Gladbach-Urgestein Jantschke "Ich habe mittlerweile ein dickes Fell"

Unter dem neuen Trainer Dieter Hecking ist Borussia Mönchengladbach noch ohne Niederlage. Vor dem Europa-League-Spiel gegen den AC Florenz spricht Gladbachs Verteidiger Tony Jantschke über Erfolg, Oliver Neuville und den Super Bowl.

Gladbachs Verteidiger Tony Jantschke und Bremens Max Kruse
Bongarts/Getty Images

Gladbachs Verteidiger Tony Jantschke und Bremens Max Kruse

Ein Interview von


Zur Person
    Tony Jantschke, 26, spielt seit fast zehn Jahren bei Borussia Mönchengladbach. Trainer Lucien Favre machte den damals 21-Jährigen zum Stammspieler. Zeitweilig trug er auch die Kapitänsbinde der Mannschaft. Unter Andre Schubert verlor er seinen festen Platz im Team, bei Dieter Hecking ist er nun wieder gesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Jantschke, Sie gelten als großer Footballfan. Dann haben Sie sicher den Super Bowl verfolgt?

Jantschke: Selbstverständlich. Ich habe sogar extra am Sonntag zwei Stunden vorgeschlafen, um das Spiel zu sehen. Am Montag war das erste Training dankenswerterweise erst um 13 Uhr. Ein grandioses Spiel.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihnen besonders imponiert?

Jantschke: Das, was diesen Sport so ausmacht. Selbst wenn eine Mannschaft scheinbar längst besiegt ist, ist noch alles möglich. Die Patriots lagen mit 3:28 zurück und standen schließlich doch noch als Sieger da.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es solche Möglichkeiten auch noch im deutschen Fußball?

Jantschke: Wenn man gegen die Bayern 0:2 hinten liegt, dann ist es quasi unmöglich, da noch was zu drehen. Weil die Qualität nun mal so groß ist. Das weiß man auch als gegnerischer Spieler. Aber wir haben zuletzt in Leverkusen bewiesen, dass es in dieser Liga generell möglich ist, auch einen 0:2-Rückstand noch in einen Sieg zu verwandeln.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Qualität besitzt Borussia Mönchengladbach im Moment?

Jantschke: Eine ganze Menge. Das war uns auch allen seit Beginn der Saison bewusst. Wir haben daraus nur lange Zeit keinen Nutzen ziehen können. Jetzt läuft es wieder.

SPIEGEL ONLINE: Weil die Verantwortlichen André Schubert durch Dieter Hecking ersetzten. In dessen ersten vier Bundesligaspielen holte die Mannschaft zehn Punkte, Ihr Team steht zudem im Pokalviertelfinale. Was macht Hecking besser als Schubert?

Jantschke: Das darf man nicht vergleichen. Dass André Schubert gehen musste, war die Schuld der Mannschaft. Wir haben einfach unsere Qualitäten nicht zeigen können und dementsprechend wenig Punkte gesammelt. Aber die Mechanismen im Fußball sind nun mal so, dass bei Misserfolg der Trainer gehen muss und nicht die Mannschaft. Und mit Dieter Hecking haben wir einen guten Griff getan.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Jantschke: Hecking ist ein erfahrener Trainer. Er weiß genau, wie er mit einer Mannschaft umgehen muss, die in dem Zustand war, in dem wir uns befanden. Er hat bei seinen Ansprachen die richtigen Worte gewählt. Als Spieler merkst du ganz genau, ob ein Trainer auch wirklich hinter dem steht, was er sagt. Bei Hecking ist das der Fall. Dadurch ist schnell eine Vertrauensbasis entstanden.

SPIEGEL ONLINE: In der Hinrunde wurde häufig die fehlende defensive Stabilität bemängelt, genau daran hat Hecking offenbar erfolgreich gearbeitet. Wie hat er das gemacht?

