Torhüter-Legende Trautmann "Ich habe überall Narben"

Bert Trautmann riskierte für Manchester City Kopf und Kragen. Zur Legende wurde der Torhüter, weil er mit gebrochenem Halswirbel ein Finale zu Ende spielte. Im Magazin "11FREUNDE" spricht er über nackte Schotten, Heimweh und seine verhinderte Karriere im Nationalteam.

Torhüter Trautmann: Zwischen 1949 und 1964 bei ManCity zwischen den Pfosten
dpa

Torhüter Trautmann: Zwischen 1949 und 1964 bei ManCity zwischen den Pfosten


Lesen Sie im ersten Teil des Interviews, wie Bernd Trautmann 1946 als Kriegsgefangener auf die Insel kam, zum Star-Torhüter wurde - und durch einen Genickbruch zur Legende.

Frage: Herr Trautmann, ist der knochenharte englische Fußball der fünfziger Jahre ein Mythos?

Trautmann: Alles andere als das. Natürlich ging es sehr hart zu. Gerade als Torwart musste man auch mal die Schulter ausfahren. Ich habe überall Narben, wie oft meine Nase gebrochen war, weiß ich nicht mal mehr. Wenn dir ein Gigant wie John Charles gegenüberstand, musstest du ihm klar machen, wo die Grenze ist.

Frage: Charles wurde "Sanfter Riese" genannt. Er kassierte in seiner Karriere nicht einen Platzverweis.

Trautmann: Diese Kerle waren nie unfair, es gehörte einfach zum damaligen Spiel, dass man einander anging. Doch bei aller Härte ging es ehrlich zu. Man respektierte sich. Außerdem wollten wir die Leute unterhalten. Ich habe in England gelernt, dass man nicht immer gewinnen kann. So verbissen es auch zuging, es sollte vor allem Spaß machen.

Frage: Wie sah dieser Spaß aus?

Trautmann: In einem Spiel gegen Birmingham geriet ich mehrfach mit dem Rechtsaußen Murphy aneinander. Ein Schotte. Einmal schrie er: "Fucking german. I'm going to kill you!" In der Halbzeit sagte ich zu meinem Trainer, dass ich nicht mehr rausgehe, weil mir dieser Murphy gedroht habe. Ich meinte es ernst.

Frage: Wie hat Ihr Trainer Les McDowall reagiert?

Trautmann: Er ging aus der Kabine, kam wieder und sagte: "Ich habe das geklärt." Murphy hielt sich in der zweiten Hälfte zurück. Nach dem Spiel klopfte es an unserer Kabinentür. Da stand Murphy - splitterfasernackt. Er kam auf mich zu und entschuldigte sich. Seine Mannschaft hatte ihn dazu gezwungen. Ich hatte größten Respekt vor so viel Anstand. Die Anderen haben lachend am Boden gelegen.

Frage: Sie spielten gegen Bobby Charlton und Stanley Matthews. Wer ist für Sie die größte Persönlichkeit im englischen Fußball?

Trautmann: Tom Finney überragte alle. Er hat nie die Aufmerksamkeit bekommen, die ihm gerecht geworden wäre, weil er immer nur bei Preston North End gespielt hat. Man hat ihn regelmäßig in Grund und Boden getreten, aber er ist stets wieder aufgestanden, hat sich das Hemd abgeklopft und weitergespielt. Ich habe nie einen bescheideneren und vorbildlicheren Menschen getroffen als Tom.

Frage: Hatten Sie denn in all der Zeit nie Heimweh?

Trautmann: Natürlich. Ich bin und bleibe Deutscher. Fast wäre ich ja auch bei Schalke gelandet.

Frage: 1952 buhlte der Verein um Sie. Wie kam der Kontakt zustande?

Trautmann: Karl Krause, mein Teamkollege aus dem Lager, spielte auf Schalke. Er rief mich an und sagte, dass man Interesse an mir habe. Ich war nicht abgeneigt, brauchte eine neue Herausforderung. Ich erzählte, meine Mutter sei sehr krank, und bin nach Gelsenkirchen gereist. Präsident Wildfang, Fritz Szepan und Ernst Kuzorra haben mir sogar eine Tankstelle gezeigt, die mir gehören sollte.

