Noch-Schalker Timo Hildebrand Torwart, 34, sucht neuen Job

Er hält den Bundesliga-Rekord für die längste Zeit ohne Gegentor, doch Timo Hildebrand ist nur noch Ersatz-Keeper auf Schalke - und bald auch das nicht mehr. Wie fühlt man sich als 34-jähriger Spitzensportler auf Jobsuche?

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SPIEGEL ONLINE Fußball
Zur Mittagszeit ist es hektisch im Bistro auf Schalke. Die Örtlichkeit ist gut besucht, überall klirren Besteck und Geschirr. Die Gäste unterhalten sich über das Leben im Allgemeinen und den FC Schalke 04 im Besonderen, wobei das für die meisten Menschen im Saal das Gleiche zu sein scheint. Trainer Jens Keller durchquert den Raum und bleibt nicht unbehelligt. Er muss Autogramme schreiben und sich mit den Besuchern des Bistros fotografieren lassen, und Keller macht das offensichtlich gerne.

Timo Hildebrand sitzt am hinteren Ende des Raumes, die Autogrammsammler lassen ihn in Ruhe, er spricht leise. Der Torhüter wirkt in diesem Trubel vergleichsweise unauffällig. Das passt zu seiner Situation auf Schalke. Im November hat er den Platz im Tor an Ralf Fährmann verloren. Auch im Derby bei Borussia Dortmund an diesem Dienstag (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird Fährmann im Tor stehen, für Hildebrand bleibt der Platz auf der Ersatzbank. Seine Zeit auf Schalke wird er voraussichtlich als Reservist beenden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hildebrand, Sie sind nur noch die Nummer zwei. Nach der Saison ist für Sie Schluss beim FC Schalke 04, der Verein hat Ihren Vertrag nicht verlängert. Sind sie noch zu 100 Prozent motiviert?

Timo Hildebrand: Natürlich. Ich will noch ein paar Jahre Fußball spielen. Dafür trainiere ich jeden Tag. An mein Karriereende denke ich noch nicht. Ich war noch nie schwer verletzt, habe noch keine größere OP hinter mir. Natürlich, ich bin schon ein bisschen älter...

SPIEGEL ONLINE: ...in Kürze werden Sie 35...

Hildebrand: ...aber ich fühle mich frisch, möchte mit Hilfe meines Berufs noch ein paar weitere Eindrücke fürs Leben sammeln und meine Erfahrung einbringen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man als Torhüter immer noch bis ins hohe Alter spielen wie damals Kahn und Lehmann?

Hildebrand: Ich weiß nicht, was dagegen sprechen sollte. Klar, in der Bundesliga hat ein Generationenwechsel stattgefunden. Außer Roman Weidenfeller und mir gibt es kaum noch ältere Torhüter. Aber meine Erfahrung ist immer noch ein großer Wert.

Erfahrung - das ist ein gutes Stichwort. Hildebrand ist schon lange dabei, im Sommer 2000 wurde er Stammtorhüter beim VfB Stuttgart. Er stellte einen bis heute gültigen Rekord für die längste Zeit ohne Gegentor auf und leistete 2007 einen wichtigen Beitrag zum Meistertitel des VfB. In Erinnerung geblieben ist eine Parade gegen Bochum am vorletzten Spieltag. Mit einem Blitzreflex wehrte er in der 87. Minute einen Schuss von Christoph Dabrowski aus vier Metern ab und sicherte so den 3:2-Sieg, der die Stuttgarter auf den ersten Platz beförderte. Die Meisterschaft des VfB war auch Hildebrands Meisterschaft.

Und sie war der letzte Akt seiner Zeit in Stuttgart. Hildebrand wechselte nach Valencia, weil es damals hieß, als Torhüter müsse man ins Ausland gehen, um etwas zu werden. Es sei denn, man hieß Oliver Kahn. Mit dem Umzug nach Spanien erlebte Hildebrand einen Karriereknick, und seine Karriere hat sich davon im Grunde bis heute nicht erholt.

