Neuer Hannover-Trainer Schaaf Der Retter aus Brinkum

Thomas Schaaf soll Hannover 96 vor dem Abstieg retten. Für den Verein ist die Verpflichtung ein Erfolg, für den Trainer ist es ein riskanter Schritt. Er übernimmt eine Mannschaft, die ihre Erstliga-Tauglichkeit noch beweisen muss.

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AFP

Hannover 96 hat sich in der jüngeren Vergangenheit den Ruf erarbeitet, bei wichtigen Personalentscheidungen konsequent ins falsche Regal zu greifen. Mit Sportchef Jörg Schmadtke und Trainer Mirko Slomka schaffte es der Klub zweimal in den Europapokal, nach dem Ende des Erfolgsgespanns vor zweieinhalb Jahren hat der Verein keine Nachfolge-Regelung gefunden, die über längerer Zeit tragfähig ist. Dirk Dufner hielt es als Sportchef nicht lange in Hannover aus, mit Michael Frontzeck hat der Klub nach Tayfun Korkut den zweiten Trainer innerhalb eines Jahres verschlissen.

Dass der Verein noch nicht zum FC Hollywood des Nordens ernannt worden ist, dürfte einzig daran liegen, dass Hannover zu wenig Glamour hat für einen Vergleich mit der Traumfabrik.

Vor dem Hintergrund des unglücklichen Personal-Managements in den vergangenen Jahren kommt die Verpflichtung von Thomas Schaaf überraschend. Denn sie ist eine gute Verpflichtung aus Sicht des Klubs.

Natürlich wird auch Schaaf nicht mehr Glanz nach Hannover bringen. Knorrig und stur sind die Adjektive, mit denen der 54 Jahre alte Fußballlehrer, wohnhaft in Brinkum bei Bremen, am liebsten beschrieben wird.

Aber um Glanz geht es dem Verein auch nicht. Es geht darum, den Abstieg zu verhindern. Die Hannoveraner haben gerade die schlechteste Hinrunde seit dem Wiederaufstieg abgeschlossen. Mit 14 Punkten ist die Mannschaft Tabellenvorletzter.

In Bremen veredelte er die Arbeit von Allofs

Schaaf hat nachgewiesen, dass er sowohl als Helfer in der Not, als auch als Architekt einer langfristig erfolgreichen Mannschaft funktioniert. 1999 übernahm er drei Spieltage vor Schluss beim SV Werder das Kommando von Felix Magath und rettete die Mannschaft vor dem Abstieg. Die Jahre darauf waren die besten, die der Verein seit Langem erlebt hatte, die Saison 2003/2004 mit dem Gewinn des Doubles sogar die erfolgreichste in der Geschichte des Klubs. Schaaf veredelte in Bremen die Arbeit, die im Hintergrund Sportchef Klaus Allofs leistete - mit guten Ideen und der Verpflichtung von Spielern, die außer ihm niemand auf dem Radar hatte.

"Seine Vita und seine Erfahrung sprechen für sich. Er hat jahrzehntelang erfolgreich in der Bundesliga gearbeitet", sagt Hannovers Sportchef Martin Bader über Schaaf. Das unterscheidet den neuen Mann von Trainern wie Thomas Doll oder Thorsten Fink, die ebenfalls als Kandidaten für Frontzecks Nachfolge gehandelt worden waren.

Bei seiner jüngsten Station, bei Eintracht Frankfurt, hielt es Schaaf nur eine Saison durch, allerdings war seine Arbeit auch dort ordentlich. Die Mannschaft beendete die Spielzeit 2014/2015 als Tabellenneunter und stellte mit Alexander Meier den Torschützenkönig. Wie schon in Bremen war Schaaf-Fußball auch in Frankfurt Spektakel-Fußball mit vielen Toren auf beiden Seiten. Der Unterhaltungswert der Spiele von Hannover 96 dürfte im neuen Jahr deutlich zunehmen.

