Torlinientechnik bei WM 2014: Blatter entdeckt die Moderne

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Bei der WM 2014 kommt die Torlinientechnik zum Einsatz, der europäische Fußball hingegen verzichtet auf die Innovation. Für das Regelchaos gibt es einen Grund: die übergroßen Egos zweier Funktionäre.

Mauricio Espinosa kann für sich in Anspruch nehmen, so etwas wie der heimliche Vater der Torlinientechnologie zu sein. Der Schiedsrichter-Assistent aus Uruguay übersah im WM-Achtelfinale 2010 in der Partie Deutschland gegen England in der 38. Minute ein klares Tor von Frank Lampard. Es wäre damals der 2:2-Ausgleich für England gewesen. Die Engländer erholten sich von diesem Rückschlag nicht mehr, das Spiel endete 4:1 für die Elf von Bundestrainer Joachim Löw.

Es war eine Fehlentscheidung, die so krass war, dass selbst Fifa-Boss Joseph Blatter nicht mehr umhinkam, Konsequenzen daraus zu ziehen. Letztlich ist es Espinosa zu verdanken, dass die Fifa bei der kommenden WM in Brasilien erstmals auf die Torlinientechnik setzt.

Die Torklau-Debatte aus der Vergangenheit soll es bei künftigen WM-Turnieren also nicht mehr geben. In Europa allerdings wollen die Funktionäre weiterhin auf das Sehvermögen ihrer Unparteiischen vertrauen. Sowohl Uefa-Chef Michel Platini als auch die Deutsche Fußball-Liga lehnen eine schnelle Einführung der Technologie für Champions League oder Bundesliga ab. Was nach einem handfesten Konflikt zwischen Fifa und europäischem Fußball aussieht, ist allerdings nichts anderes als eine für alle Beteiligten durchaus sinnvolle und gewinnbringende Maßnahmenteilung.

Blatter poliert sein Bild als vermeintlicher Reformer

Mit der Einführung der Technik beim nächsten WM-Turnier kann Blatter sein Bild als Reformer des Weltfußballs aufpolieren. Zudem nimmt er die bei der WM besonders in der Kritik stehenden, unerfahreneren Referees aus Afrika, Lateinamerika oder Asien aus der Schusslinie. Gerade in Europa ist der Einsatz dieser Schiedsrichter, die nur wenig Erfahrung mit dem Pfeifen von Top-Spielen haben, plötzlich aber über Wohl und Wehe eines Teams bei einer Weltmeisterschaft mitentscheiden, immer wieder kritisiert worden - bis hin zur Forderung, solche offensichtlich überforderten Unparteiischen nicht mehr zum Einsatz kommen zu lassen.

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Umstrittene Torentscheidungen: Drin oder nicht drin?
Blatter stellt ihnen jetzt die Technologie als Hilfe zur Seite. Das wird ihm nicht gerade schaden, wenn es künftig darum geht, Stimmen für eine mögliche weitere Wiederwahl des umtriebigen Schweizers zum Fifa-Chef zu sammeln. Blatter erleichtert den Referees aus diesen Ländern die Arbeit, indem er eine mögliche Fehlerquelle eliminiert. Im Gegenzug blockt er die Forderungen aus Europa, nur noch hochprofessionelle Schiedsrichter bei einem WM-Turnier zuzulassen, mit Hinblick auf die weltumspannende Rolle des Fußballs ab.

Platini punktet bei den Fußball-Romantikern

Aber auch Platini punktet mit seiner Haltung bei der eigenen Klientel. Indem er den Verzicht auf die Technik propagiert, wertet er seine Schiedsrichter und den Stellenwert des europäischen Fußballs auf. Nach dem Motto: Unsere Leute sind so gut, die brauchen solche Hilfsmittel nicht. Ihnen reicht, wie Platini spöttisch anmerkt, im Zweifelsfall eine gute Brille.