Frage: Letztendlich scheiterte der Wechsel an der horrenden Ablöseforderung von 25.000 Pfund, damals umgerechnet 250.000 Mark.

Trautmann: Diese Summe sprengte alles bisher Dagewesene. In der deutschen Presse drehte sich der Wind: Die anfängliche Euphorie um meinen möglichen Wechsel schlug in Skepsis gegenüber meiner Person um. City wurde die Ablöse als Arroganz ausgelegt, und ich hatte das Gefühl, die Menschen glaubten, auch ich wolle abkassieren. Ich habe gemerkt, dass die Deutschen sehr viel kritischer und kurzsichtiger mit solchen Dingen umgehen.

Frage: Haben Sie dieser Chance nachgetrauert?

Trautmann: Im Nachhinein war ich froh, dass es nicht geklappt hat. Ich weiß nicht, ob ich mit dieser Mentalität des Neids hätte umgehen können.

Frage: Sie haben mit City fast 80 Freundschaftsspiele in Deutschland bestritten. Welche Bedeutung hatten diese Partien für Sie?

Trautmann: Ich wollte den Zuschauern zeigen, dass ich in einer guten Mannschaft spiele, doch meine Kollegen hatten eine andere Einstellung. Sie wollten sich in der Off-Season ausruhen und haben sich einen Spaß daraus gemacht, mich schlecht aussehen zu lassen. Das hat mich tierisch aufgeregt. Als wir 1953 in Frankfurt spielten, haben meine Mitspieler absichtlich einen Elfmeter verschuldet, doch ich konnte parieren. An diesem Tag saß auch Bundestrainer Sepp Herberger auf der Tribüne.

Frage: Hat er Ihnen jemals erklärt, warum Sie nie für Deutschland spielen durften?

Trautmann: Nein, aber ich glaube, er hatte Angst. Angst davor, dass er mich holt und ich nicht die Leistung bringe. Dann hätte er in der Kritik gestanden. Die Presse schaute genau hin. Er konnte nicht testweise einen Spieler aus dem Ausland holen, das war von höchster Brisanz.

Frage: War Herberger ein Angsthase?

Trautmann: Für ihn bestand keine Notwendigkeit, etwas zu riskieren. Turek, Kwiatkowski, Kubsch: Das waren hervorragende Torhüter. Warum sollte er mich holen? Ich kannte die Mannschaft nicht, das hätte wirklich nach hinten losgehen können. Ich habe Seppl verstanden.

Frage: Wie haben Sie den WM-Sieg 1954 erlebt?

Trautmann: Das Finale habe ich in Manchester im Radio gehört. Ich habe mich natürlich gefreut, mehr aber auch nicht. In England wurde anschließend auch nicht viel darüber berichtet.

Frage: City bekam in der Saison 1957/58 114 Gegentore. Wollten Sie hinschmeißen?

Trautmann: Wir verloren fast jedes Spiel. Also bin ich zum Boss gegangen und habe gesagt: "Ich kann nicht mehr. Ich höre auf." Ich war frustriert, weil wir durch mich viele Punkte verloren hatten. Er sagte nur: "Hast du mal darüber nachgedacht, wie viele Spiele du uns schon gerettet hast? Du bleibst!" Nacheinander standen meine Mitspieler auf und sagten: "Du bleibst, Langer!"

Frage: Probierte der Trainer noch andere Motivationstricks mit Ihnen aus?

Trautmann: Vor einem Spiel gegen West Ham ließ der Boss extra einen Psychoanalytiker aus Neuseeland kommen. Der Mann bat Colin Barlow und mich in die Mitte. Wir sollten uns gegenseitig Fragen stellen, die wir aber ausschließlich positiv beantworten durften. Ich fragte: "Colin, wie bewertest du meine Leistungen?" Er sagte: "Langer, ich habe nie einen eleganteren Torwart gesehen als dich." Ich kam mir vor wie ein Idiot.

Frage: Hat diese Methode Wirkung gezeigt?

Trautmann: Wir haben 0:4 verloren.

Das Interview führte Benjamin Kuhlhoff



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