Absage an den FC Bayern Tuchel will nicht "Grüß Gott" sagen

FC Arsenal? Paris Saint Germain? Jedenfalls nicht Bayern! Thomas Tuchels Absage zeigt: Die Münchner haben sich auf der Suche nach einem neuen Trainer verspekuliert. Schuld daran ist ein seit Jahren schwelender Richtungsstreit.

Karl-Heinz Rummenigge (l.), Uli Hoeneß
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Karl-Heinz Rummenigge (l.), Uli Hoeneß

Von Christoph Leischwitz, München


Es ist ja nicht so, dass sie beim FC Bayern München keine Erfahrung hätten mit Absagen. Philipp Lahm verzichtete im vergangenen Jahr auf das Amt des Sportdirektors, und es ist ein offenes Geheimnis, dass dies vor allem mit der Personalie Uli Hoeneß zu tun hatte. Danach ließ sich auch Mönchengladbachs Max Eberl nicht nach München locken. Also entschied sich der Präsident des Rekordmeisters für Hasan Salihamidzic. Für jemanden also, der mehr Stallgeruch mitbrachte als Erfahrung. Und der aufgrund der Absagen schon bei seinem Amtsantritt beschädigt war: Konnte ja nur eine Notlösung sein.

Am Samstag wurde bekannt, dass sich die Bayern tags zuvor eine neue Absage eingefangen hatten: Thomas Tuchel soll da den Münchnern mitgeteilt haben, dass er nicht Nachfolger des wohl scheidenden Trainers Jupp Heynckes wird. Das zeigt: Der zurzeit einzige deutsche Fußballverein von Weltrang hat aus seinen Planungsfehlern nichts gelernt. Und steht rund 100 Tage vor dem Stichtag 1. Juli ohne neuen Trainer da.

Die Absage ist nur das Symptom eines tiefer sitzenden Problems: Seit Jahren schwelt beim FC Bayern ein Führungsstreit. Auf der einen Seite ist da der Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der den Klub kühl-strategisch internationalisieren will. Auf der anderen Seite steht der Präsident und Bauchentscheider Hoeneß, der vor allem am "Mia san mia" festhält und zurzeit fast ausschließlich Freunde und Verwandte auf freie Positionen setzt.

Dieser Konflikt besteht schon so lange, dass er nicht mehr allein die Führungsebene betrifft. Ein Indiz dafür ist die Nachwuchsarbeit. Im vergangenen Jahr eröffneten die Bayern ein Leistungszentrum im Wert von 70 Millionen Euro. Doch wer in der kommenden Saison den wichtigen Posten als Trainer der U23 besetzt, ist noch völlig unklar. Mit dem aktuellen Coach Tim Walter hat bislang niemand gesprochen, sein Vertrag läuft aus.

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Thomas Tuchel: Mainz, Dortmund, London?

Nach SPIEGEL-Informationen soll es in der Zeit der Trennung von Trainer Carlo Ancelotti Ende September besonders zwischen den Chefs Rummenigge und Hoeneß geknirscht haben, weil die Frage nach der Ausrichtung plötzlich akut wurde. Der erfolgreiche, unangefochtene Heynckes wurde zum Kitt für einen Verein, der drohte, Risse zu zeigen.

Geplant war, zeitnah Vollzug zu melden

Schon damals hatte es Kontakt zu Rummenigges Wunschkandidaten Tuchel gegeben, der aber versandete. Nun hat sich der FC Bayern offensichtlich zu spät zurückgemeldet. Mehrere Medien berichten, dass Tuchel absagte, weil er bereits bei einem anderen europäischen Top-Klub im Wort stehe. Der "Kicker" vermeldete nun, den 44-Jährigen ziehe es nach London zum FC Arsenal, andere Medien berichten von Gerüchten über ein Engagement bei Paris Saint Germain. Laut "Süddeutscher Zeitung" hatten Hoeneß, Rummenigge und Salihamidzic am Freitag in einer Telefonkonferenz versucht, Tuchel zu überzeugen, in München zu bleiben (denn dort hat Tuchel seinen Wohnsitz) - vergeblich. Das Trio zog offensichtlich zu spät an einem Strang.

Zuvor hatte sich Hoeneß überzeugen lassen, dass Tuchel nun die beste Lösung sei. Ein wenig beigetragen hat dazu wohl auch, dass in der Zwischenzeit sogar Heynckes den 44-Jährigen als bestmöglichen Nachfolger geadelt hatte. So hatte man gemeinsam beschlossen, erneut auf Tuchel zuzugehen. Es war geplant, in der aktuellen Länderspielpause Vollzug melden zu können. Das könnte nun knapp werden.

