Nationalspieler Toni Kroos Der Raum-Ausstatter

Pep Guardiola setzt auf ihn, Joachim Löw auch: Toni Kroos ist bei Bayern und im DFB-Team unverzichtbar, im WM-Kader ist ein Platz für ihn reserviert - doch im Rampenlicht steht der Mittelfeldspieler selten. Das Taktikprofil offenbart seine Stärken.

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Jubel wollte nicht aufkommen. Toni Kroos hatte soeben ein Tor vorbereitet. Ein Treffer, der wunderschön anzuschauen war und ein Spiel entschied: das 5:3 André Schürrles bei Deutschlands Sieg über Schweden. Als dessen Schlenzer im rechten Torwinkel einschlug, schlurfte Kroos zum Torschützen. Ein kurzes Abklatschen, kaum Blickkontakt, dann drehte er wieder ab und überließ das Rampenlicht dem Mann des Abends.

So nachvollziehbar Kroos' Zurückhaltung in dieser Szene auch war: Sie steht sinnbildlich für einen Fußballer, der zwar in zwei der besten Mannschaften der Welt seinen Stammplatz hat, doch kaum als Star wahrgenommen wird. Bundestrainer Joachim Löw verzichtete im Jahr 2013 nur einmal auf Kroos, sofern dieser einsatzfähig war (beim 2:1 gegen Frankreich); beim FC Bayern stand er seit Josep Guardiolas Amtsantritt in zwölf von 14 Pflichtspielen in der Startelf. Kein anderer Feldspieler durfte häufiger beginnen, nicht einmal des Trainers Liebling Philipp Lahm. Im Mittelpunkt steht Kroos indes selten, selbst wenn er so gut in Form ist wie in den jüngsten beiden Länderspielen.

Dass das so ist, liegt an seiner Spielweise. Denn Kroos' vielleicht größte Stärke übersieht man leicht. Sie zeigt sich dann, wenn der 23-Jährige gar nicht am Ball ist. Es sind seine Laufwege, sein Gespür für Räume, seine Spielintelligenz, die ihn so wichtig machen für die deutsche Nationalmannschaft und den FC Bayern. Als "taktisch stark" würde man Kroos im Fußballkommentatorenjargon bezeichnen. Was sich hinter dieser Floskel verbirgt, zeigte etwa Deutschlands 3:0-Sieg über Irland am vergangenen Freitag.

Da begann Kroos im offensiven Mittelfeld als Zehner. Bei eigenem Spielaufbau bewegte er sich immer wieder gezielt zwischen die Abwehr- und Mittelfeldreihe des Gegners, wenn sich dort Freiräume auftaten, weil etwa Irlands Mittelfeldspieler etwas früher Druck auf die deutschen Abwehrspieler erzeugen wollten. Die gegnerischen Ketten reagierten dann meist, indem sie näher zusammenrückten. So verschaffte Kroos denjenigen Mitspielern, die das Spiel eröffnen wollten, Zeit.

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Oder er schlich zu einem gegnerischen Mittelfeldspieler, verweilte kurz bei ihm und zog damit dessen Aufmerksamkeit auf sich. Dann schlenderte Kroos davon und bewirkte, dass ihm der Gegner folgte. Ihm selbst bringt das keinen Vorteil, aber dem Mitspieler, der nun mehr Platz hat. Es ist ein einfaches Prinzip des Fußballs, das Hollands Fußball-Legende Johan Cruyff häufig propagiert: Hilf deinem Mitspieler, indem du dich von ihm entfernst. Nur so verschaffst du ihm mehr Raum.

Diese Raumausstatterqualitäten sind besonders gefragt, wenn man auf Widersacher trifft, die sich in die eigene Hälfte zurückziehen und vor allem auf Vermeidung aus sind. Deutschlands Nationalmannschaft und Bayern München erleben das immer wieder. Kroos erzeugt Risse in den massiven Abwehrblöcken solcher Gegner.

Gegen Schweden waren andere Qualitäten gefragt. Löw zog Kroos näher an die eigene Abwehr heran und setzte auf Mesut Özil auf der Zehnerposition. Aus der Tiefe heraus verleiht Kroos dem Spiel seiner Mannschaft Struktur. Oft verbindet er die einzelnen Mannschaftsteile miteinander. Wann orientiere ich mich an den gegnerischen Strafraum, wann lasse ich mich zurückfallen, um eine zusätzliche Option im Aufbau zu sein? Kroos entscheidet sich meist richtig. Seine Genauigkeit selbst bei anspruchsvollen Pässen sowie die minimale Zeitspanne, die er benötigt, um sich für eine Anspieloption zu entscheiden, prädestinieren ihn für solche Mannschaften, die Fußballspiele dominieren wollen. Drei Tore bereitete Kroos gegen Irland und Schweden insgesamt vor, ein weiteres leitete er ein.

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ZDF-Kommentator Béla Réthy, der die Fernsehzuschauer durch die Partie in Solna begleitete, ging nicht etwa auf Kroos' starken Pass in der Entstehung des ersten deutschen Treffers ein, erwähnte nicht dessen geringe Fehlerquote unter Druck. Réthy sagte, Kroos habe sich mittlerweile "defensiv gebessert". Unausgesprochen ließ er, dass er damit wohl auf das Halbfinale der Europameisterschaft 2012 gegen Italien anspielte.

