Dortmunds Taktik im CL-Finale: Klopp zwischen Mut und Demut

Von

Die Welt schaut gespannt auf das Duell Bayern gegen Dortmund, Jürgen Klopp schaut besorgt auf den eigenen Kader: Mit Mario Götze fehlt ein entscheidender BVB-Spieler. Wie wird der Trainer taktisch auf den Ausfall reagieren? Er muss sich entscheiden - zwischen Sicherheit und Risiko.

Taktikvorschau: Struktur dank Schweinsteiger Fotos
Getty Images

"Es gibt derzeit in Europa nur einen Club, der in der Lage ist, Bayern zu schlagen: Das ist Borussia Dortmund", sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke jüngst im Interview mit der "Abendzeitung". Die vergangenen Begegnungen zwischen Dortmund und München scheinen dem zu widersprechen. Weder in zwei Bundesligaspielen noch im DFB-Pokal ist es Watzkes Club gelungen, die Bayern zu besiegen. Dabei hatte Trainer Klopp mit unterschiedlicher Taktik versucht, den Münchnern beizukommen: Im Liga-Hinspiel (1:1) und im Pokal (0:1) wählte er ein defensiv orientiertes 4-3-3; im Liga-Rückspiel (1:1) dann ein offensiveres 4-2-3-1.

Welche Taktik ist die richtige für das Champions-League-Finale in Wembley (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF und Sky, dazu der Fan-Liveticker auf SPIEGEL ONLINE hier)? Die Antwort darauf hängt mit einer weiteren Frage zusammen: Wie viel Risiko ist Klopp bereit, einzugehen?

Experimente wird es nicht geben

Ein Blick zurück zeigt Klopps wahrscheinlichste Optionen. Denn: In einem Endspiel wird kaum ein Trainer eine komplett neue Taktik aufbieten. Der Überraschungseffekt wäre zu groß - im Zweifel für die eigene Elf. Siehe die Hinrundenniederlage gegen Schalke, als die Borussia mit einem 3-5-2-System verblüffte und Klopp sein Experiment nach 30 Minuten beendete - da war Schalke allerdings schon in Führung gegangen.

Countdown zum CL-Finale

Das Finale am 25. Mai 2013 um 20:45

Noch näher dran mit der
SPIEGEL-ONLINE-FUSSBALL-App fürs Iphone.

In Liga und Pokal formierte Dortmunds Coach seine Mannschaft, mit Götze in der Startelf, im ungewohnten 4-3-3 - keine Systemumwälzung, sondern eine Anpassung an die Spielstärke der Münchner. Das System ist nur auf dem Papier offensiver; in Wahrheit stärkte es die BVB-Defensive. Klopps Idee:

  • Drei statt zwei zentral defensive Mittelfeldspieler. Kevin Großkreutz gesellte sich zu Sven Bender und Ilkay Gündogan. Abwechselnd stachen sie aus ihren Positionen nach vorne, sobald sich ihnen ein Münchner mit dem Ball näherte. Dortmund verdichtete so das Zentrum, zwang Bayern zu vielen langen Bällen.
  • Flügelstürmer, die vor allem für die Defensive arbeiten. Marco Reus links und Mario Götze (den in Wembley in diesem System wohl Jakub Blaszczykowski ersetzen würde) rechts orientierten sich an den gegnerischen Außenverteidigern. Erhielt ihr Gegenspieler den Ball, liefen sie frontal auf ihn zu, erzwangen damit einen Quer- oder Rückpass. Rückten Bayerns Außenverteidiger auf, verschoben Reus und Götze zurück und bildeten eine Fünferkette im Mittelfeld - sehr effektiv, um die Bayern-typischen Seitenwechsel zu verteidigen, da die Breite des Feldes mit fünf statt vier Spielern besser abgedeckt wird.

(Mehr zu der Taktik hier und in der kostenlosen SPIEGEL-ONLINE-Fußball-App fürs iPhone hier.)

Idealerweise schnürt der BVB seinen Gegner mit dieser Taktik in deren Hälfte ein, ohne selbst den Ball zu haben. Gegen Manchester City funktionierte das im Hinspiel in der CL-Gruppenphase glänzend. Spielten die Engländer quer, blieben sie harmlos. Suchten sie den Weg nach vorne, verloren sie den Ball im Dortmunder Mittelfeld - und der BVB konnte sein Umschaltspiel aufziehen.

Dortmunder Offensivvakuum

Die Nachteile dieser Spielweise kamen in Manchester nicht zum Vorschein, aber in München. Denn Bayern leistete sich kaum Ballverluste in der eigenen Hälfte. Durch Gegenpressing, also geschlossenes sofortiges Attackieren nach Ballverlust, gelang es, Dortmunds Tempogegenstöße zu blockieren. Mit langen Pässen auf Mario Mandzukic und gewonnenen zweiten Bällen überbrückten die Münchner das Dortmunder Mittelfeld und kamen zu Abschlüssen. Zudem ging der Borussia durch das Fehlen eines zentral-offensiven Mittelfeldspielers eine Anspielstation im Angriff verloren. Es entstand ein Offensiv-Vakuum, das der auf sich allein gestellte Robert Lewandowski nicht füllen konnte. Die Konsequenz: In München erspielte sich Dortmund kaum Chancen, die weitgehend stabile Defensive ging auf Kosten der eigenen Durchschlagskraft.

