Platini und die Torlinientechnik Der Außenseiter

Der Fußball steht vor einer Revolution: Die Torlinientechnik wird kommen, egal in welcher Form. Damit hat sich Fifa-Chef Sepp Blatter durchgesetzt - und seinen alten Kompagnon Michel Platini düpiert. Der Uefa-Boss sieht jetzt aus wie ein Bremser.

Fußball-Funktionäre Platini (l.) und Blatter: Nicht immer einer Meinung
Getty Images

Fußball-Funktionäre Platini (l.) und Blatter: Nicht immer einer Meinung


Er ist der wichtigste Mann im europäischen Fußball. Doch Uefa-Boss Michel Platini dürfte sich ziemlich machtlos fühlen: Das Exekutivkomitee des Weltverbands Fifa hat am Donnerstag den Weg für die Torlinientechnik frei gemacht - und Platini damit keinen Gefallen getan. Denn der Franzose hat stets an seiner Meinung festgehalten, technische Hilfsmittel würden "den Fußball zerstören". Erst komme die Torlinientechnologie, dann der Videobeweis, fürchtet Platini - "und dann spielen nur noch neun Spieler in einer Mannschaft - und irgendwann ist der Ball nicht mehr rund."

Die Fifa hat sich über diese Bedenken hinweggesetzt und entschieden, dass die Technik ins Spiel einziehen darf. Wann, bei wem und wie - konkrete Fragen wurden noch nicht beantwortet. Fest steht lediglich, dass die Torlinientechnik erstmals bei der Club-Weltmeisterschaft im Dezember genutzt wird, ebenso beim Confederations Cup 2013 und der WM 2014 in Brasilien.

Dennoch ist der grundsätzliche Beschluss des Fifa-Komitees, dem acht Funktionäre der Uefa angehören, eine kleine Revolution in einer rund zehn Jahre währenden Debatte - und ein Rückschlag für den Uefa-Präsidenten.

Eine tragende Rolle spielt dabei ein alter Freund Platinis: Fifa-Chef Joseph Blatter. Er hatte sich erst vor zwei Jahren von seinem bisherigen Kurs abgewandt und war von einem Gegner zum Befürworter der neuen Technologien geworden. Im Gegensatz zu seinem alten Kompagnon Platini. Der beharrt darauf, dass es mit ihm nie einen Videobeweis geben werde. Fußball müsse sein menschliches Gesicht behalten. "Dazu gehören auch Fehler", sagt er.

Platini war wichtigster Wahlhelfer Blatters

Platini zählte als WM-Organisationschef 1998 zu Blatters wichtigsten Wahlhelfern, danach arbeitete er vier Jahre als Berater des Fifa-Präsidenten. Umso verständlicher scheint Blatters jüngste Strategie. Der Fifa-Präsident hat mit der Entscheidung zwar seinen Reform- und Modernisierungswillen bekräftigt. Da der Entscheidung aber Verbindlichkeit fehlt und nach wie vor viele Alternativen - allen voran die von Platini favorisierten Torrichter - möglich sind, hat Blatter die Autorität seines einstigen engen Mitarbeiters so unangetastet wie möglich gelassen. Dazu passt, dass Blatter auf die Teilnahme an einer Pressekonferenz verzichtete, auf der er seinen Triumph medienwirksam hätte auskosten können.

Schon 2007 hatte Blatter Platini geholfen, den Schweden Lennart Johansson auszustechen und Uefa-Präsident zu werden. Ob der Fifa-Chef vielleicht sogar Plantini als seinen künftigen Nachfolger sieht, wissen nur die beiden. Doch der Franzose hat bislang nie wirklich den Wunsch ausgesprochen, einst an die Spitze des Weltverbands rücken zu wollen. Gegen seinen Förderer Blatter würde Platini ohnehin nie antreten. "Wahlen sind gut und schön und demokratisch", sagte Platini einmal, "die Kunst aber ist es, gar nicht erst einen Gegenkandidaten zu haben." Blatter hat seinerseits vor, 2015 erneut anzutreten und bis 2019 Fifa-Präsident zu bleiben.

Mit Blatter hätte Platini auch einen ungleichen Gegner. Der Schweizer ist ein Populist, dem die Außenwahrnehmung wichtiger als vieles andere ist. Er will geliebt werden und leidet darunter, dass alle Welt ihn angesichts der flächendeckenden Korruptionsprobleme als Präsident einer immer wieder Negativschlagzeilen machenden Organisation betrachtet. Auch deshalb verkauft er die Entscheidung zur Torlinientechnik als die von ihm angezettelte Revolution im Fußball.

