Trainerdiskussion Tuchel zum HSV? Aber natürlich!

Zur neuen Saison will Thomas Tuchel wieder einen Bundesligisten übernehmen - und vieles spricht für den Hamburger SV. Aber wieso sollte er sich das antun? Weil der Krisenklub die attraktivste Option ist.

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Fußballtrainer Tuchel: "Ich würde gern in Deutschland bleiben"
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Fußballtrainer Tuchel: "Ich würde gern in Deutschland bleiben"


Der Mann nimmt seit einem Dreivierteljahr Auszeit, er lebt zurückgezogen, hat sich bis vor wenigen Tagen öffentlich nicht geäußert. Und dennoch wird seit Monaten wohl über keinen anderen Menschen im deutschen Fußball so viel gesprochen wie über Thomas Tuchel. Und wo immer ein Trainerjob in der Bundesliga frei wird, fällt der Name Tuchel.

Zur kommenden Saison will der 41-Jährige, der vergangenen Sommer in Mainz freiwillig aufhörte, wieder ein Team übernehmen. "Ich würde gern in Deutschland bleiben", sagte er vor Kurzem in einem Interview mit der "Zeit", aber die zweite Liga "ist schwer vorstellbar". Ein Bundesligist soll es sein - und seitdem gibt es Spekulationen, wo Tuchel unterschreiben wird.

Fest steht, der Hamburger SV und Tuchel haben seit Monaten Kontakt. Und fest steht, der Klub würde den Trainer gerne zur neuen Saison verpflichten. Soweit die Fakten, nun die Gerüchte: Tuchel habe bereits unter der Bedingung zugesagt, dass der HSV nicht absteigt. Und er werde in Hamburg einen Vierjahresvertrag und per annum 3,2 Millionen Euro Gehalt bekommen. 25 Millionen Euro soll der Klub seinem Wunschtrainer als Investitionsvolumen für neue Spieler in Aussicht gestellt haben, berichtet die "Bild"-Zeitung. Klingt alles realistisch, zumal der manchmal etwas redselige Aufsichtsratschef Karl Gernandt das Interesse an Tuchel jüngst offiziell bestätigte.

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Der HSV also. Ein Verein, der rund hundert Millionen Euro Verbindlichkeiten hat, schon wieder kurz vor dem ersten Abstieg aus der Bundesliga steht, der seit langer Zeit fast ausschließlich negativ auffällt und 18 Trainer in 18 Jahren verschlissen hat. Warum nur sollte Tuchel sich das antun? Weil der HSV eines der derzeit spannendsten Projekte der Bundesliga ist. Fünf Gründe gibt es dafür.

Der Kader
Rafael van der Vaart (32 Jahre), Marcell Jansen (29), Ivo Ilicevic (28) und Gojko Kacar (28) müssen nach dieser Saison gehen, womöglich auch Heiko Westermann (31) und/oder Slobodan Rajkovic (26). Der Klub vollzieht im Sommer den seit Jahren geforderten personellen Schnitt. Petr Jiracek (28) und Artjoms Rudnevs (27, beide Vertrag bis zum 30. Juni 2016) dürften die nächsten Abgänge sein. Der neue HSV-Trainer hätte viel Spielraum, die Mannschaft nach seinen Vorstellungen zusammenzustellen.

Zudem verfügen die langfristig gebundenen Spieler, auch wenn die aktuelle Tabelle das nicht wirklich belegt, durchaus über gehobene fußballerische Qualitäten. Mit René Adler und Jaroslav Drobny hat der HSV ein sehr gutes Torwartgespann. Johan Djourou und Valon Behrami sind stabile Defensivspieler. Und die Offensivakteure Lewis Holtby, Nicolai Müller, Maximilian Beister und Pierre-Michel Lasogga haben auch bereits bewiesen, dass sie eine Mannschaft verstärken können.

Die (Infra)-Struktur
Die Zeit der Indiskretionen und Grabenkämpfe ist beim HSV dank der Strukturreform vorbei. Mit Chef Dietmar Beiersdorfer sowie Peter Knäbel, zuständig für den Profibereich, und Bernhard Peters, verantwortlich für den gesamten Jugend- und Nachwuchsbereich, verfügen die Hamburger nach vielen Jahren wieder über sportliche Kompetenz an der Spitze.