Jantschke: Zuallererst durch die taktische Umstellung von einer Dreier- auf eine Viererkette in der Verteidigung. Einer mehr hinten drin bedeutet mehr Sicherheit. Außerdem sind wir deutlich defensiver ausgerichtet als unter Schubert. Da waren wir auf aggressives und frühes Pressing eingestellt. Jetzt stehen wir tiefer, und die Verteidiger sollen in erster Linie verteidigen.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen unter Hecking als Rechtsverteidiger gesetzt. Welche Anweisungen hat er Ihnen gegeben?

Jantschke: Ein Beispiel: Wenn du als rechter Verteidiger den rechten Mittelfeldspieler anspielst, dann hat man die Möglichkeit durchzustarten, um ihn zu überlaufen. Eine offensive, aber auch riskante Taktik. Man kann aber auch hinter dem Ball bleiben und so mögliche Kontersituationen absichern. Eine Herangehensweise, die meinem Spiel vermutlich mehr zugutekommt (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Jantschke: Ich kenne meine Stärken und Schwächen genau. Und in diesem Leben werde ich keine Offensivrakete mehr, die von der Torauslinie die Flanken in die Mitte bringt. Das ist eher eine Qualität von Oscar Wendt, und der spielt bei uns auf der linken Seite. Dafür habe ich andere Qualitäten und eine von davon ist meine Sicherheit in der Defensive.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kollege Christoph Kramer hat in einem Interview erklärt, dass die Mannschaft unter Schubert am Ende blockiert war. Wie hat Hecking diese Blockade gelöst?

Jantschke: Erfolg kommt durch Selbstvertrauen, und daran muss jeder Spieler selbst arbeiten. Der Trainer kann nur die richtigen Maßnahmen ergreifen, und das hat Dieter Hecking getan: klare Ansprachen, strukturiertes Training, eine klare Taktik, wenig Rotation. Das bringt Sicherheit und hat in Kombination mit den Erfolgen dafür gesorgt, dass wir wieder selbstbewusster auftreten.

SPIEGEL ONLINE: Was auffiel: Selbst als die Borussia in der Hinrunde den Abstiegsrängen gefährlich nahe kam, blieben die Spieler erstaunlich cool. Kann Sie nichts mehr schocken?

Jantschke: Vermutlich habe ich inzwischen ein ziemlich dickes Fell, was sportliche Krisen angeht. Ich bin damit groß geworden. Als ich Ende 2008 mein Debüt unter Hans Meyer feierte, war der Klub gerade erst wieder aus der zweiten Liga aufgestiegen. Danach spielten wir immer im unteren Tabellendrittel, 2011 gipfelte das dann mit dem Gang in die Relegation. Diese Erfahrungen wünsche ich niemandem, das war der Horror. Zu wissen, dass es an dir liegt, ob Mitarbeiter im Verein, mit denen man tagtäglich zu tun hat, ihren Job behalten ¬ das ist echter Druck. Aber dadurch sind die, die das damals miterleben mussten, abgehärtet.

SPIEGEL ONLINE: Vor der Saison verließen mit Granit Xhaka, Havard Nordtveit, Martin Stranzl und Roel Brouwers gleich vier ehemalige Kapitäne die Mannschaft. Wer schnauzt denn jetzt die jungen Spieler an?

Jantschke: Die Zeiten, in denen die älteren Spieler den Jüngeren gesagt haben, wo es langgeht, sind leider vorbei. Ich bin noch einer von der alten Schule, bin sofort losgesprintet, wenn es im Training darum ging, die Tore durch die Gegend zu schleppen und empfand es als eine Art Ritterschlag, als mich ein Star wie Oliver Neuville im Trainingsspiel zusammenstauchte. Heute gehen die Jungs erst mal in Ruhe Wasser trinken.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Jantschke: Merken sie irgendwann, dass sich das Tor nicht von allein bewegen wird. Und ich werde auch nicht müde werden, sie darauf hinzuweisen, selbst wenn sie zwei Tage vorher vier Tore geschossen haben.

SPIEGEL ONLINE: Ihrem neuen Trainer dürfte das gefallen.

Jantschke: Vermutlich schon. Er steht ja ebenfalls auf klare Ansagen.



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