Nur der erste Schritt zur Rettung

Ob am Ende der Saison auch der Klassenerhalt steht, liegt nicht alleine an Schaaf, sondern auch daran, welche Verpflichtungen Sportchef Bader bis zum Rückrunden-Start tätigt. Frontzeck ist schließlich nicht nur an sich selbst gescheitert und an den komplizierten Arbeitsbedingungen unter Klubchef Martin Kind, sondern auch an einem Kader, der seine Erstliga-Tauglichkeit noch nicht nachgewiesen hat. Zwölf Spieler haben den Verein im Sommer verlassen, darunter Kapitän Lars Stindl und Torjäger Joselu. Die Zugänge sitzen entweder auf der Bank oder enttäuschen.

Bader muss die Qualität des Kaders entscheidend anheben, dass Schaaf überhaupt Chancen hat auf eine erfolgreiche Klassenerhalts-Mission. Die Verpflichtung des Trainers ist nur der erste Schritt zur Rettung.

Von daher ist die Unterschrift in Hannover riskant für Schaaf, der keine Not hatte, das erstbeste Angebot anzunehmen. Es ging ihm offenbar gut zuletzt, er arbeitete für die Fifa und die Uefa und mied die Öffentlichkeit. Sollte Schaaf zum Gesicht des Hannoveraner Abstiegs werden, wäre er in der Bundesliga so schnell nicht mehr vermittelbar, wie es in der Branchensprache heißt.

Seine Aufgabe ist nicht nur wegen der sportlichen Lage knifflig, sondern auch vom Drumherum. Schaaf gilt als dünnhäutig, spätestens seit seinem Weggang aus Frankfurt im Sommer, als er sich über fehlende Rückendeckung in der Öffentlichkeit und mangelndes Vertrauen beklagte. Hannovers Klubchef Kind geht mit öffentlichen Vertrauensbekundungen in Krisen-Zeiten sparsam um (wie bei Frontzeck) oder erteilt Job-Garantien erst, wenn es eigentlich schon zu spät ist (wie bei Korkut).

Sollte die Zusammenarbeit nicht den gewünschten Erfolg bringen, sollte Hannover also absteigen, haben beide Seiten vorgesorgt. Schaafs Vertrag gilt nur für die erste Liga.



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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
brendan33 28.12.2015
1. Das ist lustig
Dem Herrn war ja schon die Publicitygeilheit eines Axel Hellmann (zur Info: Lakai im Vorstand von Eintracht Frankfurt) zuviel und er ist beleidigt abgehauen. Wie will der es unter Martin Kind aushalten ?
behemoth1 28.12.2015
2. Neuer Trainer
Dazu kann ich nur sagen, armer Schaaf, seine Zeit als erfolgreicher Trainer ist lange vorbei, nur scheinen das einige noch nicht zu wissen.
LJA 28.12.2015
3. Warum
tut Schaaf sich das an ? Ist ihm nicht klar, wie er ab jetzt in Bremen angefeindet wird, da er nun beim verhassten norddeutschen Nachbarn arbeitet ? Noch dazu wo beide Vereine nur ein Tabellenplatz trennt. Nicht auszudenken, wenn 96 unter ihm erstklassig bleibt, während Werder absteigt. Dann kann sich der Mann an der Weser nur noch mit Personenschutz sehen lassen. Obwohl - so groß ist diese Gefahr ja auch nicht. Dafür ist die hannoversche Mannschaft einfach zu schlecht.
bratwurst007 28.12.2015
4. Endlich Neues!
Laut Kicker hält Schaaf den Klassenerhalt für "möglich". Ich finde das gut, damit hebt er sich wohltuend von all den Trainern ab, die den Klassenerhalt bei Jobantritt nicht für möglich halten. Hervorheben möchte ich auch, dass das Fußballfachblatt Nr. 1 Online damit "aufmacht"!
ftb7 28.12.2015
5.
Warum tut sich Schaaf das an? Irgendwie tut er mir leid, aber wahrscheinlich ist es gut wegen der Lage im Norden. Aber das ein sympatischen Trainer in Hannover landen muss ist echt schade. Frontzek oder Skibbe, Döll oder andere Supertrainer hätten Hannover gerne in die 2. Liga führen können!
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