Sahins Pässe im Duell gegen Bayern (weitere Daten in der Fotostrecke) Zur Großansicht
Opta

Sahins Pässe im Duell gegen Bayern (weitere Daten in der Fotostrecke)

Auf diese Chancenlosigkeit reagierte Klopp im jüngsten Aufeinandertreffen per offensiv interpretiertem 4-2-3-1. Ilkay Gündogan besetzte die Zehnerposition und ersetzte dort den verletzten Götze; im defensiven Mittelfeld spielten nur zwei Akteure, Sebastian Kehl und, wichtig: Nuri Sahin. Zwar musste Gündogan früh ausgewechselt werden, doch eine Viertelstunde genügte, um aufzuzeigen, wie viel Offensivpower in dieser BVB-Elf auch ohne Götze steckt:

  • Mit Sahin und Gündogan verfügt die Borussia über ein Mittelfeld mit erhöhter Pressingresistenz. Durch ihre Technik sind beide in der Lage, Bälle auch unter Druck zu verarbeiten. Wo Bender oder Großkreutz bei gegnerischem Pressing den Sicherheitspass wählen, gelingt es ihnen den Ball anzunehmen, sich in Richtung gegnerisches Tor zu drehen und Angriffe zu initiieren. Götzes Ausfall kann damit aufgefangen werden.
  • Sahin lässt sich bei eigenem Ballbesitz zwischen seine Innenverteidiger fallen und löst eine Kettenreaktion aus: Die Innenverteidiger fächern auf, verdrängen die Außenverteidiger ins Mittelfeld, von wo aus die äußeren Mittelfeldspieler ins Zentrum rücken. Es entsteht eine situative 3-4-3-Formation, in der sich zahlreiche Anspielstationen in der gegnerischen Hälfte ergeben.

Dortmund ging in Führung durch ein Tor, das eingeleitet wurde von Sahin und Gündogan. Als Härtetest dient die Partie angesichts der Bayern-B-Elf nicht. Der BVB demonstrierte aber, wie gefährlich er sein kann.

Aber gilt das auch in einem Alles-oder-nichts-Spiel? Riskiert Klopp die defensive Stabilität zu Gunsten größerer Durchschlagskraft, oder ist er gegen scheinbar übermächtige Bayern zufrieden, solange es Unentschieden steht? Ein Endspiel gegen München über das Elfmeterschießen zu gewinnen - mit dieser Hoffnung war vergangene Saison auch Chelsea in das CL-Finale gegangen. Die wohl spannendste Frage aus taktischer Sicht beantwortet nur Jürgen Klopp. Um 20.45 Uhr, in Wembley.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 77 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Göttliche Fügung
BettyB. 25.05.2013
Ohne den Demnächstbayern Götze zu gewinnen - das wäre das Größtmögliche!
2. ohne4
Stabhalter 25.05.2013
Zitat von sysopDie Welt schaut
der Bessere soll siegen und ich wünsch es den gelb-schwarzen mit Jürgen Klopp.
3. Die ach so armen Dortmunder
rugall70 25.05.2013
Was ich inzwischen wirklich ein wenig peinlich finde, ist das Gejammer von Seiten der Dortmunder, dass sie ja der Underdog wären. Und dass die Bayern finanziell viel mehr Möglichkeiten hätten. Meine Güte! Bayern steht auf Platz 4 der umsatzstärksten Clubs der Welt. Und Dortmund auf Platz 11. Dortmund steht damit noch vor Inter Mailand (Platz 12). Und beinah gleichauf mit Juventus Turin (Platz 10). Wo bitte liegt das Problem? Darüber hinaus haben sich die Bayern ihren Status und ihre Möglichkeiten selbst erarbeitet. Der vermeindliche Arbeiterclub Dortmund dagegen ist der einzige börsennotierte Verein in der Bundesliga! Die haben sich das Kapital an der Börse geholt. Oder nicht?
4. Kloppo ist mutig
PeterPaulPius 25.05.2013
Zitat von sysopDie Welt schaut
Je länger es mit defensiver Variante 0:0 steht, desto wahrscheinlicher, dass Bayern am Ende gewinnt, weil beim BVB dann irgendwann die Akkus leer sind. Das weiß natürlich Kloppo. Also wird er seinen BVB Fussball spielen lassen wollen. Und Sahin ist sowieso zurück geholt worden, weil sie in Dortmund geahnt haben, dass Götze gehen könnte. Sahin/Gündogan ist das Mittelfeld mit dem höchsten Spielverständnis in Europa. Da kommen Schweinsteiger/Martinez nicht mit.
5. Man könnte meinen....
alangasi 25.05.2013
...es gibt nichts wichtigeres auf dieser Welt
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik WM-News
RSS
alles zum Thema Champions League
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 77 Kommentare
Vote
Deutsches Finale

Wer gewinnt die Champions League?


Das Wembley-Stadion
Tabellen