Titelkampf in Italien: Ranieris Wölfe beißen wieder

Von Michael Baltes

Der AS Rom ist nach verkorkstem Saisonstart auf Titelkurs. Coach Claudio Ranieri greift nach Meisterschaft und Pokal. Ausgerechnet seinem Erzrivalen José Mourinho als Trainer von Inter Mailand könnte er damit die Saison verhageln. Helfen könnte den Römern ein ehemaliger Bayer.

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AS-Rom-Trainer Ranieri: Meisterschaft und Pokal fest im Visier

Eigentlich war die Saison nach dem zweiten Spieltag schon verkorkst. Der Trainer des AS Rom, Luciano Spalletti, verkündete nach der 1:3-Heimpleite gegen Juventus Turin seinen Rücktritt. "Der Zyklus dieses Teams ist beendet", sagte der Coach zum Abschied. Er beschwerte sich darüber, dass der Verein nicht genügend in das Team investiert habe und geriet deshalb in Konflikt mit der Vereinsführung. Sogar der Mittelfeldstar und römische Abgott Francesco Totti wurde plötzlich in Frage gestellt. Die erfolgreiche Ära des Clubs mit dem Wolfsemblem auf der Brust mit zuletzt zwei Pokalsiegen 2007 und 2008 sowie fünf Vize-Meisterschaften aus den vergangenen acht Jahren schien damit ihr Ende gefunden zu haben.

Als Nachfolger Spallettis wurde dann auch noch der "ewige Verlierer" Claudio Ranieri verpflichtet. Diesen Ruf hatte sich der 58-Jährige Coach bei seinen Trainerstationen in Spanien, England und Italien ohne jegliche Meisterschaftserfolge erworben. Unter anderem trainierte der gebürtige Römer klangvolle Namen wie Valencia, Atlético Madrid, den FC Chelsea und Juventus Turin.

Römer starten Aufholjagd

Daran, dass der AS Rom unter Ranieri eine Erfolgsgeschichte in der Serie A schreiben würde, glaubten vermutlich nur die hartgesottensten Tifosi. Zumal den Kritikern in den ersten Spielen nach Amtsantritt des Italieners neuer Zündstoff geboten wurde. Der Hauptstadtclub lag nach zehn Spieltagen, mageren elf Punkten und der bereits fünften Saisonniederlage auf dem 14. Tabellenplatz, 14 Zähler hinter Tabellenführer Inter Mailand und meilenweit entfernt von den eigenen Ansprüchen. Der Negativ-Trend der Römer schien sich unter dem neuen Coach fortzusetzen.

Ganz in diesem Sinn begann auch der elfte Spieltag für die Hauptstädter. Im Heimspiel gegen Bologna gerieten die Hausherren 0:1 in Rückstand. Den Ausgleich noch vor der Pause durch Vucinic quittierten die eigenen Fans schon mit Pfiffen. Dann löste sich urplötzlich der Knoten. Nach dem Wechsel präsentierten sich die "Roma-Wölfe" mit neuem Gesicht und bogen das Spiel noch um.

Die furiose Serie begann. Der italienische Meister von 2001 verlor seitdem in der Liga kein Spiel mehr und schaffte am 33. Spieltag das erste Mal seit September 2007 wieder den Sprung an die Tabellenspitze der Serie A. Der Mannschaft von Ranieri gelang es, einen zwischenzeitlichen 14-Punkte-Rückstand auf Inter Mailand aufzuholen und liegt mit einem Spiel weniger zwei Punkte hinter den blau-schwarz Gestreiften - hat also die Tabellenführung selbst in der Hand. "Jetzt herrscht Rom", titelte der "Corriere dello Sport" vor dem Stadt-Derby am Sonntag (18.30, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen den abstiegsbedrohten Stadt-Rivalen Lazio.

Luca Toni blüht auf und trifft

Das Geheimnis Ranieris erscheint simpel. Seine Mannschaft spielt funktional und effizient - nicht wie in den vergangenen Jahren auf das große Spektakel ausgerichtet. Die Schönspielerei müsse eben warten, sagt der Coach. Der Erfolg gibt ihm Recht. Ein entscheidender Eckpfeiler für den Wandel sind dabei die personellen Änderungen im Team der "Giallorossi". Bereits abgeschriebene Profis wie der Norweger Jon Arne Riise, Simone Perrotta oder der vormals dritte Torhüter Julio Sergio aus Brasilien erleben unter Ranieri einen neuen Aufschwung und avancierten zu Stützen des Teams. Auch der in Frage gestellte Totti fand unter ihm zu alter Leistungsstärke zurück und unterzeichnete im September sogar einen neuen Vertrag bis 2014.

Der von Bundesligist Bayern München ausgeliehene Luca Toni erwies sich zudem als Glücksgriff. Schon im ersten Spiel für die Roma wurde er von den Fans gefeiert, obwohl Toni noch ohne Torerfolg blieb. Der Bundesliga-Torschützenkönig von 2008 fristete bei den Bayern zuletzt nur noch ein Dasein als Bankdrücker. In Italien blüht er wieder auf, zeigt Einsatzwillen und hat sogar das Laufen wiederentdeckt. In elf Saison-Einsätzen traf Toni bisher fünfmal für den AS Rom.

Der "Kesselflicker" im Privatduell mit Mourinho

Mit diesen nicht unbedingt erwarteten Änderungen in der Mannschaft zeigte Ranieri sein Talent als "Tinkerman". Den Spitznamen, der ungefähr so etwas wie Kesselflicker bedeutet, hatte der Italiener zu seiner Zeit bei Chelsea in London bekommen. Damals plagten den Club akute Verletzungssorgen, und Ranieri musste sein Team aus den letzten noch zu Verfügung stehenden Profis "zusammenflicken". Jetzt stellt der Coach unter Beweis, dass er durchaus auch in der Lage ist, ein Team aus "Alt-Stars" zu basteln.

Neben der Meisterschaft steht die Roma auch im Pokal noch in aussichtsreicher Position. Das Finale ist greifbar: Nach einem 2:0-Hinspielerfolg im Halbfinale gegen Udinese Calcio zweifelt in Italien kaum noch jemand an ihrem Weiterkommen. Im Finale wartet mit Inter Mailand der Hauptkonkurrent aus der Meisterschaft.

Für Roms Trainer wäre es ein ganz besonderes Spiel. Auf Inters Trainerbank sitzt pikanterweise sein alter Rivale José Mourinho. Der Portugiese hat mit seiner Aussage, dass Ranieri zu alt sei, um noch eine Siegermentalität zu entwickeln, provoziert. Zudem löste Mourinho 2004 den Italiener als Chelsea-Trainer ab.

Das Double Mourinho vor der Nase wegzuschnappen - das wäre die Krönung für den "ewigen Verlierer" Ranieri.

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