In anderthalb Jahren setzte sich Hildebrand nicht nachhaltig durch, Bundestrainer Joachim Löw nominierte ihn nicht für die Europameisterschaft 2008. Es war das Ende seiner Laufbahn in der Nationalmannschaft, dabei hatte er doch als kommende Nummer eins der Torhüter-Nation Deutschland gegolten. Hildebrand hat danach gewaltig gepoltert, er warf Löw öffentlich fehlende Offenheit vor. Aber mittlerweile hat er seinen Frieden gemacht mit der Zeit im Ausland und mit dem Bundestrainer, das sagt er zumindest.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie Joachim Löw viel Glück für die Weltmeisterschaft in Brasilien wünschen?

Hildebrand: Natürlich. Ich bin kein Neider und spüre keine Missgunst. Die Enttäuschung von damals ist kein Thema mehr.

SPIEGEL ONLINE: War Ihr Wechsel ins Ausland ein Fehler?

Hildebrand: Ich wollte das damals so. Die Situation in Valencia war nicht einfach. Zuerst wurde der Sportchef entlassen, der mich geholt hatte, dann kam ein neuer Trainer, der einen neuen Torwart mitbrachte. Es ist müßig, über das Alternativszenario zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Nach anderthalb Jahren haben Sie Valencia wieder verlassen. Sind Sie gescheitert?

Hildebrand: Nein, Scheitern heißt für mich aufgeben - und aufgegeben habe ich nicht. Im Gegenteil: Ich habe bei meinen Vereinsstationen im Ausland stets viel gelernt. Das gilt sowohl für Valencia als auch für Sporting Lissabon.

Von der Ersatzbank in Valencia wechselte Hildebrand Anfang 2009 nach Hoffenheim, dem angesagtesten Fußball-Projekt Europas, als Aufsteiger gerade Bundesliga-Herbstmeister geworden. Doch für den Verein ging es danach bergab, und auch für Hildebrand blieb der Aufschwung aus. 2010 dann der Abschied. Nach zwei Monaten ohne Arbeit wechselte er ohne Aussicht auf einen Stammplatz nach Lissabon. Er machte dort kein einziges Ligaspiel.

Dass er nach erneuter Arbeitslosigkeit zum FC Schalke 04 gespült wurde, verdankt er dem Pech eines Kollegen. Im Oktober 2011 verletzte sich Ralf Fährmann am Knie, Hildebrand wurde eilig verpflichtet und war auch zu Beginn der aktuellen Saison die Nummer eins auf Schalke.

Doch dann wartete er im Vorrundenspiel der Champions League beim FC Chelsea im November ein paar Momente zu lange, als er einen Ball wegschlagen wollte. Samuel Eto'o blockte den Schuss, der Ball flog zum 0:1 ins Tor, am Ende verlor Schalke 0:3 - und Hildebrand ein paar Wochen später seinen Stammplatz an Fährmann. Hildebrand hat sich über den Verlust seiner Stellung nicht beklagt. Mit Kritik hält er sich mittlerweile zurück. Er ist ruhiger geworden, ist kein Poltergeist mehr.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie mit öffentlicher Kritik zu oft übers Ziel hinausgeschossen im Laufe Ihrer Karriere?

Hildebrand: Kritik von Spielern kommt nie gut an. Wenn man sich in den Medien kritisch über Trainer oder Mitspieler äußert, wird man an den Pranger gestellt, meist zu Recht. Aber ich habe aus der Vergangenheit gelernt.

SPIEGEL ONLINE: Was?

Hildebrand: Nichts Kritisches mehr öffentlich zu sagen und Kritik nur noch intern zu äußern.

SPIEGEL ONLINE: Dieser Prozess hat eine Weile gedauert.

