Torhüter-Legende Trautmann "Ich habe mich gefühlt wie ein Affe im Zoo"

Bernd Trautmann kam 1946 als Kriegsgefangener nach England, wurde zum Star-Torhüter - und durch einen Genickbruch zur Legende. Im ersten Teil des Interviews mit dem Magazin "11FREUNDE" spricht er über seine Profijahre bei Manchester City und seinen Stand als Deutscher bei den englischen Fans.

Trautmann (Mitte): Mit Genickbruch am 5. Mai 1956 gegen Birmingham City
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Trautmann (Mitte): Mit Genickbruch am 5. Mai 1956 gegen Birmingham City


Frage: Herr Trautmann, sind Sie enttäuscht, wenn Sie an die fünfziger Jahre zurückdenken?

Trautmann: Wieso sollte ich enttäuscht sein?

Frage: Immerhin reiften Sie in England zu einem der besten Torhüter der Welt. In Ihrer Heimat waren Sie aber lange nur Experten ein Begriff.

Trautmann: Ich konnte damit umgehen, weil ich wusste, dass in beiden Ländern ein unterschiedliches Verständnis vom Fußball herrschte. In England ließen sie einen nicht sterben, wenn es mal nicht lief, während man in Deutschland vor allem auf die Erfolge schaute. Nach der WM 1954 hatte Deutschland seine Helden. Da konnte ich nur eine Nebenrolle spielen.

Frage: Ihre Geschichte liest sich wie ein Märchen: Vom deutschen Kriegsgefangenen zum Star in England, der trotz Genickbruch weiterspielt. Genug Potential für eine Heldenverehrung.

Trautmann: Die Verletzung war Fluch und Segen zugleich. Ich habe mich oft darüber geärgert, dass ich für die meisten nur der Mann bin, der sich in einem Spiel das Genick gebrochen hat. Ich habe 15 Jahre Fußball gespielt und alles, woran man sich erinnert, ist diese Verletzung?

Frage: Sie wurden zur Legende. Ein Symbol für Tapferkeit und Willensstärke.

Trautmann: Wissen Sie was: Hätte ich in diesem Spiel gewusst, wie schwer meine Verletzung wirklich ist, wäre ich sofort rausgegangen. Ich wollte doch weiterleben.

Frage: Sie kamen 1946 als Kriegsgefangener nach England. In den Gefangenenlagern wurde bereits regelmäßig Fußball gespielt. Was kam in diesen Teams an Fußballkompetenz zusammen?

Trautmann: Wir hatten eine respektable Truppe im Camp 50. Karl Krause hat später für Schalke gespielt, Günther Lühr in Bremerhaven. Der Fußball war eine wichtige Ablenkung. Ich freute mich den ganzen Tag aufs Spielen.

Frage: Hatten Sie als Kriegsgefangener überhaupt noch Kraft zum Fußballspielen?

Trautmann: Wir sind von den Engländern sehr gut behandelt worden. Wir haben das gleiche Essen bekommen wie die Dorfbewohner, denen es auch nicht gutging. Am Feind wurde nicht gespart. Das hat mich beeindruckt.

Frage: Wie ging die englische Politik nach der Entlassung mit ihren Kriegsgefangenen um?

Trautmann: Im Zuge der Entnazifizierung wurde ich als Nazi eingestuft. Deswegen lud mich der britische Geheimdienst MI-5 in meinen Anfangsjahren als Spieler noch regelmäßig zur Befragung vor. Nach Jahren ging es dort fast freundschaftlich zu. Wir haben uns zum Tee getroffen und über Fußball gesprochen.

Frage: Sie wurden 1948 zum Star des Kleinstadtvereins St. Helens Town. Ein Mitspieler nannte Sie gar den "ersten Posterboy des Fußballs". Bald kamen Angebote aus der First Division.

Trautmann: Der Verein wusste vor meiner zweiten Saison, dass ich nicht zu halten war. Es gab Anfragen von Arsenal, Tottenham, Everton, Manchester United und City. Das finanziell beste Angebot hatte ich allerdings aus Burnley.

Frage: Dennoch gingen Sie 1949 zu Manchester City.