Die Parallelen zur Sportdirektor-Suche und zum Thema Heynckes-Verbleib sind auffällig. Auf der Jahreshauptversammlung 2016 hatte Rummenigge selbst damit begonnen, die Personalie Lahm zu thematisieren, ohne dass dieser davon wusste. Auf der Jahreshauptversammlung 2017 begann Hoeneß plötzlich, über den Verbleib von Trainer Heynckes über den Sommer hinaus zu reden. Vor zwei Wochen sagte Hoeneß zur Trainerfrage: "Wir haben dieses Thema noch nie in die Öffentlichkeit getragen."

Niko Kovac
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Niko Kovac

Es ist davon auszugehen, dass seit Tuchels Absage die Telefone in den Chefbüros an der Säbener Straße nicht mehr stumm geblieben sind. Plötzlich tauchen in der öffentlichen Diskussion um die Heynckes-Nachfolge neue Namen auf. Lucien Favre zum Beispiel, der zurzeit den französischen Erstligisten OGC Nizza trainiert und davor Mönchengladbach in die Champions League geführt hatte.

Setzt sich Hoeneß in der Trainerfrage durch, dürfte es auf einen Stallgeruch-Kandidaten wie den Ex-Bayern-Spieler Niko Kovac hinauslaufen. Kovac hat Eintracht Frankfurt 2016 vor dem Abstieg gerettet und ist nun drauf und dran, sich für die Königsklasse zu qualifizieren. Sollte sich Rummenigge nach diesem PR-Debakel durchsetzen, könnte der Verein für einen Überraschungscoup richtig Geld in die Hand nehmen. Doch egal, ob Favre, Kovac oder eine andere Lösung, ihnen allen würde der Makel anhaften, längst nicht die Wunschlösung gewesen zu sein.

Mitarbeiter, die hinter vorgehaltener Hand Hoeneß kritisieren

Oder bleibt Heynckes am Ende doch? Unwahrscheinlich. Auch das kann sich die Vereinsführung selbst zuschreiben: Heynckes soll sehr enttäuscht gewesen sein, als er nach dem Triple-Triumph mit den Bayern 2013 einem jüngeren Trainer namens Pep Guardiola weichen musste. Seine Rückkehr in dieser Saison sei vor allem ein Gefallen für seinen Freund Hoeneß.

Die Kritik an Hoeneß, der im Januar vorgab, in der Trainerfrage keinen Plan B zu haben, wird lauter. Die Art, wie Tuchels Absage publik wurde, lässt auf Frust beim FC Bayern schließen. Auf jeden Fall gibt es Mitarbeiter, die hinter vorgehaltener Hand Hoeneß' Bauchentscheidungen kritisieren. In Sachen Personalentscheidungen fehlte am Freitag nun sogar schon Plan C.

Gut möglich, dass sich Rummenigge und Hoeneß auch diesmal zusammenraufen. Tuchels Absage, zeitlich so nah an der kommenden Saison, hat allerdings eine Tragweite, die einen lange schwelenden Richtungsstreit offen zutage treten lassen kann - mit völlig offenem Ausgang bezüglich Personalentscheidungen. Und zwar solchen an der Vereinsspitze.



insgesamt 104 Beiträge
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timbö 25.03.2018
1. Gut so!
Tuchel passt nicht zu den Bayern, er wäre dort nicht glücklich geworden ...
comfortzone 25.03.2018
2. Es gibt schon lange einen Geheimplan
Jogi darf im Sommer die WM nochmal gewinnen, nimmt dann ein Jahr Sabatical und übernimmt zum 1.7. 2019 die Bayern. Dreimal dürft Ihr raten, wer ihm bis dahin den Platz warm hält: Klar, der Jupp hängt noch ein Jahr dran !
retterdernation 25.03.2018
3. Das Tripple ...
steht an - welch Trainer möchte dann schon die Nachfolge dieses möglichen Triumphs antreten ??? Möglich ist auch: das der Herr Tuchel schmollte - dass man ihn nicht gleich geholt hat. Und ehrlich gesagt, ein Kovac oder Favre wären auch nicht die schlechtesten Lösungen. Auf jeden Fall sehr unterhaltsam, was die Münchner abliefern in der Trainerfrage. Das wollen wir doch - unterhalten werden. Nachdem der HSV in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen bestimmte, setzen sich jetzt also wieder die Bayern an die Spitze des Medieninteresses.
mr-mucki 25.03.2018
4. perfekter Kommentar
Es spiegelt die Situation zu 100% wieder
j.cotton 25.03.2018
5. Hätten die Bayern denn zu Tuchel gepasst?
Zitat von timböTuchel passt nicht zu den Bayern, er wäre dort nicht glücklich geworden ...
Ich denke nicht nur Mats Hummel hätte vehement "NEIN" gesagt, und der kennt ihn schließlich bestens. Lasst Niko Kovac noch ein Jahr mit Frankfurt Cl oder El spielen, und dann sehen wir weiter. Der wäre auch nicht so ein menschlicher Problemfall wie Tuchel. Le Favre wäre mir auch nicht unsympathisch...
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