man alles richtig gemacht, die Taktik ging auf und verliert man lags an der falschen Taktik.Nee ....zu einfach. Die Bayern hatten einfach einen schlechten Tag,hatten kein Glück, keinen Schiedsrichter auf ihrer Seite ,das Publikum war der 12. Mann und Dortmund hat gut gegengehalten und selbst das nötige Glück. Wie schon einer sagte: Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu.(Jürgen Wegmann) Bei aller Taktik entscheidet noch die individuelle Leistungsfähigkeit im Zweikampf, im Laufvermögen,Kraft,Schnelligkeit Ballkontrolle und Übersicht und dann noch ein wenig Glück.
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