Taktiktrends der WM Alle Mann: Deckung!

Die Nationalmannschaften überraschen bei der WM mit taktischen Revolutionen: Dreier- und Fünferketten erleben eine Renaissance, die Manndeckung kehrt zurück. Welche Strategien haben in Brasilien Erfolg?

Messi umringt von Schweizer Gegenspielern: Favoriten tun sich schwer
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Messi umringt von Schweizer Gegenspielern: Favoriten tun sich schwer

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Weltmeister Spanien? In der Vorrunde gescheitert. Außenseiter wie Algerien und Costa Rica setzten dagegen Ausrufezeichen, weil sie auf ungewöhnliche taktische Mittel zurückgriffen. Die WM 2014 ist eine WM der Überraschungen. Sie deutet einen Wandel der Taktiktrends im Weltfußball an. Diese vier Erkenntnisse brachte sie bislang hervor.

1. Das Verschwinden des 4-2-3-1

Weltmeisterschaften sind Spiegel taktischer Entwicklungen ihrer Zeit. Meist greifen Nationaltrainer jene Systeme auf, mit denen Klubteams aktuell erfolgreich sind. Die wenigen Wochen, die Nationalmannschaft und Trainer vor einem Turnier miteinander verbringen, lassen kaum Zeit für die Entwicklung komplexer eigener Systeme.

Es ist daher kein Zufall, dass bei der WM 2010 das 4-2-3-1 die Formation schlechthin war. Im selben Jahr standen sich im Champions-League-Finale mit Inter Mailand und Bayern München zwei Teams gegenüber, die jeweils mit dieser Formation antraten. In Südafrika vertraute dann knapp die Hälfte aller Teams auf das 4-2-3-1. Es waren vor allem erfolgreiche Nationen wie Deutschland, die Niederlande und Weltmeister Spanien.

WM 2010, Halbfinale, Deutschland - Spanien
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Bei der WM 2010 in Südafrika vertrauten die meisten Trainer auf das gleiche System: das 4-2-3-1. Fünf der acht Viertelfinalisten nutzten die Formation, vor allem Deutschland setzte sie stark um. Im Halbfinale war für Bundestrainer Joachim Löw und seine Elf (weiße Symbole) gegen Spanien im 4-3-3 (schwarz) allerdings Schluss.

WM 2014, Vorrunde, Deutschland - USA
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Lange hielten viele Spitzenteams am 4-2-3-1 fest. In Südafrika nutzten es fünf der acht Viertelfinalisten. Nun, bei der WM 2014, kehren viele vom einstigen Erfolgssystem ab. Auch Joachim Löw, lange einer der größten Verfechter des Systems, lässt nun in einem 4-3-3 spielen, etwa im Spiel gegen die USA (4-1-4-1, weiß).

WM 2014, Vorrunde, Niederlande - Spanien
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Auch die Vierer-Abwehrkette prägte den Fußball der vergangenen Jahre. In Brasilien verteidigen viele Topmannschaften plötzlich anders. Die Niederlande (hier beim 5:1-Sieg über Spanien) bauen auf ein eine Mischung aus 5-3-2 und 3-4-1-2.

WM 2014, Vorrunde, Costa Rica - Uruguay
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Den sensationellen Einzug ins Viertelfinale verdankt Costa Rica auch seinem defensiven 5-4-1-System (hier die Aktionsradii der Spieler aus der Partie gegen Uruguay).

WM 2014, Achtelfinale, Chile - Brasilien
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Deutlich offensiver trat Chile auf. Die Mannschaft von Trainer Jorge Sampaoli spielte meist in einem 3-4-1-2 (hier im Achtelfinale gegen Brasilien), das oft zu einem 3-3-1-3 oder 3-3-3-1 wurde.

WM 2014, Vorrunde, Chile - Australien
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Auffällig: Bei ihrem WM-Auftakt gegen Australien spielten die Chilenen noch in einem 4-3-1-2. Es ist ein Merkmal vieler Turnierteilnehmer, dass sie zwischen verschiedenen Partien ihr System wechseln.

Nun ist das 4-2-3-1 bei der WM in Brasilien zwar nicht verschwunden. Quantitativ erreicht es sogar seinen Zenit: 18 der 32 Nationen verwendeten es bislang zumindest einmal. Davon schieden allerdings elf bereits nach der Vorrunde aus. Bei den Spitzenmannschaften hat dagegen ein Umdenken eingesetzt: Im Achtelfinale wählten nur noch acht der 16 Teams das 4-2-3-1.

2. Die Wiederentdeckung der Dreier- und Fünferkette

Nicht nur das 4-2-3-1 wird seltener: Auch vom Dogma der Vierer-Abwehrkette lassen mehr und mehr Nationen ab. Vier Achtelfinalisten verteidigten mit einer Dreier- oder Fünferkette, mit den Niederlanden und Costa Rica schafften zwei den Einzug ins Viertelfinale. Zum Vergleich: In Südafrika gab es in der K.-o.-Runde nur eine Mannschaft, die nicht mit vier Verteidigern spielte: Marcelo Bielsas Chile (3-4-2-1).

