Thiagos erneute Verletzung Bayerns Zement bröckelt

Die erneute Verletzung von Thiago Alcántara ist bitter für den Spieler, für den Verein ist sie ein harter Rückschlag. Ohne den Spanier kann Trainer Josep Guardiola seine Ideen nicht verwirklichen.

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Einen Tag nach seiner Verletzung versuchte Thiago Alcántara Optimismus zu verbreiten: "Es war ein riesiger Schock für mich. In der Nacht war ich am Boden zerstört, aber heute Morgen hatte ich mich wieder einigermaßen erholt", sagte der Mittelfeldspieler des FC Bayern München. "Sechs bis acht Wochen Pause, sagen sie, aber ich will in fünf wieder fit sein."

Knapp sieben Monate ist diese Aussage nun alt.

Seit dem 29. März hat Thiago kein einziges Spiel mehr gemacht. Von seinem ersten Innenbandteilriss hat sich der Spanier bis heute nicht erholt; im Mai verletzte er sich im Training abermals am rechten Knie, und jetzt musste sein Verein wieder mitteilen: "Thiago hat sich beim Training am Dienstag erneut eine schwere Verletzung zugezogen." Wegen einer Narbeninsuffizienz habe der 23-Jährige einen Teilriss des Innenbands erlitten. Wieder wird Thiago operiert, wieder fällt er längere Zeit aus.

Das Puzzle fällt auseinander

Es ist eine persönliche Tragödie für den jungen Spieler, der im Sommer 2013 aus Barcelona nach München gekommen war und der seitdem erst 25 Pflichtspiele für die Münchner absolvierte. Und es ist ein erneuter Rückschlag für den Klub und seinen Trainer Josep Guardiola, dessen ideale Vorstellung von Fußball eng mit Thiago zusammenhängt.

In dem gerade erschienen Buch "Herr Guardiola" schreibt Autor Martí Perarnau, der die Bayern-Mannschaft und vor allem Guardiola ein Jahr lang begleitete, Thiago sei "der Zement, der alle Puzzleteile verband".

Die Verletzungsgeschichte Thiagos erzählt auch vom Konflikt Guardiolas mit der medizinischen Abteilung der Bayern. So hatte Bayern-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt Thiago zwar nach dessen Verletzung im März erstversorgt, doch Thiago bestand darauf, sich von Ramón Cugat, einem Mediziner in Barcelona, behandeln zu lassen. Guardiola und Thiagos Manager Pere Guardiola - der Bruder des Bayern-Trainers - beschlossen, dass es das Beste für ihren Spieler sei, sich von Cugat Kortison und Wachstumsfaktoren direkt ins Innenband spritzen zu lassen.

Weder der Verein noch Müller-Wohlfahrt hatten diese Behandlung genehmigt, und je länger die Verletzungsmisere Thiagos sich hinzog, umso mehr sahen sie sich in ihrer Einschätzung bestätigt. Die erneute Blessur ist ihrer Ansicht nach auf Cugats Therapie zurückzuführen. In München ist Müller-Wohlfahrt unantastbar, man empfand das Misstrauen gegenüber seiner ärztlichen Kompetenz auch als einen Affront gegen die Vereinstradition. Das Verhältnis hatte sich zuletzt wieder gebessert. Doch dann kam die erneute Verletzung.

Xabi Alonso gibt den Allround-Problemlöser

Thiago hatte vor einer Woche erstmals wieder ein bisschen am Mannschaftstraining teilnehmen können. Mit dem Ball sollte er sich wieder vertraut machen, die beiden verbindet schließlich eine besondere Beziehung, schöner als der Spanier streichelt kaum einer das Spielgerät.

Dass Thiago der Ball kaum noch abzunehmen ist, wenn er ihn einmal hat, war eines der Hauptargumente für Guardiola, um den 23-Jährigen zum ersten Spielgestalter zu machen. Und das schon zu Zeiten, als Toni Kroos noch nicht an Real Madrid verkauft und Bastian Schweinsteiger zumindest noch ab und zu im Bayern-Mittelfeld auflief.

Der Spanier war vorgesehen, mit seinem Landsmann Javier Martínez in der zentralen Achse hinter Toni Kroos den aufbauenden Teil zu geben. Doch Kroos ist weg, Schweinsteiger noch bis zum kommenden Jahr außer Gefecht und auch in der Abwehr ist durch die ebenfalls schlimme Knieverletzung von Martínez (Kreuzbandriss) ein wichtiges Element weggebrochen.

