DFL-Absage an Torlinientechnik Klare Fehlentscheidung

Phantomtreffer wird es in Deutschland auch in Zukunft geben: Die Vereine der Ersten und Zweiten Bundesliga lehnen die Torlinientechnologie ab - ein Fehler. Während das Spiel immer schneller wird und die Fernsehsender aufrüsten, bleiben die Schiedsrichter allein.

Phantomtor beim Spiel in Hoffenheim: Kein Raum für Diskussionen
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Phantomtor beim Spiel in Hoffenheim: Kein Raum für Diskussionen

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Gerechtigkeit hat ihren Preis, das gilt auch für den Profifußball. Rund 170.00 Euro im Jahr hätte jeder Verein der Ersten und Zweiten Bundesliga für ein technisches System bezahlen müssen, das die Kernfrage des Spiels einwandfrei klären würde: Tor oder kein Tor? Es ist enttäuschend, dass dem überwiegenden Teil der Clubs dieser Preis zu hoch ist und der deutsche Profifußball weiter ohne Torlinientechnik auskommen muss.

Die laufende Saison sollte mit dem Phantomtor von Hoffenheim den letzten Beweis dafür geliefert haben, dass eine Liga ohne technische Hilfen eine ungerechte Liga ist. Für die Vereine - in diesem Fall: die TSG Hoffenheim - ist diese Ungerechtigkeit vielleicht noch zu ertragen mit dem Verweis darauf, dass sich falsche Entscheidungen im Laufe einer Saison ausgleichen. Im Rückspiel in Leverkusen, passenderweise am Tag vor der Entscheidung über die Torlinientechnik, bekamen die Hoffenheimer einen Elfmeter zugesprochen, der eigentlich ein Freistoß hätte sein müssen.

Aus Sicht der Schiedsrichter sind solche Ungerechtigkeiten nicht zu tolerieren. Felix Brych wird für den Rest seiner Karriere dafür bekannt sein, ein Tor gegeben zu haben, das eindeutig keines war. Weil ihm ein Fehler unterlaufen war, wie er Menschen passieren kann im immer schneller werdenden Bundesliga-Betrieb.

Kein Raum für Diskussionen

Traditionalisten lehnen technische Hilfen mit dem Hinweis ab, dass der Fußball seine menschliche Seite behalten solle, schließlich erfreue man sich an den Stammtischen noch heute der Diskussionen um das berühmte Wembley-Tor aus dem WM-Finale von 1966, das in Wahrheit nicht mehr war als ein Wembley-Lattenkracher. Seinerzeit war das Spielfeld allerdings noch nicht umstellt mit Legionen von HD- und Super-HD-Kameras, auch Zeitlupen gab es nicht.

Der Hochglanz-Fernsehfußball des 21. Jahrhunderts lässt für Debatten keinen Raum, über Kießlings Phantomtor von Hoffenheim gab es nichts zu diskutieren. Das Tor hätte nicht zählen dürfen, das wusste jeder TV-Zuschauer innerhalb von Sekunden, auch die Menschen im Stadion waren dank ihrer Smartphones umgehend über Brychs Fehler informiert - nur der Schiedsrichter selbst wusste nichts von seinem Missgeschick. Und weil die Tatsachenentscheidung im Fußball heilig ist, konnte es auch nachträglich nicht rückgängig gemacht werden.

Aufgrund des neuen Votums der Profi-Vereine werden die Schiedsrichter auch künftig alleingelassen.

Dass ein Teil der Clubs die Kosten als Grund für die Ablehnung der Torlinien-Technik nennt, ist in doppelter Hinsicht unverständlich. Denn erstens setzt die Branche Milliarden um. Und zweitens sollte die Abwägung von Kosten und Nutzen nicht das Hauptargument sein bei der Entscheidung über richtig und falsch im Fußball, über Recht und Unrecht.

