Taktik-Trend der Saison: Fortschritt durch Rückzug

Von Danial Montazeri

Taktiktrend der Saison: Der "abkippende Sechser" Fotos
DPA

Die Bundesliga ist in ihrer Spitze so stark wie nie. Das Finale von Wembley und die Rekordsaison der Bayern zeugen davon. Die deutschen Clubs entwickeln sich taktisch nach vorne - dafür ziehen sich ihre Spielgestalter zurück bis in die eigene Abwehr.

Etliche Rekorde fielen, der erste internationale Titel seit zwölf Jahren wurde gewonnen, und vielerorts gilt die Bundesliga aktuell als stärkste Liga der Welt. Zumindest in ihrer Spitze ist sie tatsächlich ganz oben angekommen - auch wenn gerade die Rekordsaison der Bayern als Argument gegen die Stärke der anderen Clubs verwendet werden kann.

Warum das so ist, lässt sich aus taktischer Sicht mit vielen Faktoren beantworten: dem hervorragenden Pressing der Top-Clubs, dem schnellen Umschalten von Abwehr auf Angriff und umgekehrt.

Oder dem Zurückweichen spielstarker Akteure in die eigene Abwehrlinie bei Ballbesitz. Ein Phänomen, das sich in der Liga etabliert hat.

Bei den Bayern tat es Bastian Schweinsteiger, nicht nur im Champions-League-Endspiel und im DFB-Pokalfinale. In Dortmund ist es Ilkay Gündogan, auf Schalke Roman Neustädter, in Frankfurt Sebastian Rode. Die Liste lässt sich fortführen. Gerade in der oberen Hälfte der Abschlusstabelle dieser Saison gibt es kaum eine Mannschaft, die ohne einen Sechser agiert, der sich in die Abwehr zurückzieht - und damit die eigene Offensive ankurbelt.

Wie das funktioniert, wurde in der Vorschau auf das Finale von Wembley bereits angedeutet: Durch die Rückwärtsbewegung des Mittelfeldspielers wird ein Verschiebemechanismus in Gang gesetzt, die Formation der eigenen Mannschaft organisiert sich neu. Indem sich der Sechser zwischen oder neben seinen Innenverteidigern positioniert, können die Außenverteidiger bei Ballbesitz bis an die Mittellinie rücken. Von dort verdrängen sie die nominellen Mittelfeld-Außen ins Zentrum, es entsteht ein 3-4-3.

Chelseas CL-Sieg: Abschreckung statt Vorbild

Die Unterschiede zwischen Spielsystemen dürfen dabei nicht unterschätzt werden. Im 3-4-3 bilden sich überall auf dem Feld Spieler-Dreiecke - optimal für Mannschaften, die das Geschehen aktiv gestalten wollen. Jedem Ballführenden bieten sich stets zumindest zwei Passoptionen. Durch das Einrücken der äußeren Mittelfeldspieler entsteht eine personelle Verdichtung im Zentrum der gegnerischen Hälfte. Kombinationsstarke Mannschaften erhöhen ihre Chancen, eine kompakte Defensive des Gegenübers zu knacken.

Etabliert hat sich der Trend aus verschiedenen Gründen:

    • Trotz der Champions-League-Triumphe Inters (2010) und Chelseas (2012) hat sich bei vielen Top-Teams eine Philosophie mit aktivem Spielkonzept durchgesetzt. Siehe die Nationalmannschaften Spaniens und Deutschland, siehe Barcelona und Real. Und: Siehe die Bundesliga. Dort sind vor allem destruktiv agierende Clubs abgestiegen. Dabei kann die aktive Spielweise auch mit geringeren finanziellen Mitteln kurzfristig Erfolg bringen, zumal spielstarke Stürmer teuer sind. Bestes Beispiel ist die Eintracht aus Frankfurt, die mit der aktiven Philosophie bemerkenswerte Erfolge für einen Aufsteiger gefeiert hat. In der Ligaspitze finden sich keine Teams, die vor allem zerstören wollen.

  • Kaum noch ein Bundesligist spielt ungeordnet bei gegnerischem Ballbesitz. Die meisten Mannschaften sind defensiv sehr gut organisiert- zumeist in einer 4-2-3-1-/4-4-2-Mischformation. In dieser wird gerade jene Zone besonders gut abgedeckt, in der klassischerweise der passstärkste Mann der ballführenden Mannschaft agiert - der Zehner. Die Folge: Viele Kreativspieler weichen aus dem Zentrum auf die Flügel oder zurück in Richtung eigene Hälfte.

Je besser die gegnerische Defensivordnung, desto wichtiger werden Kontrolle und Variabilität im eigenen Offensivspiel. Passstärke und Ideenreichtum sind deshalb bereits früh gefordert, nicht erst am Strafraum des Gegners. Auch darum sind Innenverteidiger wie Mats Hummels, Holger Badstuber oder Dante so stark. Sie verbinden die Passtechnik und das Auge eines Regisseurs mit der Physis eines Verteidigers.

Weil solche Abwehrspieler rar gesät sind, helfen Schweinsteiger und Co. hinten aus. Sie entlasten ihre Hinterleute, wenn diese sich unter dem Druck des gegnerischen Pressings winden. Zugleich entziehen sie sich dem destruktiven Einfluss ihrer Gegenspieler und sind der erste Spielmacher ihrer Elf.

Einiges spricht dafür, dass der Trend anhält. Beispiel Bayern. Gegen tief stehende Gegner dürfte auch Neu-Coach Josep Guardiola nicht auf Dreiecksbildung und Überzahl im Mittelfeld verzichten wollen. Stärkere Kontrahenten dürften früher stören, so wie Dortmund im CL-Finale. Der BVB hielt sein Angriffspressing jedoch nicht aufrecht, was auch daran lag, dass die Münchner eine Antwort parat hatten: den Rückzug ihrer Regisseure.

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insgesamt 31 Beiträge
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1.
WhereIsMyMoney 06.06.2013
Bei Bayern war es in dieser Saison richtig extrem. Teilweise waren ja Schweinsteiger UND Kroos bei den IVerteidigern gleichzeitig. Und Martinez bzw. Gustavo ein Stückchen davor.
2. Eigentlich nichts Neues
christian-1967 06.06.2013
die Beschreibung des Sechser erinnert doch irgendwie an einen Libero, ein bißchen Offensiver halt, wie es der Franz praktiziert hat und nach hinten sichern die Innenverteidiger die ab
3. :)
A. Lusthanf 06.06.2013
Mich hat die Schule eines Johann Cruyff seit jeher beeindruckt. Dass die Bayern auf dem Weg sind das Ganze noch mehr zu perfektionieren finde ich sehr zuschauerfreundlich *g*. Kein Grund mehr über zu viele Passspiele zu lamentieren. :)
4.
oli345 06.06.2013
Rückkehr des guten alten Liberos?
5. Libero?
to5824bo 06.06.2013
Zitat von christian-1967die Beschreibung des Sechser erinnert doch irgendwie an einen Libero, ein bißchen Offensiver halt, wie es der Franz praktiziert hat und nach hinten sichern die Innenverteidiger die ab
Der Vergleich mit dem klassischen Libero leuchtet mir nicht ein. Der Libero spielte in einem Manndeckungssystem als "freier Mann" (man sagte damals auch "ohne direkten Gegenspieler") hinter einem "Vorstopper" und sicherte diesen ab. Was oft auch nötig war, denn das waren nicht immer Filigrantechniker… Georg "Katsche" Schwarzenbeck vor Beckenbauer war da ein Paradebeispiel beim FC Bayern und in der NM.
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