Die Niederlande und Costa Rica bauen jeweils auf eine defensive Fünferkette. Der Clou dabei: hervorstechende Verteidiger, die das Mittelfeld verstärken und den Zwischenlinienraum schließen können. Diese Bewegung macht die Teams flexibel, anders als bei einer Viererkette geht sie nicht zulasten der hintersten Abwehrreihe. Prescht ein Spieler vor, bleiben noch vier, die viel Raum abdecken.

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Neu ist das nicht. 1990 setzten etwa neben Weltmeister Deutschland zahlreiche andere Nationen auf ein 3-5-2. In der jüngeren Vergangenheit schien die Viererkette jedoch derart etabliert, dass der Variantenreichtum der WM in Brasilien wie eine kleine Revolution wirkt.

3. Die Renaissance der Manndeckung

Dass die Viererkette zuletzt lange das Maß der Dinge war, lag auch daran, dass die Manndeckung als Inbegriff für unmodernen Fußball galt. Statt Abwehrspezialisten, die die gegnerischen Stürmer beschatteten und vom Libero abgesichert wurden, setzten moderne Teams auf konsequente Raumdeckung und das Übergeben von Gegenspielern. Dabei deckt jeder Profi je nach Position des Balls eine Zone, in der er sein Gegenüber bewacht. Sobald dieser den Bereich verlässt, übernimmt ein Mitspieler.

Zwar werden in Brasilien keine klassischen Manndeckungen praktiziert, bei denen dem Gegner überallhin gefolgt wird. Die Mannorientierungen sind jedoch stärker geworden. Algeriens Spieler gaben gegen Deutschland ihre Position häufig auf, um Toni Kroos und Co. möglichst schon bei der Ballannahme zu stören. Chiles Superstar Arturo Vidal attackierte beim Sieg über Spanien Spielmacher Sergio Busquets unablässig. Die entstandenen Lücken wurden von Mitspielern besetzt. Ähnlich verteidigen die Niederlande. Die Kunst dabei ist, 90 Minuten lang aufmerksam zu bleiben - und zugleich die Kraft aufzubringen, nach Balleroberungen selbst zu stürmen.

4. Das Wanken der Favoriten

"Glauben Sie, im Achtelfinale gibt es noch Karnevalstruppen? Die haben es uns richtig schwer gemacht", sagte DFB-Verteidiger Per Mertesacker in seinem TV-Interview nach dem Algerien-Spiel. Auch Costa Rica oder der starke Auftritt der Schweiz gegen Argentinien zeigten, wie schwer es viele Außenseiter den Favoriten machen.

Oft spiegeln unterlegene Teams die Formation des Gegners, um diese in viele Zweikämpfe zu zwingen und sie auf das eigene Niveau herunterzuziehen. Auch die genannten Manndeckungen und flexiblen Abwehrmechanismen sind Gründe für die WM-Überraschungen.

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Vielleicht gibt es dafür auch psychologische Gründe. Womöglich fallen "defensive Läufe", also solche in Richtung freistehender Gegenspieler, leichter als Freilaufbewegungen von Offensivspielern. Der Abwehrspieler hat ein klares Ziel vor Augen. Er weiß: Laufe ich nicht dorthin, fällt ein Gegentor. Der bewachte Offensivspieler, der dagegen auf einen raumöffnenden Lauf verzichtet, bewirkt zunächst keine Konsequenz in Form eines Gegentreffers. Auch daran könnte es liegen, dass manch Favoritensieg nicht durch spielerische Klasse, sondern vor allem durch Einzelaktionen der großen Individualisten zustande gekommen ist.

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Seite 1
kommunaler querdenker 03.07.2014
1. Aha...
....11 von 18 Teams die 4 2 3 1 spielten schieden in der Vorrunde aus. Im Achtelfinale spielten dann noch 8 von 16 Teams 4 2 3 1... Da hat wohl jemand seinen Mathekurs geschwänzt!
odins_krautsalat 03.07.2014
2.
Zitat von kommunaler querdenker....11 von 18 Teams die 4 2 3 1 spielten schieden in der Vorrunde aus. Im Achtelfinale spielten dann noch 8 von 16 Teams 4 2 3 1... Da hat wohl jemand seinen Mathekurs geschwänzt!
Das erklären Sie mir doch bitte mal.
Lontrax 03.07.2014
3.
Zitat von kommunaler querdenker....11 von 18 Teams die 4 2 3 1 spielten schieden in der Vorrunde aus. Im Achtelfinale spielten dann noch 8 von 16 Teams 4 2 3 1... Da hat wohl jemand seinen Mathekurs geschwänzt!
Oder es hat jemand sein Logikkurs geschwänzt. Denn vielleicht hat im Achtelfinale auch ein Team 4 2 3 1 gespielt, der dies in der Vorrunde nicht getan hat.
~Hombre~ 03.07.2014
4. Falsch gedacht
Das hat nichts mit Mathekurs zu tun, sondern mit Flexibilität. Wer sagt denn, dass alle Teams nur ein System spielen?
Andr.e 03.07.2014
5.
Zitat von LontraxOder es hat jemand sein Logikkurs geschwänzt. Denn vielleicht hat im Achtelfinale auch ein Team 4 2 3 1 gespielt, der dies in der Vorrunde nicht getan hat.
Ich wollte letztens 5 4 3 2 1 0 spielen. Als ich das vorschlug, durfte ich nicht mehr mitmachen. Kann mir jemand erklären, warum?
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