Damals hatte Kroos das Wirken von Italiens Spielmacher Andrea Pirlo eindämmen sollen. Das klappte nicht, und bis heute scheint das Kroos nachzuhängen. Dabei hatte dieser im Champions-League-Halbfinale 2012, als er mit Bayern auf Real Madrid traf, bewiesen, solche Aufgaben erfüllen zu können. Damals schaltete er bei gegnerischem Ballbesitz Madrids Spielmacher Xabi Alonso durch gezielte Manndeckung weitgehend aus.

Und doch: Wenn es ums Verteidigen geht, besitzt die Konkurrenz im DFB-Team mehr Qualität. Kroos ist nicht so dynamisch wie Sami Khedira, besitzt nicht Ilkay Gündogans defensives Stellungsspiel oder Bastian Schweinsteigers Präsenz. Als Guardiola ihn bei Bayern im Uefa Supercup gegen Chelsea als alleinigen Sechser ausprobierte, fing sich der FCB zahlreiche Konter, das 0:1 wurde durch das Zentrum eingeleitet.

Kroos ist nicht außergewöhnlich schnell, ist keiner, der im Sprint Zweikämpfe für sich entscheidet. In der Nationalmannschaft agiert deshalb meist zumindest ein dynamischer Spielertyp an seiner Seite, um dieses Manko zu kaschieren. Bei aller Flexibilität: Seine Idealposition liegt weiter vorn, mitten in der Hälfte des Gegners. Dort, wo es am schwersten ist, fühlt Kroos sich wohl, dort macht er sich für seine Mannschaft unentbehrlich. Auch wenn das nicht immer auffällt.

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freundlich100 16.10.2013
1. Bela rethy ...
... ist in eine schwere Beleidigung für die ganze deutsche Fussballnation - ein brutaler Tritt mitten in das Gesicht eines jeden Fussball-Liebhabers. Das DZF stellt sich mit ihm als Kommentator mitten ins Abseits aller Fussballübertragungen. Bitte, bitte, bitte entlassen!
WhereIsMyMoney 16.10.2013
2.
Kroos ist ein Spieler für Analytiker und Taktik-Freaks, bei den normalen Fan stößt er eher auf Ablehnung, es sei denn er fällt mal mit Vorlagen oder Toren. Zum Glück bin ich eher einer der sich für Taktik interessiert als für auffallende Aktionen. Deshalb sind Kroos und Gündogan meine absoluten Lieblingsspieler. Ich würde nur zu gern sehen, dass Löw mit einem 6er spielt und Kroos und Gündogan zusammen als "8er" spielen können. Doch ich sehe schwarz bei Löw. Ich warte noch auf Heynckes.
Gelaber 16.10.2013
3.
Seitdem er zu Leverkusen ausgeliehen wurde, der meiner Meinung nach beste deutsche (zentrale) Mittelfeldspieler. Die Pässe, die er mit großer Regelmäßigkeit spielt, sind mindestens genial. Außerdem eine grandiose Schusstechnik sowie im Gegensatz zu zB Özil auch die Körperkraft/den Willen mal nicht sofort umzufallen.
baltasar_decide 16.10.2013
4. Weltfußballer
2007 verkündete ich bereits, dass es nur einer schaffen kann, nach Matthäus, die Auszeichnung des Weltfußballers zu erreichen und zwar Toni Kroos. So begeistert war ich von diesem Talent schon in den Ü-Mannschaften. Es fehlt nicht mehr viel, 1-2 Jahre noch und er ist auf seinem Zenit und dann gehört er zu den Besten auf seiner Position, wenn er nicht sogar der Beste sein wird. Er hat alles was man dafür braucht. Wer das nicht sieht, hat schlichtweg keine Ahnung und soll lieber Kreisligaspieler kritisieren, wo er oder sie am richtigen Ort mit seiner oder ihrer Meinung angekommen wäre.
yeast2hybrid 16.10.2013
5.
Zitat von WhereIsMyMoneyKroos ist ein Spieler für Analytiker und Taktik-Freaks, bei den normalen Fan stößt er eher auf Ablehnung, es sei denn er fällt mal mit Vorlagen oder Toren. Zum Glück bin ich eher einer der sich für Taktik interessiert als für auffallende Aktionen. Deshalb sind Kroos und Gündogan meine absoluten Lieblingsspieler. Ich würde nur zu gern sehen, dass Löw mit einem 6er spielt und Kroos und Gündogan zusammen als "8er" spielen können. Doch ich sehe schwarz bei Löw. Ich warte noch auf Heynckes.
Naja, wenn Kroos offensiv auf acht spielt ist er schon auch auffällig und wird wahrgenommen, daher wohl auch dieser Artikel. Mir wär Gündogan als alleiniger Sechser und Kroos mit Schweinsteiger als Doppelacht fast lieber. Ist aber sehr hypothetisch beim Bundesjogi. Glaub nicht dass er im Ernstfall Özil was anderes als die 10 spielen lässt, oder gar auf die Bank setzt.
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