Hollands Sieg gegen Costa Rica "Es war ganz schlimm"

120 Minuten lang verzweifelten die Niederlande im WM-Viertelfinale gegen Costa Rica - am gegnerischen Torwart, vor allem aber an sich selbst. Dann kam Elfmeter-Held Tim Krul.

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Aus Salvador da Bahia berichtet


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Das Unglaublichste dieses unglaublichen Abends gleich vorweg: Es gab doch tatsächlich Zuschauer, die noch vor Ende der Partie das Stadion verlassen haben. Zumindest berichtete das ein Stadionordner, der das einzig Richtige tat: Er schüttelte noch eine Viertelstunde nach der Entscheidung den Kopf über so viel Unverstand.

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Heft 28/2014
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Was sie verpassten, war wohl eines der denkwürdigsten Spiele dieser WM: eines, bei dem ein Ersatztorwart, in der Nachspielzeit der Verlängerung eingewechselt, zum Mann des Tages wurde, weil der Mannschaft, die zwei Stunden lang aufs Elfmeterschießen hingearbeitet hatte, die Nerven flatterten.

Dabei hatte das Spiel die Dramaturgie eines Tatorts, bei dem es 80 Minuten lang um Beziehungsprobleme und die schwere Kindheit der Protagonisten geht, ehe in den letzten zehn Minuten Amokläufe, Verfolgungsjagden und Schusswechsel das große Finale ergeben.

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Einzelkritik Niederlande: Elfmeterkiller Krul, glückloser van Persie
80 Minuten lang hatten sich schließlich zwei Mannschaften aneinander abgearbeitet, von denen die eine (Costa Rica) einfach nur kein Gegentor bekommen wollte und die andere (Niederlande) sich offenbar vorgenommen hatte, den freundlichen Mittelamerikanern genau diesen Wunsch auch zu erfüllen. Chancen hatten die drückend überlegenen Niederländer auch schon in der regulären Spielzeit genug. Doch entweder wurden sie verstolpert (Robin van Persie/88. Minute), oder Torwart Keylor Navas parierte glänzend. Dazwischen gab es jede Menge Ballgeschiebe.

Doch dann ging's los: Wesley Sneijder traf zuerst den Pfosten, ehe Yeltsin Tejeda einen Schuss von Robin van Persie an die Latte lenkte, der Kapitän darauf eine Großchance leichtfertig vergab, eine weitere (Dirk Kuyt) per Fallrückzieher auf der Linie geklärt wurde und Sneijder diesmal nicht den Pfosten traf - sondern die Latte. 67 Prozent Ballbesitz hatten die Niederländer am Ende und gut ein Dutzend allerbester Chancen. Und trotzdem stand es auch nach zwei Stunden noch 0:0.

Costa Ricas Lebensversicherung hieß Keylor Navas

In Reihen der "Ticos" gab es nämlich einen, der in einer wackeren Mannschaft herausragte: Keylor Navas, Torwart in Diensten von UD Levante und nach Ansicht spanischer Journalisten der beste Keeper der vergangenen Saison in der Primera División. Er war die Lebensversicherung eines Teams, das von Beginn an nur zwei Optionen hatte: entweder ein Glückstor zu landen - wofür man bei nur einer echten Torchance (Ureña/117.) schon viel Glück gebraucht hätte - oder sich irgendwie ins Elfmeterschießen zu retten. Wohlwissend, dass es da auf den Torwart ankommt. Als Schiedsrichter Rawschan Irmatow nach 120 Minuten abpfiff, klatschten die Costa Ricaner freudestrahlend ab. Es schien, als glaube mancher, das Spiel sei bereits entschieden.

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Hollands Held Tim Krul: "Ein Kindheitstraum"
Doch damit hatten sie die Rechnung ohne Louis van Gaal gemacht: Der niederländische Coach hatte kurz vor Ende der Nachspielzeit Ersatzkeeper Tim Krul für Stammkeeper Jasper Cillessen eingewechselt, der wutentbrannt eine Flasche von dannen warf. Und er verfügte nun, dass die vier besten Schützen der Niederländer gleich zu Anfang schießen sollten. Van Persie, Arjen Robben, Sneijder und Kuyt schossen ihre Elfmeter prompt so zentimetergenau, dass sie selbst für einen der besten Keeper dieser WM nicht zu halten waren.

