Testspiel-Debakel gegen Italien Aschermittwoch in Florenz

Es war eine Demontage: Im Testspiel in Italien wurde das deutsche Fußball-Nationalteam vorgeführt. Nach der schlechtesten ersten Halbzeit unter Jürgen Klinsmann drohen nun neue Diskussionen um den Verjüngungskurs des Bundestrainers. Doch der lässt sich nicht beirren.

Aus Florenz berichtet


In den Gassen von Florenz hatte die Nacht den Konfetti-Regen des letzten Karneval-Tages schon bedeckt, die Kostüme waren in den Schubladen verschwunden, als einige noch weiterfeiern wollten. Die Party fand unter Flutlicht statt, im Osten der Stadt und dauerte 90 Minuten. Zu diesem Anlass hatten sich die Gastgeber, in Blau gekleidet, pünktlich zum Aschermittwoch eine Trachtengruppe aus dem fernen Deutschland eingeladen. Die Feier war ein voller Erfolg, für die Blauen. Den Gästen in Rot war das Lachen vergangen. Das ist sie auch schon, die Geschichte einer närrischen Veranstaltung - dem Fußball-Länderspiel zwischen Italien und der DFB-Elf.

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Italien-Testspiel: Witzfigur und Wackelabwehr

Kurz vor Mitternacht sitzt Jürgen Klinsmann im zimmergroßen Pressesaal des Stadio Artemio Franchi, kein Lächeln ist in seinem Gesicht, er schaut wie ein Magenkranker. Der Bundestrainer trägt schwarz, passend zum Ereignis. Er soll erklären, warum sein Team gerade 1:4 (0:3) verloren hat. "Das war eine Lektion", sagt Klinsmann, er sagt es auf Deutsch, in Englisch und auch in Italienisch. Es klingt erstmal nicht, als hätte er eine Antwort. Man habe Fehler im Spielaufbau gemacht, schnell 0:2 zurückgelegen, "und dann sind wir von den Italienern in deren Stadion ausgekontert worden", erklärt er. Was Klinsmann sagen will: Sein Team hatte das Spiel schon nach sechs Minuten verloren.

Auch wenn zwei frühe Gegentore oft als Ausrede für eine Pleite herhalten müssen - in Bezug auf die Niederlage im Stadio Artemio Franchi traf die Begründung zu. Das Spiel hatte noch nicht richtig begonnen, die deutsche Viererkette mit Arne Friedrich, Robert Huth, Per Mertesacker und Phillip Lahm suchte sich noch und fand sich nicht, da führte Alessandro Del Piero einen Freistoß auf der linken Seite aus, der Ball wurde im Strafraum verlängert, Jens Lehmann im deutschen Tor tat sein Bestes und ließ abprallen - und Alberto Gilardino traf aus zwei Metern zur Führung. In der sechsten Minute bereitete der Stürmer vom AC Mailand das 2:0 vor, als er nach einem Steilpass allein auf Lehmann zulief und den Ball auf Luca Toni querlegte. Die Party hatte besser angefangen, als es sich die Italiener hatten träumen lassen.

"Heute sollte ein Abend der Arbeit werden, es ist ein schöner Abend geworden", sagt Marcello Lippi, der italienische Nationaltrainer. Der grauhaarige Mann mit der Brille darf vor seinem deutschen Kollegen zur Presse sprechen, er lächelt. Über den Gegner möchte er nicht so viel sagen, das sei ein gutes Team, "jeder weiß das". Wichtiger für den Erfolg sei Florenz gewesen, betont Lippi, der aussieht wie aus dem Katalog. In Florenz hat das Nationalteam von 22 Spielen noch kein einziges verloren, ein guter Ort für den letzten Test vor der WM im Juni. "Und, was vor allem zählt: Wir hatten ein Programm, und das haben wir durchgezogen."

Deutsche Abwehr eine Ansammlung von Narren

Das Programm. Eine reichlich euphemistische Umschreibung dessen, was seine Spieler nach der Führung mit den hilflos wirkenden Gästen veranstalteten. Keine Aktion wirkte programmiert, alles hatte den Anschein von spielerischer Leichtigkeit und Intuition. Es war Karneval auf dem Platz - mit viel Spaß und Freude. Da wurden reihenweise verunglückte deutsche Pässe abgefangen, worauf sich Del Piero, Gilardino und Kollegen zu viert oder fünft nach vorn stürzen, den Ball auf dem Flügel aufnahmen und nach innen flankten. Gern wurde auch der Hackentrick zu Hilfe genommen, wenn das schnelle Spiel mal nicht funktionierte.

Und was ist Karneval ohne eine gute Verkleidung? Einer hatte sich eine besonders verblüffende ausgedacht. Mauro Camoranesi, der kleine Mann von Juventus Turin, ging als Ronaldinho. Die Haare hatte er sich zu einem Zopf gebunden, und wie der Weltfußballer aus Brasilien macht es auch die Nummer 7 in Blau gern künstlerisch anspruchsvoll. Leidtragender war vor allem Linksverteidiger Phillip Lahm, der schon in der ersten Halbzeit nicht oft zu wissen schien, was denn sein Gegenspieler als Nächstes tun würde. Wie in der 38. Minute, als er gegen den Rechtsaußen an der Strafraumecke ein Kopfballduell verlor. Und weil am anderen Pfosten Daniele de Rossi ganz ohne Bewacher war, stand es zur Halbzeit 0:3. "Bei uns spielt es keine Rolle, wer auf dem Platz steht", sagt Lippi. Und bei den Deutschen?