Der Franzose hätte damit zudem wieder etwas für sein von ihm geliebtes Image getan, der letzte Fußball-Romantiker unter den Spitzenfunktionären zu sein. Einer, der den Fußball so lassen will, wie er ist, auch mit all seinen Fehlern, und ihn nicht durch zu viel Reglementierung einengen. Mit dem Hinweis auf die hohen Kosten, die mit der Einführung der Technik verbunden seien, kann er sich darüber hinaus des Beifalls der einzelnen nationalen Verbände sicher sein.

Nie mehr Wembley-Tor - das ist die populäre Überschrift, unter der Blatter die Torlinientechnik der Öffentlichkeit schmackhaft macht. Nie wieder soll es vorkommen, dass ein Weltmeisterschaftsfinale durch eine solche Fehlentscheidung entschieden wird, wie es 1966 der Fall war.

Das damalige Schiedsrichtergespann, das Geoff Hursts (Nicht-)Treffer anerkannte, stammte übrigens nicht aus Afrika oder Asien, sondern aus der Schweiz und aus Russland.

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Es
forumgehts? 19.02.2013
Zitat von sysopBei der WM 2014 kommt die Torlinientechnik zum Einsatz, der europäische Fußball hingegen verzichtet auf die Innovation. Für das Regelchaos gibt es einen Grund: die übergroßen Egos zweier Funktionäre. Torlinientechnik bei WM 2014 eingeführt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/torlinientechnik-bei-wm-2014-eingefuehrt-a-884308.html)
wäre wohl interessanter, wenn man ein Wettmafia-Warngerät einsetzen könnte. Aber vielleicht besteht da gar kein so grosses Interesse?! ;)
2. Fehler des Fußballs ?
mr.ious 19.02.2013
Was meint denn diese Aussage im Artikel ? Hätten die Erfinder der Regeln ein "halbes Tor" oder einen "halben Zähler" als Wertung bei sehr strittigen Entscheidungen um's Tor angelegt, wäre die Technik auch draußen. Solche "Fehler" die keine sind, oder zumindest nicht mehr als das Remis beim Schach, oder das der Springer nicht gerade aus springen kann, die kann eine Technik wie genau ausbügeln ? Und bevor jetzt wieder was vom Tennis kommt, bei dem man auch animierte Bilder sieht die gar keine optischen Aufnahmen sind. Die sieht man nur, wenn keiner gegen den "Entscheid des Automaten" widerspricht, ein "Beweis" ist das also auch nicht. Nur streiten da nich 11 gegen 11 oder wieviele garde meinten genug gesehen zu haben um's besser zu wissen, sondern alles ist mit einigermaßen überschaubarer anzahl an Protagonisten verbunden die sich nicht aus dem "mentalen Flow" bringen lassen wollen. Nur wegen "Spielfluß" und so.
3. ja
Stabhalter 19.02.2013
Zitat von forumgehts?wäre wohl interessanter, wenn man ein Wettmafia-Warngerät einsetzen könnte. Aber vielleicht besteht da gar kein so grosses Interesse?! ;)
und wenn man die alten Säcke in der FIFA zum Teufel jagen würde wie Blatter und seine Kollegen.
4. optional
magnum_nbg 19.02.2013
Der Autor sollte mal das Buch "Manchmal gewinnt der Bessere: Die Physik des Fußballspiels" von Metin Tolan lesen. Warum beschwert sich niemand ueber den Spielmodus gerade bei Europameisterschaften... Mit mehr Technik wird das Problem nur ins Deteil verschoben und Fussball verliert das was es ausmacht. Spannend ist Fussball nur WEIL solche Entscheidungen fallen und wird nicht besser ohne sie...
5. @forumgehts?
von-wegen 19.02.2013
genauso sehe ich das auch, aber diese effekthascherei und egoismen die uns dargeboten werden (Blatter vs Platini) wird man dadurch nicht los. Der Stellenwert des Sports ansich ist so gross und hoch, da müsste die Politik eingreifen, aber die ist noch weniger daran interessiert, seit wir keine Kriege mehr führen (Dank Sei Gott). Also bleiben nur mehr Rauchzeichenlesen und / oder Wolkenkuckuksheimbauen.
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