Mauricio Espinosa kann für sich in Anspruch nehmen, so etwas wie der heimliche Vater der Torlinientechnologie zu sein. Der Schiedsrichter-Assistent aus Uruguay übersah im WM-Achtelfinale 2010 in der Partie Deutschland gegen England in der 38. Minute ein klares Tor von Frank Lampard. Es wäre damals der 2:2-Ausgleich für England gewesen. Die Engländer erholten sich von diesem Rückschlag nicht mehr, das Spiel endete 4:1 für die Elf von Bundestrainer Joachim Löw.
Es war eine Fehlentscheidung, die so krass war, dass selbst Fifa-Boss Joseph Blatter nicht mehr umhinkam, Konsequenzen daraus zu ziehen. Letztlich ist es Espinosa zu verdanken, dass die Fifa bei der kommenden WM in Brasilien erstmals auf die Torlinientechnik setzt.
Die Torklau-Debatte aus der Vergangenheit soll es bei künftigen WM-Turnieren also nicht mehr geben. In Europa allerdings wollen die Funktionäre weiterhin auf das Sehvermögen ihrer Unparteiischen vertrauen. Sowohl Uefa-Chef Michel Platini als auch die Deutsche Fußball-Liga lehnen eine schnelle Einführung der Technologie für Champions League oder Bundesliga ab. Was nach einem handfesten Konflikt zwischen Fifa und europäischem Fußball aussieht, ist allerdings nichts anderes als eine für alle Beteiligten durchaus sinnvolle und gewinnbringende Maßnahmenteilung.
Blatter poliert sein Bild als vermeintlicher Reformer
Mit der Einführung der Technik beim nächsten WM-Turnier kann Blatter sein Bild als Reformer des Weltfußballs aufpolieren. Zudem nimmt er die bei der WM besonders in der Kritik stehenden, unerfahreneren Referees aus Afrika, Lateinamerika oder Asien aus der Schusslinie. Gerade in Europa ist der Einsatz dieser Schiedsrichter, die nur wenig Erfahrung mit dem Pfeifen von Top-Spielen haben, plötzlich aber über Wohl und Wehe eines Teams bei einer Weltmeisterschaft mitentscheiden, immer wieder kritisiert worden - bis hin zur Forderung, solche offensichtlich überforderten Unparteiischen nicht mehr zum Einsatz kommen zu lassen.
Platini punktet bei den Fußball-Romantikern
Aber auch Platini punktet mit seiner Haltung bei der eigenen Klientel. Indem er den Verzicht auf die Technik propagiert, wertet er seine Schiedsrichter und den Stellenwert des europäischen Fußballs auf. Nach dem Motto: Unsere Leute sind so gut, die brauchen solche Hilfsmittel nicht. Ihnen reicht, wie Platini spöttisch anmerkt, im Zweifelsfall eine gute Brille.
Der Franzose hätte damit zudem wieder etwas für sein von ihm geliebtes Image getan, der letzte Fußball-Romantiker unter den Spitzenfunktionären zu sein. Einer, der den Fußball so lassen will, wie er ist, auch mit all seinen Fehlern, und ihn nicht durch zu viel Reglementierung einengen. Mit dem Hinweis auf die hohen Kosten, die mit der Einführung der Technik verbunden seien, kann er sich darüber hinaus des Beifalls der einzelnen nationalen Verbände sicher sein.
Nie mehr Wembley-Tor - das ist die populäre Überschrift, unter der Blatter die Torlinientechnik der Öffentlichkeit schmackhaft macht. Nie wieder soll es vorkommen, dass ein Weltmeisterschaftsfinale durch eine solche Fehlentscheidung entschieden wird, wie es 1966 der Fall war.
Das damalige Schiedsrichtergespann, das Geoff Hursts (Nicht-)Treffer anerkannte, stammte übrigens nicht aus Afrika oder Asien, sondern aus der Schweiz und aus Russland.
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