Dazu kommt, dass der Verein rund um das Volksparkstadion, wie es ab der kommenden Saison wieder heißen wird, die Infrastruktur ausgebaut hat und weiter ausbauen wird. Die Profis trainieren schon seit Jahren an der Arena, mit dem Bau des HSV-Campus sollen Nachwuchsteams und Trainingsplätze folgen. Die bessere Ausbildung soll zur neuen Klub-Philosophie werden, die Tuchel, einst Deutscher A-Jugend-Meister mit Mainz, entscheidend mitprägen könnte.

Das Umfeld
Trotz der schwachen Auftritte des Teams kommen im Schnitt 52.535 Zuschauer zu den HSV-Heimspielen, das Stadion (57.000 Plätze) ist meist zu mehr als 90 Prozent gefüllt. Nur Dortmund (80.322), die Bayern (72.231) und Schalke (61.529) haben einen höheren Zuschauerschnitt. Die Fans in Hamburg sind leidensfähig und treu.

Dazu kommt, dass der HSV in einem prosperierenden Umfeld angesiedelt ist. Hamburg gehört zu den wirtschaftlich stärksten Regionen Europas. Das Problem des Klubs war in der Vergangenheit nicht, dass es in der Stadt zu wenig Geldgeber gibt; das Problem war, dass zu wenig Geldgeber sich bei einem Verein engagieren wollten, der permanent negative Schlagzeilen lieferte.

Der Traditionsfaktor
Der HSV ist das einzige Gründungsmitglied der Bundesliga, das noch nie abgestiegen ist. Der Klub ist Meister und Europapokalsieger, er hat mehr als 70.000 Mitglieder und gehört zu den beliebtesten in ganz Deutschland. In Sachen Tradition können es nur wenig andere Vereine mit den Hamburgern aufnehmen. Und genau das scheint, glaubt man den Gerüchten, Tuchel zu reizen: Einen so großen Klub wie den HSV wieder in die Erfolgsspur zu bringen. So wie es vor wenigen Jahren Klopp beim BVB gelungen war.

Tuchels Optionen
Und betrachtet man die Fakten, gibt es auch gar nicht so viele Herausforderungen für Tuchel. Beim FC Bayern genießt Trainer Josep Guardiola Guru-Status, in Wolfsburg baut Dieter Hecking gerade erst etwas auf. Mönchengladbach hat kein Interesse daran, Lucien Favre abzugeben. Ebenso wenig wie Roger Schmidt in Leverkusen, Roberto Di Matteo auf Schalke oder Markus Gisdol gehen sollen. Und Borussia Dortmund wird das Projekt Neuaufbau wohl mit Jürgen Klopp angehen. Was bleibt da noch als attraktive Option?

Nur der HSV!



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Nonvaio01 31.03.2015
1. Als Trainer vom HSV
kannst du nur gewinnen, wenn es klappt ist er der groesste, wenn nicht ist eben wieder die mannschaft schlecht zusammengestellt. Meiner meinung nach haette man Fink nie rauswerfen duerfen, sondern haette ihm mehr zeit geben muessen den sauhaufen HSV auszumisten.
Zoloft 31.03.2015
2. Leidensfähige Fans
...besser kann man es kaum sagen..
the_mosvik_beast 31.03.2015
3. Nur eine Redaktion ,
..die in Sichtweite des Volksparks residiert, kann die wahren Fakten verdrängen und auf Tuchel hoffen...der hat einen klaren Blick auf die sieche HSV Clique..und geht zu einem Verein mit Perspektive.
CancunMM 31.03.2015
4.
aber wie will denn tuchel den hsv übernehmen, wenn er keinen zweitligisten übernehmen will ?
dol2day_er 31.03.2015
5. Der VfB?
"Was bleibt da noch als attraktive Option?" Der VfB Stuttgart? Ähnlich "attraktiv" wie der HSV. Aber Tuchel hat zu diesem Verein eine emotionale Bindung und das, was der HSV nun infrastrukturell angehen möchte, darüber verfügt der VfB bereits (hochmodernes Nachwuchsleistungszentrum, funktionierende Jugendarbeit). Hingegen wird er beim VfB weit weniger als 25 Mio. ausgeben können (wobei der HSV in dieser Hinsicht ein unglaubliches Fass ohne Boden ist, auch mit Beiersdorfer und Knäbel ist das in dieser Saison eine Geldverbrennungsmaschine der Extraklasse). Ich möchte hier keineswegs "Schwanzvergleiche" anstellen, aber einen ähnlichen Artikel könnte man auch gut zum VfB verfassen, zumal es in den letzten Tagen mehrere Meldungen gab, Tuchel finge angeblich(!) gerne beim VfB an, der Klub ziere sich hingegen. Na ja, wir werden sehen, was Tuchel macht.
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