DFB-Pokalfinale gegen Bayern Tuchels großer Bluff

Borussia Dortmund spielt im Schatten der Meister-Bayern eine tolle Saison. Doch glaubt man Thomas Tuchel, stehen die Chancen des BVB im Pokalfinale schlecht. Dabei arbeitet der Trainer schon seit vier Wochen am großen Coup.

Thomas Tuchel
AFP

Thomas Tuchel

Ein Gastbeitrag von Karsten Görsdorf


Ausgangspunkt von Thomas Tuchels größtem Bluff ist das letzte Endspiel gegen Bayern München, das sich als ganz normale Bundesligapartie verkleidet hatte. Am 25. Spieltag trafen beide Teams in Dortmund aufeinander, es ging um den letzten Rest Spannung in der Meisterschaft. Das Spiel endete 0:0, der Titel war für den BVB abgehakt. Doch das Duell könnte noch wichtig werden.

Denn als Tuchels Team wenig später erst unglücklich in der Europa League in Liverpool ausschied und dann im Pokalhalbfinale ungefährdet 3:0 bei Hertha BSC gewann, rückte das Unentschieden gegen die Bayern möglicherweise noch einmal in den Fokus. Tuchel brauchte einen Plan, um den großen Münchner Rivalen und dessen Trainer Josep Guardiola erstmals in dieser Saison zu besiegen.

Die Analyse der torlosen Partie könnte dem Strategen Tuchel drei Lösungsansätze gezeigt haben, die die Erfolgswahrscheinlichkeit im Pokalfinale deutlich erhöhen würden.

1. Unterbrich die Ballkontrolle!

Die Partie am 25. Spieltag war die mit Abstand intensivste Partie der Saison - im Sinne der Ballkontrolle. In keinem anderen Bundesligaspiel dieser Saison herrschte weniger Chaos. Das heißt: Die Teams kontrollierten lange das Spiel, sehr lange. Die effektive Spielzeit, also die Zeit, in der der Ball tatsächlich rollte, betrug sehr gute 60:57 Minuten. Die Bayern kontrollierten den Ball 35:11 Minuten, die Dortmunder 18:32 Minuten. Nur 7:14 Minuten wurde der Ball von keinem Team kontrolliert - Bestwert in dieser Saison.

Die längste Phase der Bayern-Ballkontrolle à la Guardiola war gigantische 1:23 Minuten lang - und das nicht gegen "Barfuß Kairo" (BVB-Chef Hans-Joachim Watzke), sondern gegen Borussia Dortmund. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Ballkontrollphase in der Bundesliga dauert rund neun Sekunden. Die Bayern dominierten das Spiel zunehmend, wie die Zahlen deutlich zeigen.

 Die Abbildung zeigt die durchschnittliche Dauer der Ballkontrolle jedes Teams und im Bundesliga-Mittelwert pro Viertelstunde über den Spielverlauf.
Institut für Spielanalyse

Die Abbildung zeigt die durchschnittliche Dauer der Ballkontrolle jedes Teams und im Bundesliga-Mittelwert pro Viertelstunde über den Spielverlauf.

Guardiola selbst sagt: "Wir brauchen Ballkontrolle. Wenn das nicht der Fall ist, haben wir ein Problem." Das ist bei Tuchels Team nicht anders. Sein erster Ansatz könnte also sein, einen Weg zu finden, die Ballkontrolle der Bayern stetig über das gesamte Spiel zu unterbrechen, um selbst das Spiel zu dominieren.

2. Erobere mehr Bälle in offensiven Räumen!

Wenn man das Spielfeld in 15 Teile zergliedert, dann eroberte Borussia Dortmund im rechten und linken offensiven Mittelfeld genau vier Bälle von insgesamt 104, die Bayern kamen dort auf 20 Prozent (99 Bälle). Der Weg zum Tor ist von dort bekanntermaßen nicht mehr weit, schnell lassen sich torgefährliche Situationen kreieren. Es könnte somit für Tuchel ein Ansatz sein, einen Fokus auf Balleroberungen in diesem Raum zu legen und zeitgleich bei eigener Ballkontrolle nicht zu früh Bälle im defensiven Mittelfeld auf den Außenbahnen zu verlieren.

Institut für Spielanalyse

 Die Abbildungen zeigen in der Ampellogik (grün = viele, gelb = mittel, rot = wenige oder gar keine) die Balleroberungen von Borussia Dortmund und vom FC Bayern München am 25. Spieltag
Institut für Spielanalyse

Die Abbildungen zeigen in der Ampellogik (grün = viele, gelb = mittel, rot = wenige oder gar keine) die Balleroberungen von Borussia Dortmund und vom FC Bayern München am 25. Spieltag

3. Reduziere die Fehlpassquote!

Insgesamt 43 Bälle hat der BVB im vergangenen Bundesligaduell gegen den FC Bayern durch Fehlpässe verloren, nur fünf durch einen technischen Fehler bei der Ballannahme. Das Minimieren der Fehlpassquote auch bei höchstem gegnerischen und zeitlichen Druck ist für Tuchel der dritte Mosaikstein für einen Pokalerfolg gegen die Bayern.

Unterbrechung der Ballkontrolle, Steigerung der Balleroberungen im tornahen Bereich und Reduktion der Fehlpassquote - nachdem die Lösungsansätze ausgemacht waren, blieb Tuchel genau ein Monat, um konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Der Trainer entschied sich dabei für die trainingswissenschaftlich gesehen beste Variante: den Wettkampf als Training. Dort musste der Trainer mehr Stammspieler entwickeln, um über das gesamte Spiel hohe Qualität gegen die Ballkontrolle der Bayern setzen zu können. Die weiteren Aufträge: testen von unterschiedlichen Kombinationen in Viererkette und auf den Außenbahnen und Erhöhung der Konzentration bezüglich der Passqualität.