In England werden enge Torsituationen seit dieser Saison mit technischen Hilfen entschieden, genau so war es beim Confed-Cup in Brasilien im vergangenen Jahr. Auch bei der Weltmeisterschaft im Sommer wird ein solches Verfahren angewendet werden. Das Fernsehpublikum hat innerhalb von Sekunden Zugang zu den Bildern, die das System liefert, sie sehen aus wie bei einer Computersimulation. Mit ihrem Nein zur Torlinientechnik hat die Bundesliga die Chance verpasst, sich im europäischen Vergleich als moderne Liga zu präsentieren.

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DFL-Absage an Torlinientechnik

Die Vereine der ersten beiden Bundesligen haben der Torlinientechnik eine Absage erteilt. Wie finden Sie die Entscheidung?

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Seite 1
TS_Alien 24.03.2014
1.
In vielen Bereichen ist der Profifußball in Deutschland unprofessionell, z.B. bei der technischen Unterstützung der Schiedsrichter oder der (nachträglichen) Bestrafung von unfairen Spielern. Es geht nur noch ums Geld. Auf die Fairness der Spieler kann man nicht bauen, die machen Schwalben oder bejubeln Nichttore oder meckern ständig herum (in anderen Sportarten völlig undenkbar). Der schöne Sport Fußball wird so auf Dauer kaputt gemacht.
WhereIsMyMoney 24.03.2014
2. Klarer Widerspruch
Torlinientechnik ist einfach nur populistisch, der Fan will es. Doch Kosten und Nutzen stimmen gar nicht überein. Wie oft kommt diese Technik denn zum Einsatz? Statistisch etwa einmal in hundert Spielen. Spiele werden durch ganz andere Fehlentscheidungen entschieden: Abseits, Elfer usw. Wenn man etwas verbessern will, dann könnte man mal ganz schlicht anfangen. Schaue nach Südamerika und gib jedem Schiri eine Spraydose in die Hand. Ich ergäre mich unglaublich wenn ich sehe dass jedes mal der Abstand der Mauer, wenn der Schütze endlich schiesst, auf cirka 7m reduziert wird. Was würde sich das Spiel ändern wenn die Mauer den Abstand einhalten würde und gute Freistoßschützen deutlich wertvoller wären. Diese simple Dose hat mehr Nutzen als diese teure Torlinientechnik. Erstaunlich fand ich es dass nach dem Lev-Hof-Spiel der Ruf nach dieser Technik laut wurde, obwohl der Fall eher etwas mit guten Tornetzen zu tun hatte. Auch so eine billige Lösung. Aber ich kenne ja meine Michel.....
vitamim-c 24.03.2014
3. Gut Eishockey kann man nicht direkt mit Fußball vergleichen,
aber es ist auch ein Mannschaftssport, da wurden sich im Zweifelsfall in Sotschi Videos von den Unparteiischen angeschaut, und dann gab es ne jerechte Entscheitung ob Tor oder nicht, oder ob Strafzeit oder nicht. So richtig kann ich diese Entscheidung nicht nachvollziehen, es geht doch letztendlich um Sportlichkeit. Oder doch nicht? Grübel...
tyskie 24.03.2014
4. Nein!?
Es kann doch nicht ernsthaft das Ziel sein, ewig im 20. Jahrhundert stecken zu bleiben? Wo Fortschritt gut und angebracht ist, sollte er auch gefälligst umgsetzt werden!
sehrleise 24.03.2014
5. beschränkter Horizont
Das für Herrn Buchheister Gerechtigkeit beim Thema Torlinientechnik aufhört, ist doch etwas überraschend, die Entscheidung der Vereine hingegen nicht. Wie Sie selber schon festgestellt haben, sind die Spielfelder von (U)HD Kameras umringt und jeder kann sofort die Richtigkeit von Entscheidungen feststellen. Wozu braucht es dann eine maßlos überteuerter Torlinientechnik, wenn ein Videobeweis ohne Zusatzkosten das gleiche abdecken würde und sogar noch alle anderen streitigen Fragen ebenfalls? In vielen anderen Sportarten gibt es den Videobeweis schon längst und es hat den jeweiligen Sport in keinster Weise negativ beeinflusst, ganz im Gegenteil. Deswegen finde ich die Enscheidung der Vereine absolut richtig und die gestellte Frage der DFL hingegen völlig falsch.
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