Togo-Coach Otto Pfister "Lege keinen großen Wert auf Disziplin"

Otto Pfister ist bei der WM 2006 der älteste Coach. Doch trotz aller Erfahrung wird der Deutsche mit Togo wohl nicht viel ausrichten können. Im Interview spricht Pfister über seine Abneigung gegen Taktik, Euphorie im Land des WM-Debütanten und zirkusreife Verhandlungen.


Frage: Herr Pfister, wie wird man Nationaltrainer von Togo?

Pfister: Kurz nach dem Afrika-Cup klingelte bei mir das Telefon. Ein Anruf aus Togo. Der Verbandspräsident wollte wissen, ob ich mir diesen Job zutraue. Ich musste mich innerhalb einer Minute entscheiden. Da hab ich einfach ja gesagt, bin hingeflogen, hab den Vertrag unterschrieben und bin wieder zurückgeflogen – so einfach war das.

Frage: Beim Afrika-Cup holte Togo nicht einen Punkt. Fahren Sie als Kanonenfutter zur WM?

Pfister: Ganz und gar nicht. Ich rechne mir sogar gute Chancen auf das Achtelfinale aus: Wenn wir unsere Auftaktpartie gegen Südkorea gewinnen, haben wir im zweiten Spiel gegen die Schweiz schon ein Endspiel um den zweiten Platz hinter Frankreich. Jedes afrikanische Team repräsentiert auch immer zugleich den ganzen Kontinent. Bei der WM herrscht totale Euphorie.

Frage: Es heißt oft: Afrikanische Spieler sind taktisch schlecht geschult und undiszipliniert.

Pfister: Ach, die Disziplin, da lege ich eigentlich nicht so großen Wert drauf.

Frage: Und die Taktik?

Trainer Pfister: "Adebayor ist mein verlängerter Arm"
AP

Trainer Pfister: "Adebayor ist mein verlängerter Arm"

Pfister: Taktik, Taktik. Nur mit Taktik hat noch nie einer ein Fußballspiel gewonnen. Außerdem: Die Taktik bestimmt der Spieler. Das Ausnutzen von Breite und Tiefe eines Fußballfelds nach den Qualitäten der Spieler – das ist das Prinzip im professionellen Fußball. Wenn du dich zu sehr auf den Gegner konzentrierst, verlierst du deine eigenen Stärken.

Frage: Wo sehen Sie die Stärken Ihres Teams?

Pfister: Afrikanische Spieler sind generell im mentalen Bereich und in der Intuition sehr stark. Zudem sind wir im kreativen Bereich sehr gut. Wir sind schon seit dem 10. Mai im Training, haben die längste Vorbereitung aller WM-Teilnehmer. Meine Elf wird gut eingespielt sein.

Frage: Sie wissen jetzt schon, wer gegen Südkorea spielt?

Pfister: Jeder von den 32 Trainern hat doch seine Startformation längst im Kopf, vom Torwart bis zum linken Flügel, alles andere ist ja Tralala! Wenn du das nicht weißt, drei Monate vorher, wie du einläufst mit der ersten Elf, bist du am falschen Platz. So sehe ich das.

Frage: Welche Rolle spielt Emmanuel Adebayor?

Pfister: Ein Spieler seiner Klasse ist immer ein Leader. Er ist mein verlängerter Arm auf dem Platz.

Frage: Könnte Sie nach der WM die Bundesliga reizen?

Pfister: Ich habe sogar schon mal mit einem Club verhandelt, aber das war ja wie im Zirkus Knie.

Frage: Wie bitte?

Pfister: Der Präsident fragt nach meinen Plänen. Ich sage, die drei Ausländer müssen weg, dafür kommen Faustino Asprilla, Freddy Rincón und Abedi Pelé. Da sagt der zu mir: "Die kenne ich nicht." Da bin ich aufgestanden und gegangen.

Das Interview führte Florian Grove



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