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Bayern-Spielmacher Thiago

In seiner eigenen Liga

Traumpässe und Tricks beherrschte Thiago schon immer. Nun mausert sich der Bayern-Star sogar defensiv. Spieldaten zeigen: Der Spanier ist der beste defensive Mittelfeldspieler der Liga - mit Abstand.

Von Tobias Escher

MARC MUELLER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Thiago

Freitag, 21.09.2018   16:42 Uhr

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Noch im Sommer hieß es, der FC Bayern sei offen für einen Wechsel von Thiago. Mittlerweile wirkt das fast absurd. Ein Abgang des Spaniers wäre eine immense Schwächung für die Münchner. Unter Trainer Niko Kovac hat er sich zu einem Schlüsselspieler entwickelt.

Der vergangene Spieltag, es läuft die 35. Minute im Spiel der Bayern gegen Bayer Leverkusen. Gäste-Coach Heiko Herrlich fordert seine Spieler auf, die Bayern früher zu attackieren. Auftritt Thiago: Der 27-Jährige erhält den Ball an der Mittellinie, dreht sich mit einer Körpertäuschung um Kevin Volland und lockt darauf auch noch Kai Havertz zu sich. Just als der Leverkusener Thiago den Ball stibitzen möchte, schlenzt er ihn mit dem Außenrist zum freistehenden Thomas Müller. Mit nur vier Ballkontakten hebelt er das gesamte Leverkusener Pressing aus. Typisch für Thiago.

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Laut SPIX, der Fußballer anhand von Spieldaten bewertet, gehört Thiago seit zwei Jahren zu den stärksten Bundesligaprofis. Regelmäßig bringt er Leistungen, die ihm einen SPIX-Wert von 95 oder höher bescheren. Der Algorithmus funktioniert relativ: Anhand statistischer Kennwerte vergleicht der SPIX die Leistung eines Spielers mit der Leistung sämtlicher Bundesliga-Akteure, die in den vergangenen zwei Saisons auf seiner Position gespielt haben. Ein SPIX von 95 bedeutet also, ein Spieler hat einen höheren Kennwert erreicht als 95 Prozent aller Bundesliga-Akteure auf seiner Position.

Fast sämtliche Topwerte auf der Position des defensiven Mittelfeldspielers stammen von Thiago. Den Spitzenwert stellte er am 26. Spieltag der Saison 2016/2017 auf, als er den SPIX-Wert 100 knackte. In dieser Saison erreichte er beim 3:0-Erfolg über den VfB Stuttgart einen Wert von 99,1, beim 3:1-Sieg gegen Leverkusen lag sein Wert bei 98,9. Thiago kratzt wieder und wieder an der Bestmarke, die er selbst aufgestellt hat. Er spielt in seiner eigenen Liga.

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Garant für seinen hohen SPIX sind seine Werte im Bereich Spielaufbau. Kaum ein Bundesligaprofi spielt derart viele Pässe wie Thiago. Der SPIX bewertet aber nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Pässe. Ein Pass im gegnerischen Drittel, der zum Torschuss führt, wird höher gewichtet als ein Querpass in der eigenen Hälfte.

Das ist Thiagos wahre Stärke: Er hat eine enorm hohe Erfolgsquote in der gegnerischen Hälfte, legt dabei viele Torschüsse auf. Auch gegen Leverkusen krönte er seine Leistung mit einer Torvorbereitung. Thiago beherrscht den einfachen Pass über wenige Meter genauso wie den tödlichen Pass hinter die gegnerische Abwehr.

Profiteur unter Niko Kovac

Überraschend sind seine hohen Werte im Bereich der Balleroberung (80 gegen Bayer Leverkusen). Das Defensivspiel ist eigentlich nicht die Stärke des eher schmächtigen Thiagos. Dennoch setzt Kovac Thiago als einzigen Sechser vor der Abwehr ein. Die beiden Mittelfeldspieler vor ihm sollen aggressiv zum Pressing übergehen, Thiago dahinter im Raum absichern. Er muss angesichts des hohen Pressings selten in Zweikämpfe gehen, sondern verteidigt mit Auge.

Die Strategie geht auf: Mit zwölf gewonnenen zweiten Bällen sorgte Thiago gegen Leverkusen für einen herausragenden Wert. Auch deshalb erhält er aktuell den Vorzug vor dem zweikampfstärkeren Javi Martínez: In Kovac' System soll der Sechser stärker das Spiel gestalten und im Raum absichern, die Zweikämpfe sind Sache der offensiveren Spieler. Thiago dankt es Kovac mit Spitzenleistungen.

Thiagos Kritiker dürften indes selbst Leistungen wie gegen Leverkusen nicht überzeugen. Ihr Vorwurf: Sein Spiel funktioniere zwar gegen die schwächeren Teams der Bundesliga. In den entscheidenden Spielen der Champions League allerdings tauche er ab.

Bis diese anstehen, dauert es aber noch. Eine Zeit, in der Thiago seine Kritiker nicht überzeugen kann. Bis dahin bleibt ihm nur, in der Bundesliga über den Dingen zu schweben.

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