Hildebrand: Bei dem einen geht es schneller, bei dem anderen langsamer. Früher hätte ich vielleicht noch was gesagt, als hier der Torwartwechsel stattfand. Aber ich habe mich in den Dienst der Mannschaft gestellt und mich entsprechend verhalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich auch ohne Probleme damit abgefunden, dass Ihr Vertrag auf Schalke nicht verlängert wird?

Hildebrand: Ich musste das akzeptieren, klar.

SPIEGEL ONLINE: Es kann ja Enttäuschung dabei sein. Oder Unverständnis.

Hildebrand: Wenn ein Verein für ein Statement zu einem auslaufenden Vertrag länger braucht, ist jedem Spieler klar, wohin die Reise gehen könnte. Überrascht war ich nicht mehr.

Konkrete Pläne hat Hildebrand offenbar noch nicht für die Zeit nach Schalke, die letzten Jahre seiner Karriere. Ein Wechsel ins Ausland scheint eine Option zu sein, in die USA zum Beispiel, wo in Frank Rost auch ein anderer meinungsstarker Torwart seine Karriere hat ausklingen lassen. Doch in der Bundesliga könnte zur neuen Saison eine umfassende Torhüter-Rotation in Gang kommen. Und dann sucht vielleicht der eine oder andere Verein einen erfahrenen Mann für die Ersatzbank.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
enrico13 25.03.2014
1. Neuer Job - kein Problem:
...wie wäre es denn mit Werder Bremen, denen könnte jemand mit der Erfahrung nutzen (, wenn schon Tim Wiese nicht zurück kommen "darf"...)
Bee1976 25.03.2014
2. Unsicher
Zitat von enrico13...wie wäre es denn mit Werder Bremen, denen könnte jemand mit der Erfahrung nutzen (, wenn schon Tim Wiese nicht zurück kommen "darf"...)
Der Timo hat seit seinem Wechsel abgebaut, Leistungsmässig, von der Stabilität, von der ausstrahlung. Auch wenn er es anders sieht, er ist seit seinem auslandswechsel überall gescheitert. Es hat wohl seine Gründe das er arbeitslos war, und das als ehemaliger NM-Keeper. Auf Schalke waren seine Leistungen auch mehr als durchwachsen. Ich glaube nicht, das Bremen sich einen torwart holen sollte, der nicht zwingend absolut verlässlich udn stabil ist. Dafür spielen sie atm zu dicht an der Abstiegsgrenze. Wenn er wirklich nochmal angreifen will, undes ihm auch wirklich nur ums sportliche geht, wäre mein rat ein Zweitligaverein, wo er gesetzt ist, wo er stabilität wiederfinden kann, und noch einmal zeigen kannwarum er mal Nationaltorhüter war. Als Schalker wünsche ich ihm alles gute, aber ich bin ach froh das er nichtmehr unser Tor hütet.
hermes69 25.03.2014
3. Keine neue Situation
für Herrn Hildebrand. Er war ja schon einmal fast weg vom Fenster und hat sich wieder "hoch" gearbeitet. Bin sicher er findet einen guten Verein. Vllt. nicht in Dtld. aber ganz sicher in einer guten europäischen Liga. Dtld. mangelt es halt nicht an sehr guten Keepern und sein Schicksal teilen ja noch andere (Rensing, Fromlowitz etc. )
adubil 25.03.2014
4. optional
...kommt sicher auf Timos Gehaltsvorstellungen an. Sind die moderat, kann wäre eine Stellung als Senior-Keeper ala Butt oder Starke drin. dann auch sicher lieber Timo als Tim. Ansonsten gibt's genug junge Torhüter, da wäre die Perspektive ein Argument gegen einen 35jährigen.
Nonsens 25.03.2014
5. So ist das halt
im Fussball. Das Prädikat Fliegenfänger haftet einem an, egal wieviel Leistung man nach einem Fehler auch bringt. Es gibt nur wenige Ausnahmen, die sich trotz der einen oder anderen Panne durchgesetzt haben. Die meisten sind weg vom Fenster.
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