Die taten ihr Bestes, um von neuem eine Diskussion über den Zusammenhang von Spielpraxis und guter Leistung entstehen zu lassen. In der Abwehr, die besonders in der ersten Halbzeit wie eine Ansammlung von Narren wirkte, standen mit Huth (Bankdrücker in Chelsea), Lahm (bei Bayern meist nur 45 Minuten im Einsatz) und Mertesacker (wenig Spielpraxis in Hannover nach Verletzung) drei Profis in der Startformation, die in ihren Vereinen nicht unumstritten sind. Dazu kommt mit Friedrich der Hertha-Kapitän - ein Mann also, der Selbstvertrauen derzeit nur vom Hörensagen kennt. Im Mittelfeld herrschte zudem ebenfalls keine Ordnung, zu hektisch und leichtfertig wurden Bälle verloren und so zum Bumerang. In der Spitze wirkten Lukas Podolski und Miroslav Klose überfordert. "Wir vertrauen dieser Mannschaft", sagt Klinsmann dennoch.

Aber was soll er auch sagen? Zuviel hat der Bundestrainer mit seiner Verjüngungskur riskiert, er hat das Spiel der Mannschaft offensiv ausgerichtet, überzeugen soll sie bei der WM in nicht einmal 100 Tagen. "Wir wussten, dass ein solcher Rückschlag kommen würde", sagt Klinsmann. Solche Momente würden im Sport dazugehören. "Unsere Planungen ändern sich dadurch nicht." Einstweilen vertraut der Coach darauf, ab dem 16. Mai im Vorbereitungstrainingslager intensiv mit den Spielern arbeiten zu können.

Er wird dann wieder Videoanalysen machen und der Hintermannschaft vielleicht auch die Szene aus der 56. Minute zeigen. Da durfte Gilardino, alleingelassen auf der linken Seite, in den deutschen Strafraum flanken, im Rücken des eingewechselten Christoph Metzelder setzte sich Camoranesi mit dem Kopf durch - die Hereingabe verwandelte Del Piero zum 4:0. Dass ausgerechnet der geschmähte Robert Huth später noch mit einem Gewaltschuss aus acht Metern für Kosmetik sorgte, soll hier ebenso wenig unerwähnt bleiben wie die Tatsache, dass Carabinieri im deutschen Block mit Schlagstöcken gegen Werfer bengalischer Feuer vorgingen, dies bei ihren italienischen Landsleuten aber unterließen.

Einer tauchte übrigens nur ganz kurz auf. Michael Ballack, der deutsche Kapitän und seit Wochen in überragender Form, konnte nur bei einem Freistoß aus 20 Metern einmal geordnet den Ball spielen. Ansonsten eskortierte der Bayern-Star artig seine Gegner, ohne ihnen gefährlich zu werden. Aber so ist das manchmal beim Karneval. Die einen haben Spaß, die anderen schauen zu.

Italien - Deutschland 4:1 (3:0)
1:0 Gilardino (4.)
2:0 Toni (7.)
3:0 De Rossi (39.)
4:0 Del Piero (57.)
4:1 Huth (82.)
Italien: Buffon/Juventus Turin (28 Jahre/59 Länderspiele) - Zaccardo/US Palermo (24/11), Nesta/AC Mailand (29/73) ab 81. Materazzi/Inter Mailand (32/26), Cannavaro/Juventus Turin (32/91), Grosso/US Palermo (29/15) - Camoranesi/Juventus Turin (29/19) ab 89. Pasqual/AC Florenz (23/1), Pirlo/AC Mailand (26/22) ab 74. Barone/US Palermo (27/12), De Rossi/AS Rom (22/15) - Del Piero/Juventus Turin (31/72) ab 81. Iaquinta/Udinese Calcio (26/11) - Toni/AC Florenz (28/16), Gilardino/AC Mailand (23/13) ab 64. Perrotta/AS Rom (28/22). - Trainer: Lippi
Deutschland: Lehmann/FC Arsenal (36 Jahre/29 Länderspiele) - Friedrich/Hertha BSC Berlin (26/33), Mertesacker/Hannover 96 (21/19) ab 46. Metzelder/Borussia Dortmund (25/19), Huth/FC Chelsea (21/15), Lahm/Bayern München (22/17) - Deisler/Bayern München (26/36), Frings/Werder Bremen (29/49) ab 68. Borowski/Werder Bremen (25/16), Ballack/Bayern München (29/62), Schneider/Bayer Leverkusen (32/60) ab 68. Schweinsteiger/Bayern München (21/24) - Klose/Werder Bremen (27/51), Podolski/1. FC Köln (20/21) ab 46. Asamoah/Schalke 04 (27/37). - Trainer: Klinsmann
Schiedsrichter: Gonzalez (Spanien)
Zuschauer: 28.317
Gelbe Karten: Nesta / Frings, Ballack

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