Thronfolger Die Prinzen von St. Pauli

Regionalligist FC St. Pauli ist beliebter als viele Bundesliga-Clubs. Für eine Modekollektion der Designerin Doris Hartwich wurden Spieler, Trainer und Präsident von Starfotografin Gabo inszeniert - natürlich auf der Hamburger Reeperbahn. PLAYER und SPIEGEL ONLINE zeigen die Kicker in Pose.

Von Stephan Zimprich


Benjamin Adrion war nie ein Star. In guten Zeiten spielte er einen soliden Part im Mittelfeld des berühmtesten Regionalligisten Deutschlands, in schlechten Zeiten war er verletzt, saß auf der Bank oder besang auf einer CD den Traum vom Pokalfinale. Jetzt hat Benny Adrion seine Karriere beendet. Hat es nicht mehr geschafft, sich in die Mannschaft zurückzukämpfen, hat keinen neuen Vertrag bekommen beim FC St. Pauli, und nur am Millerntor und nirgendwo sonst wollte der 25-Jährige noch Fußball spielen.

Eigentlich eine alltägliche Geschichte. Aber wer sich auf die Suche nach dem macht, was so besonders ist am Kiezclub, findet Benny. Einen Fußball-Profi, der nach einem Trainingslager auf Kuba die Welthungerhilfe anruft und die Aktion "Viva con agua de St. Pauli" ins Leben ruft, um kubanische Kinder mit Trinkwasser zu versorgen. Der sich ebenso selbstverständlich von Starfotografin Gabo in Designerklamotten ablichten lässt und aussieht wie ein Profi-Model. Und Sätze sagt wie "Ich glaube fest an das Potenzial der Marke St. Pauli, glaube daran, dass sie mit Inhalt gefüllt werden kann über den Fußball hinaus."

Spricht man mit Trainer Andreas Bergmann über Adrion, muss man Zeit mitbringen. Er spricht viel, relativiert viel, man merkt, dass er sich gequält hat mit der Entscheidung. "Wir haben lange versucht, eine Lösung zu finden", sagt Bergmann, "aber am Ende muss ich nach dem Sportlichen entscheiden." Eigentlich bedarf so etwas keiner Rechtfertigung. Oder doch? Fußball ist nicht die Wohlfahrt, aber St. Pauli ist längst mehr als Fußball. Der Club ist in Hamburg das, was in Kleinstädten der Tennisverein ist: Hier muss man dabei sein, damit man dabei ist.

St. Pauli ist zurzeit jedermanns Liebling. Ob Fußballfan oder Fußballhasser - der Verein genießt bundesweit höchste Sympathiewerte. Diese sind sogar so hoch, dass Fotografin Gabo ("St. Pauli war schon immer mein Team") die Designerin Doris Hartwich schnell überzeugt hatte, die Drittligatruppe zum Protagonisten ihrer neuen Kollektion zu machen. "Ich hab gesagt: die sind so wie Liverpool", erzählt Gabo, "die sind überall akzeptiert, damit tritt man niemandem auf die Füße." Hartwich ließ sich nicht lange bitten: "Das ist ein Kultverein, egal wie gut oder schlecht die spielen, die haben ihre Fans." Herausgekommen ist mehr ein Buch als ein Katalog, eine Modestrecke als Hommage an einen Verein ohne glorreiche Vergangenheit und mit unsicherer Zukunft.

David gegen Goliath

Doch ganz ohne Erfolg funktioniert auch St. Pauli nicht. Ab und an müssen die Spieler auch auf dem Platz dafür sorgen, dass der Glaube an die Sensation neue Nahrung bekommt. Letzte Saison war es wieder so weit. Die Freibeuter der Liga machten im DFB-Pokal fette Beute. Die Einschaltquoten beim Halbfinale gegen den großen FC Bayern toppten jeden Bundesliga-Klassiker, die mediale Inszenierung auch. Kommentator Reinhold Beckmann ließ seiner Liebe zu den Braun-Weißen freien Lauf, die langen Teleobjektive der Kameramänner verdichteten Millerntor und Dom, Kiez und Fankultur zu einer einzigartigen Inszenierung der oft erzählten Saga von David gegen Goliath.

Am Ende war man zwar nicht Pokalsieger und erneuter Bayern-Bezwinger. Aber man hatte den Fans mal wieder den Kopf verdreht. Fotografin Gabo vergoss Tränen, und selbst Oliver Kahn, damals noch offizieller Titan, stellte sich nach dem Spiel vor die Presse, um mit staatsmännischer Miene und verklärtem Blick zu verkünden, dass hier am Millerntor sogar der FC Barcelona seine Probleme kriegen würde.

In der ersten DFB-Pokalrunde (9./10. September) kommt es allerdings erstmal zur Neuauflage gegen den Rekordmeister. Das Traumlos beschert dem FC erneut ein ausverkauftes Millerntor sowie Fernsehgeld, insgesamt freut sich Präsident Corny Littmann über eine halbe Million Euro. Geld, das vorrangig zum Abbau der Schulden eingesetzt werden soll, aber auch als stille Reserve für den sportlichen Bereich zurück gelegt wird.

Spieler mit Erstligaerfahrung wie Stürmer Daniel Stendel, der von Hannover 96 kam oder Florian Bruns, der letzte Saison mit Alemannia Aachen in die Eliteklasse aufstieg, sollen den Kiezclub wieder in die Bundesliga schießen. "Platz eins oder zwei, daran lassen wir uns messen", gibt Abwehrchef Fabio Morena die Marschrichtung vor. Sollte der jetzige Kader nicht bis zur Winterpause die Weichen auf Aufstieg gestellt haben, wird Sportchef Holger Stanislawski nochmal die Gelegenheit zum Nachbessern haben.

Benny Adrion wird dann zwar nicht mehr dabei sein, hofft aber trotzdem, dass die Marke ihre Kraft jetzt dazu einsetzt, anderen zu helfen. "Was sagt denn der Totenkopf aus? Die, die ihn tragen, sind zwar alle konform, aber 'Viva con agua de St. Pauli', das war so ein gemeinsamer Nenner." Er plant jetzt ein weiteres Hilfsprojekt in Südafrika, hofft, dass der Verein seine Sache weiter unterstützt. Nicht unbedingt mit Geld, aber mit der Marke, mit seinen Spielern. Falls das nichts wird, sollte er sich vielleicht an Fotografin Gabo wenden: "Wenn ihr ihn trefft, sagt ihm, er soll mich ruhig mal anrufen. Der sieht so gut aus, der kann auch als Model was werden."

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.