Von Rafael Buschmann
Joachim Löw machte sich just in diesem Moment daran, die Stärken der deutschen EM-Gruppengegner zu erläutern. Doch bevor der Bundestrainer im Kiewer Kunstpalast Arjen Robbens Dribbelkünste oder Cristiano Ronaldos Schusstechnik präziser einordnen durfte, musste er zunächst eine Nachricht aus Deutschland verarbeiten: Der Präsident des Deutschen Fußball Bundes (DFB), Theo Zwanziger, hatte nur wenige Minuten zuvor verkündet, dass er 2012 und damit ein Jahr vor dem Ende seiner Amtszeit die Funktionärstätigkeit beim größten Fußball-Verband der Welt beenden wird.
Löw reagierte auf diese Nachricht nicht anders als auf das mutmaßliche Pech bei der Auslosung. Mit ausdruckslosem Gesicht sagte er: "Wir bedauern diesen Schritt, aber respektieren eine persönliche Entscheidung." Er verlor kein Wort darüber, Zwanziger noch umstimmen zu wollen, keine Silbe der Entrüstung über einen völlig überraschenden Rücktritt. Noch nicht einmal eine Anmerkung zum völlig verkorksten Zeitpunkt der Verkündung, der den Sportabend doch wieder mit einer Verbandsdebatte trübte.
Zwanziger, der wie so häufig in den vergangenen Monaten exklusiv über die "Bild"-Zeitung seine Erklärungen abgab, nannte als Grund für seine Entscheidung das Fehlen nationaler Herausforderungen. Er wolle sich nur noch auf seine Tätigkeit bei der Uefa konzentrieren, die bis 2013 läuft. Zudem wolle er an weiteren Reformen bei der Fifa mitwirken, wo sein Sitz im Exekutivkomitee bis 2015 Bestand hat. Zwanziger vermittelte bei der Jahresabschlussfeier seines Verbandes im hessischen Neu-Isenburg den Eindruck, als hinterlasse er einen völlig aufgeräumten DFB, über dessen Führung sich derzeit jeder freuen würde.
Immer wieder Skandale und Affären
Dass dies jedoch nicht so ist, zeigen die zahlreichen Affären der vergangenen Monate. So wurde das Schiedsrichterwesen zuletzt durch einen Selbstmordversuch von Babak Rafati sowie Untersuchungen gegen 70 deutsche Referees wegen Steuerhinterziehung mächtig durchgeschüttelt. Der Verband hat zudem ein immer größer werdendes (Kommunikations-)Problem mit zahlreichen Ultra-Gruppen und Gewaltexzessen wie kürzlich in der zweiten Runde des DFB-Pokals. Auch in der Causa Manfred Amerell und Michael Kempter, deren Streit immer weitere Eskalationsstufen erreicht, gab Zwanziger keine gute Figur ab.
Für einen DFB-Insider könnte dies sogar der Grund für die aktuelle Bekanntgabe des Rücktritts sein: "Am kommenden Mittwoch beginnt das Revisionsverfahren von Amerell gegen Kempter vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart. Amerell hat da schon angekündigt, dass er noch einiges im Köcher hat. Auch gegen Zwanziger selbst."
Zu tun gäbe es für den 66-Jährigen also auch im eigenen Verband noch genug. Dass er jedoch die Kraft dafür nicht mehr aufbringt, ist aufgrund der vergangenen Jahre und Monate nachvollziehbar. Zwanziger, der zahlreiche Skandale in seiner Amtszeit meistern musste, nahm vieles zu persönlich. Der vierfache Großvater hatte dabei nur sehr selten die Gelassenheit, Dinge zu delegieren oder komplett abzugeben. Nach Rafatis Suizidversuch stellte er sich vor die Presse und plauderte Details aus, über deren Kenntnis er nicht einmal hätte verfügen dürfen. Beim Rechtsstreit mit dem Journalisten und SPIEGEL-ONLINE-Autor Jens Weinreich, der Zwanziger einen "unglaublichen Demagogen" nannte, prozessierte sich der gelernte Jurist durch etliche Gerichte. Auch im Fall Kempter/Amerell schlug er sich sehr früh auf die Seite des aktiven Schiedsrichters, um anschließend festzustellen, dass dieser keineswegs die einzige Wahrheit verbreitete.
Auch das Verhältnis zwischen dem Präsidenten und der A-Nationalmannschaft gilt als belastet. Zwanziger verscherzte es sich im Vertragspoker mit Löw und Oliver Bierhoff kurz vor der WM 2010. Der Bundestrainer samt Nationalmannschafts-Gefolge gingen fortan zusehends auf Distanz zum DFB-Präsidium, zuletzt wurde den Delegierten sogar teilweise der Zutritt zum WM-Hotel verweigert.
Verlorenes Gespür
Zwanziger ist von Haus aus jemand, der anpackt, der anschiebt, der notwendige Veränderungen vehement angeht. In seine Amtszeit beim DFB fallen zwei Weltmeisterschaften, er öffnete den Verband für sensible Themen wie den Umgang mit Homosexualität, psychischen Erkrankungen, Integration oder der professionellen Eingliederung des Frauenfußballs.
Im Laufe der Zeit hat er aber sein Gespür dafür verloren, wann man spricht und wann man schweigt. "Er hat jeden Querdenker, jeden der anderer Meinung ist als er, in den vergangenen Monaten durch Menschen ersetzt, die alles abnicken", sagt ein DFB-Offizieller. Zwanziger fehlte zuletzt anscheinend eine einordnende, eine kritisch-beratende Hand.
Für den Noch-Präsidenten beginnt nun ein äußerst kompliziertes Jahr. Trotz seiner ausgesprochenen Demission muss er in den kommenden Monaten das Schiedsrichterwesen sanieren und auch weiterhin in vielen Problemfeldern Stellung für seinen Verband beziehen. Ob er dafür noch die Unterstützung aus den einzelnen Verbänden, seinem eigenen Haus und der Deutschen Fußball Liga (DFL) erhält, bleibt fraglich.
Zumal Zwanziger auch noch seinen Nachfolger selbst bestimmen will. Er sei "seit einigen Monaten diesbezüglich mit einer Persönlichkeit im Gespräch, die ich für sehr geeignet halte", sagte Zwanziger. Wenn es sich dabei tatsächlich um DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach handelt, den etliche DFB-Insider als aussichtsreichsten Kandidaten sehen, dann könnte Zwanziger sogar noch ein Verbandskonflikt drohen. Denn auch Liga-Präsident Reinhard Rauball wird immer wieder nachgesagt, er könne sich mit dem DFB-Vorsitz sehr gut anfreunden.
Spätestens dann wird sich Zwanziger endlich fragen müssen, ob es so ratsam ist, alles selbst machen zu wollen.
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