Trautmann: Die City-Verantwortlichen lockten St. Helens' Direktor Jack Friar zu vermeintlichen Verhandlungen nach Manchester, standen aber plötzlich vor meiner Tür. Ich lag an dem Tag mit einer Grippe im Bett. Sie schwärmten von mir und hatten einen Vertrag dabei. Ich wollte sie einfach nur loswerden - weil ich auf die Toilette musste. Doch sie redeten weiter. Irgendwann hatte ich genug und unterschrieb. Von dem Tag an war ich ein Citizen.

Frage: Die Nachricht, dass ein Deutscher bei City das Tor hüten wird, sorgte in Manchester für massiven Widerstand. Erst die mahnenden Worte des Rabbis Dr. Alexander Altmann glätteten die Wogen ein wenig.

Trautmann: Die jüdische Gemeinde verehrte Altmann als bedeutenden Wissenschaftler. Leider konnte ich ihm nie dafür danken, dass er für mich Partei ergriff. Ich hätte ihn einfach einmal anrufen sollen, das wäre heutzutage kein Problem. Damals war das komplizierter. Und ehrlich gesagt, war ich viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt.

Frage: Wie haben Sie die Proteste miterlebt?

Trautmann: Gar nicht. Ich habe zum Glück noch in St. Helens gewohnt und von den Demonstrationen erst aus der Zeitung erfahren. Ich bin froh, dass ich damals nicht vor Ort war, denn ich weiß nicht, wie ich das verarbeitet hätte. Wenn ich hätte erleben müssen, wie man mich persönlich angreift, wäre ich wahrscheinlich nie in England geblieben.

Frage: Sie spielten anfangs in der Reserve von City. Wollte der Verein Sie schützen?

Trautmann: Man konnte mich nicht schützen. Ich stand im Fokus. Zu meinem ersten Spiel bei Barnsley kamen 27.000 Zuschauer ins Stadion. Normalerweise gingen zu so einer Partie maximal 2000. Alle wollten den Deutschen sehen. Ich habe mich gefühlt wie ein Affe im Zoo.

Frage: Wie haben sich die Fans benommen?

Trautmann: Die ersten Minuten waren schlimm. Von den Rängen kamen Nazi-Rufe, einige rissen den rechten Arm in die Luft. So fair die Engländer auch zu mir waren, in den ersten Tagen habe ich viel Ablehnung in ihren Augen gesehen. Aber wer konnte es ihnen verübeln?

Frage: Wie gingen Sie damit um?

Trautmann: Ich versuchte, es zu ignorieren. Ich habe mit dem Gefühl gelebt, dass sie zu wenig über die wahren Begebenheiten in Deutschland wussten. Sie sahen nur die Mörder und Kriegstreiber. Für sie war ich einer von denen.

Frage: Woher nahmen Sie den Mut, sich als Deutscher kurz nach Kriegsende Woche für Woche der britischen Öffentlichkeit zu stellen?

Trautmann: Es war seltsam, denn ich litt seit meiner Kindheit unter starken Minderwertigkeitskomplexen. Ein Beispiel: Ich musste bei City, genau wie meine Mitspieler, mit dem Bus zum Training fahren. Nach Trainingsschluss haben oft schon einige Mitspieler an der Haltestelle gewartet. Wenn ich sie sah, habe ich mich versteckt. Ich wartete lieber eine Stunde auf den nächsten Bus, in dem ich alleine saß.

Frage: Sie ließen sich im Stadion von tausenden Fans anfeinden, hatten aber Angst vor Ihren eigenen Kollegen?

Trautmann: Ich kann es nicht erklären. In kleinen Gruppen war ich einfach scheu. Das hat wohl etwas mit meiner autoritären Erziehung zu tun. Als kleiner Junge hatte ich nicht viel zu melden. Ich habe in meiner ganzen Karriere auch nie geglaubt, dass ich ein überragender Torwart bin. Egal wie groß die Lobeshymnen waren, ich habe immer an mir gezweifelt.

Frage: Wie gingen die Gegner mit Ihnen um?

Trautmann: Durchweg fair. Diejenigen, die mich hart attackierten, kann ich an einer Hand abzählen.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil des "11FREUNDE"-Interviews über die englische Härte im Fußball der Fünfziger Jahre, Trautmanns Heimweh und wie er fast zu Schalke 04 gewechselt wäre.

Das Interview führte Benjamin Kuhlhoff



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