Beim Spiel gegen den HSV stürmten der 17-Jährige Christian Pulisic, Bankdrücker Adrián Ramos und Zugang Gonzalo Castro. Die ersten beiden zahlten das Vertrauen mit drei Toren zurück. Gegen den VfB schickte Tuchel nach dem DFB-Pokal-Finaleinzug erneut Ramos und Pulisic (ein Tor) auf den Platz. Wie im Rausch agierten die Dortmunder beim Spiel gegen Wolfsburg. Erneut traf Ramos (neben Reus und Aubameyang). Hinzu kam, dass Bender in der Innenverteidigung auflief und mit seiner Qualität sowohl für mehr Ballkontrolle im eigenen Team als auch ohne Foulspiel wieder für die Unterbrechung beim Gegner sorgte.

Im Duell mit Eintracht Frankfurt agierten Aubameyang und Ramos als Doppelspitze. Zwar gewann die Eintracht 1:0, doch der wichtige Test des Zweiersturms unter Wettkampfbedingungen dürfte mehr Wert für Tuchel besessen haben - auch mit Fokus des Drucks auf den Außenbahnen in der schnellen Eroberung der Bälle nach deren Verlust. Am letzten Spieltag rotierte Tuchel erneut: Er schob Aubameyang auf den rechten Flügel und Bender auf die Rechtsverteidigerposition. Statt Mchitarjan begann Castro zurückgezogen und zentral neben Julian Weigl auf der Doppelsechs. Ein erneuter Wettkampftest einer von der vermeintlichen Stammformation abweichenden Startaufstellung, die kein Trainingsspiel simulieren kann. Das Resultat: ein 2:2 gegen Köln.

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Guardiola und Tuchel: Fußballfanatiker unter sich

Das Ergebnis des einmonatigen Tests: Kein Team dominierte den BVB über eine längere Phase des Spiels, in unterschiedlichen Konstellationen wurden mehr Bälle auf den Außenbahnen erobert und weniger verloren, die Passqualität lag bei durchschnittlich 88 bis zu 91 Prozent. Es gelang Tuchel ganz nebenbei, im Saisonfinale durch einen breiteren Kader die taktische Varianz zu erhöhen - es gibt nunmehr 15 bis 16 Stammspieler. Das reichte zwar noch nicht, um mit den Bayern die gesamte Saison über mitzuhalten. Aber vielleicht für einen Triumph im DFB-Pokalfinale?

Der letzte Akt des Bluffs war die Äußerung von Thomas Tuchel nach dem 34. Spieltag: "Wir wollten die Bayern nur mit fünf Punkten Vorsprung Meister werden lassen. Mit diesem Abstand wollten wir ihnen in Berlin begegnen. Jetzt geht es für uns darum, wieder Form und Haltung zu finden. Ich habe große Sorgen. Die Aufgabe wird jetzt doppelt und dreifach schwer."

Die Wahrheit ist: Wenn Tuchels Vierwochenplan aufgeht, könnte es im Duell der beiden besten deutschen Klubs so spannend werden wie lange nicht mehr.

Zur Person
  • Institut für Spielanalyse
    Dr. Karsten Görsdorf ist gemeinsam mit Dr. Christoph Moeller Geschäftsführer des Instituts für Spielanalyse, das für Ligen, Verbände, Klubs und Medien Analysen in verschiedenen Spielsportarten durchführt. In den Jahren 2010ff half das Team um Moeller und Görsdorf dabei mit, das Projekt der Offiziellen Spieldaten im Hause der DFL zu entwickeln und später auch die Erheber Impire (heute Deltatre) und Opta Deutschland zu überprüfen. Im Fußball bedient sich das Institut für Spielanalyse derzeit der Methode der Episodenanalyse.
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romeov 21.05.2016
1. Bluff?
Ich wundere mich schon manchmal, was man den sogenannten Fußballexperten so alles erzählen kann. Das ist doch klar, nach dem verdaddelten Liverpool Spiel, ist das die einzige Möglichkeit für Tuchel, der Mannschaft einen gewissen Glanz zu geben.
kakaluzi 21.05.2016
2. Wettbewerbsverzerrung
Bei Bayern wäre wieder von Wettbewerbsverzerrungen die Rede gewesen, wenn man durch taktisches herumprobieren den Abstiegskampf entschieden hätte.
phboerker 21.05.2016
3. Zusammenfassung
Spiele besser!
hahewo 21.05.2016
4. Bvb
Da es im Fußball ohne nur noch um Geld geht, kann man zu beiden Mannschaften sagen: ok. Ziel erreicht. Ein gutes Pokalspiel ist nicht zu erwarten. Gerade der BVB hat seinen treuen Fans, die bei Heimspielen jedes Mal die Unsummen an Eintrittgsgeld bezahlen erhebliches zu gemutet. Eigent solltendie Zuschauer weg bleiben. Da kann sich der Verein selbst finfanzieren. Und Watzke so wie sein Sportdirektor Zorc sollten weniger überheblich sein. Warum eigentlich heben die ab?
held_der_arbeit! 21.05.2016
5. Mit anderen Worten...
...einfach besser spielen ;) Weniger Ballverluste, mehr Kontrolle. Wer hätte das gedacht. Seltsame Analyse
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