Die Verpflichtung von Xabi Alonso erwies sich daher schnell als genialer Schachzug, aber er zeigt auch die Probleme, die der FC Bayern im Moment hat. Der Spanier muss oft kurz vor der Abwehrreihe verteidigen, ist erste Anspielstation für die Defensivspieler und soll zudem noch den letzten Pass spielen.

Guardiola muss auf seine Rochaden verzichten

Bisher vereint er auf beeindruckende Art und Weise die Aufgaben von Schweinsteiger, Kroos und Thiago auf sich, dementsprechend sind seine Werte: Im Schnitt spielt er pro Spiel 125 Pässe, mehr hat laut Sportdatenanbieter Opta kein anderer Profi in Europas Top-5-Ligen vorzuweisen. Seine 206 Ballkontakte gegen Köln waren ein neuer Rekord, er löste damit Thiago ab, der im Februar gegen Frankfurt auf 187 Ballberührungen gekommen war.

Es sind Spitzenwerte, auf die Guardiola gerne verzichten würde. Denn der Fußball, den der FC Bayern derzeit spielt, ist zwar in der Liga sehr erfolgreich, aber von der eigentlichen Spielidee des Trainers entfernt. Das ständige Rotieren auf dem Platz wie noch in der Vorsaison, als aus einem Abwehrspieler plötzlich ein Mittelfeldspieler oder gar ein Stürmer wurde, als Spieler wie Thomas Müller oder Mario Götze in 90 Minuten manchmal auf vier verschiedenen Positionen spielten, ist nicht mehr möglich.

Das Spiel am Samstag gegen Werder Bremen (15.30 Uhr) sollten die Bayern auch ohne ihren Ideengeber im Mittelfeld gewinnen können, schwieriger wird es da schon am Dienstag beim zuletzt starken AS Rom (20.45 Uhr, beide Spiele im Liveticker bei SPIEGEL ONLINE). Vielleicht sollte Thiago die Reise nach Italien dennoch mit antreten: Papst Franziskus hat den FC Bayern zu einer Privataudience geladen, und Beistand von ganz oben kann Thiago derzeit gut gebrauchen.

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insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
Don_Draper 16.10.2014
1. Hatte
Müller-Wohlfahrt ja wohl doch recht, selbst Schuld Hr. "Pep"
fast_weise 16.10.2014
2. Die
Spielidde mit Thiago ist tot und das sage ich als FCB-Fan. Thiago kann froh sein, kein Karsten Bäron zu warden, aber er wird nie mehr als 60% der Saisonspiele machen, er ist wohl einfach zu empfindlich und Bayern kann sein System nicht von so einem Spieler abhängig machen. Man sollte eher Schalkes Draxler und Meyer im Auge behalten, wenn die hoffentlich mittelfristig den Durchbruch schaffen.
DerUnvorstellbare 16.10.2014
3.
Thiago? Nichtskönner! Obwohl Guardiola alles für ih änderte, überzeugte er nicht. Viele Ballkontakte aber nichts relevantes für die Mannschaft. Ich habe nichts gegen viele Ballkontakte, Kroos hatte ja auch immer viele, doch seine Aktionen haben zu etwas geführt - bei Thiago zu nichts. Ein zweiter Alonso. Ich habe ja gewarnt dass Guardiola alles vernichten wird, schon jetzt sind zu viele Spanier bei Bayern und es sollen ja noch mehr kommen. Ein veraltetes System, dass an die langweiligsten Barca-Zeiten erinnert. Das System war mal das spektakulärste der Welt, jetzt ist es nur noch altmodisch. Doch solange sie Spiele gewinnen, ist der Bayern-Fan wohl zufrieden. Naja, echte Fussballfans waren die Bayern ja noch nie, eher Ergebnis-Fans.
PeterPaulPius 16.10.2014
4. Suboptimal
Da haben die einen Kaderwert von einer halben Milliarde, holen einen spanischen Trainer, der nach und nach immer mehr Spanier anschleppt, diese führen immer mehr ein Eigenleben, in dem sich der Spieler anmaßt, mehr über seine Verletzung verstehen zu wollen, als die örtlichen erfahrenen Ärzte, und kommen in der Entwicklung von Team und Spielidee einfach nicht voran. Es gibt ihn immer noch nicht, den unverwechselbaren, attraktiven Spielsstil der Münchner. Wie können so erfahrene Leute wie Rumenigge und Sammer einen so hoch bezahlten Angestellten einfach in fremde Behandlungshände geben?
nummer50 16.10.2014
5. Mannschaft
Für die Bundesliga wird die Mannschaft des FCB den Herausforderungen genügen, ob es dann letztendlich auch für die CL bis weit nach vorne reicht wird man sehen. Da muss eingtlich in der Endphase alles passen.
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