Und Krul, der die Elfmeter von Bryan Ruiz und Michael Umaña gehalten hatte, wurde zum Helden des Abends. "Auf der Bank war es ganz schlimm, mit ansehen zu müssen, wie wir Chance um Chance vergeben haben", berichtete der Keeper von Newcastle United. Auch Klaas-Jan Huntelaar ("Unglaublich") schüttelte nur den Kopf, als er auf den dramatischen Abend angesprochen wurde. "Aber es gab auch nur eine Mannschaft, die es verdient hatte, ins Halbfinale einzuziehen."

Tatsächlich hatte sich diese niederländische Mannschaft auch beim fünften Sieg im fünften WM-Spiel wieder als starkes Kollektiv mit einigen herausragenden Individualisten präsentiert. Nicht auszudenken, was Argentinien (und danach Deutschland oder Brasilien?) blühen könnte, wenn es mit dem Toreschießen erst wieder klappt, ohne dass der Ball vorher auf den Elfmeterpunkt gelegt werden muss.

Niederlande - Costa Rica 0:0 n.V., 4:3 i.E.
0:1 Borges
1:1 van Persie
Krul hält gegen Ruiz
2:1 Robben
2:2 González
3:2 Sneijder
3:3 Bolaños
4:3 Kuyt
Krul hält gegen Umaña
Niederlande: Cillessen (120.+1 Krul) - de Vrij, Vlaar, Martins Indi (ab 106. Huntelaar) - Kuyt, Blind - Wijnaldum, Sneijder - Robben, van Persie, Depay
Costa Rica: Navas - Gamboa (ab 79. Myrie, Acosta, González, Umaña, Diaz - Tejeda (ab 97. Cubero), Borges - Ruiz, Bolaños - Campbell (ab 66. Ureña)
Schiedsrichter: Irmatow (Usbekistan)
Zuschauer: 51.179
Gelbe Karten: Martins Indi, Huntelaar - Diaz, Umaña, Gonzalez (2), Acosta
Ballbesitz in Prozent: 67 / 33
Schüsse: 20 / 6
Torschüsse: 8 / 1
Gewonnene Zweikämpfe in Prozent: 55 / 45
Abseitsstellungen: 13 / 2

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Seite 1
auf_dem_Holzweg? 06.07.2014
1. Pind und Pong...
und Niederlande ist weiter! Leider, denn die Coastas haben eine tolle Show geliefert! Graullation an die Niederlander, ich hoffe sie machen das Gleiche mit Argentinien. Vor Costa Rica zieht die Welt den Hut!!!
rehabilitant 06.07.2014
2. Gottseidank
Es wäre eine Katastrophe für den Fußballsport gewesen, wenn Costa Rica das Halbfinale erreicht hätte. Diese destruktive Spielweise darf nicht belohnt werden.
freiemeinungbo 06.07.2014
3. kein wort zum asozialen verhalten von krul?
das war mit Abstand das Unsportlichste was ich sah diese WM. robben der fallsüchtig ist und Krul der sich weigerte ins Tor zu gehen, die schützen anpacke und verbal beleidigte. holland ist die Hass Mannschaft schlecht hin geworden. 2010 das Getrete im Finale jetzt das
gehtesnoch? 06.07.2014
4. Unfair kommt weiter
Es mag ja sein, dass mit Holland hoch verdient weiter gekommen ist, aber das Verhalten von Hr. Robben und vor allem des eingewechselte Torwarts sind beschämend, wenn auch nicht überraschend. Es tut mir leid, der Schiri muss das Verhalten beim Elfmeterschießen mit Gelb und dann mit Gelb-Rot ahnden. Das hatte nichts mit Profitum zu tun, sondern war schlicht unsportlich. Aber da der Schiri das ganze Spiel über alle kleinen auf den ersten Blick unbedeutend aussehenden Dinge für Holland entschied, konnte er am Ende nun auch nicht mehr anders. Wollen wir mal hoffen, dass sich das am Ende nicht auszahlt.
thunderstorm305 06.07.2014
5. Gewonnen mit etwas Nachhilfe.
In einem anderen Bericht hier wird das Verhalten des eingewechselten Torwarts als unsportlich bezeichnet. Er liess sich offenbar viel Zeit zum Tor und ging auch zu den gegnerischen Spielern und betatschte sie. Wenn dem so ist, kann ich nicht erkenne, weshalb das ein Held sein soll.
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