Platini fällt durch wenig moderne Standpunkte auf

Blatter tut alles, um sein Image zu aufzupolieren. Einen Tag vor der Sitzung des International Football Association Board (Ifab) zur Torlinientechnologie ließ er 20 Millionen Franken für den Breitensport am Fifa-Sitz Zürich spenden. Im vergangenen Jahr hat er aus den Fifa-Kassen eine über zehn Jahre verteilte 20-Millionen-Euro-Spende für die internationale Kriminalbehörde Interpol angewiesen. Er nutzt jede Chance, um Schlagzeilen zu machen, die mal nicht mit dem Korruptions-Label versehen sind. Das darf ruhig etwas kosten.

Platini ist anders. Er schert sich kaum um die öffentliche Meinung. Als Spieler wurde der Weltfußballer vergöttert, als Funktionär fiel er immer wieder durch ungeliebte, wenig moderne Standpunkte auf.

Im Gegensatz zu ihm wirkt Blatter mit seiner Selbstdarstellung als Reformer und Korruptionsbekämpfer wie ein Revolutionär. Wäre es nach Platini gegangen, hätte der Fifa-Kongress kürzlich in Budapest weder die Ethikregeln noch die Statutenänderungen durchgewinkt. Dann wäre alles beim Alten geblieben.

Sollte Michel Platini tatsächlich mit dem Gedanken spielen, 2015 als Fifa-Präsident zu kandidieren, ist und bleibt er, erst recht nach der Diskussion über die Torlinientechnik, nur der Außenseiter.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
RA.D 06.07.2012
1. Längst überfällig aber nur der erste Schritt: Videobeweis
Die meisten spielentscheidenen Schiri-Fehler liegen im korrekten oder nicht korrekten Zustandekommen von Toren. Anstatt Schiris an die Torauslinie zu stellen gehören die vor den Monitor für den Videobeweis.
larsjob 06.07.2012
2. Videobeweis beim Fußball kaum durchsetzbar
Den Videobeweis gibt es doch hauptsächlich in Sportarten, die durch zahlreiche Unterbrechungen (im Sinne von Anhalten) der Spielzeit geprägt sind. Man denke an Football, Eishockey oder zuletzt auch vermehrt Basketball. Allein durch dieses Kriterium ist ein Videobeweis im Fußball für mich nur schwer vorstellbar. Oder soll hier in Zukunft auch bei jeder Unterbrechung (Foul, Ball im Aus, Tor) die Zeit angehalten werden, damit sich die Schiedsrichter bei unklaren Situationen erst einmal diverse Wiederholungen anschauen können? Also DAS wäre eine echte Revolution des Sports. Von daher kann ich die Befürchtungen von Herrn Platini nicht teilen. Die Einführung einer Technik, die anzeigt, ob der Ball voll hinter der Torlinie war oder nicht, erscheint mir dagegen realisierbar. Ob das nun Sinn macht oder nicht, sollen andere entscheiden. Aber die Torrichter sind definitiv auch nicht die langfristige Lösung. Das sind nur lächerliche Gestalten ohne Entscheidungskraft und Autorität. Also entweder weiter mit Fehlern leben oder auf Technik setzen. Ich finde, die erste Option hat auch Charme...
Gedankenfutter 06.07.2012
3. Von anderen lernen
Zu behaupten, der Fußball sei nur durch seine Fehlentscheidungen "menschlich", so herrlich kontrovers, ist absurd. Dann könnte man zur Erheiterung den Schiedsrichtern gleich die Augen verbinden. Vielmehr wird es auch in Zukunft Fehlentscheidungen geben: mit und ohne Technik. Dazu lohnt ein Blick auf den American Football. Dort hat man nach Einführung des Videobeweises festgestellt, dass der überwiegende Teil aller zweifelhaften Entscheidungen der Schiedsrichter auf dem Feld durchaus korrekt oder selbst am Bildschirm uneindeutig war und vom Videoschiedsrichter unverändert blieb. Von den anderen Entscheidungen, die nach Videobetrachtung geändert wurden, wurde zwar zum Großteil eine auf dem Feld falsch getroffene Entscheidung korrigiert, aber es gab auch immer wieder Fälle, in denen eine eigentlich korrekte Entscheidung vom Videorichter ins falsche Gegenteil verkehrt wurde - wie die ausführliche Analyse in den Tagen nach dem Spiel ergab. Es geht halt oft um Milimeter und Sekundenbruchteile. Ein erhebliches Hindernis ist, dass der Videobeweis im Schnitt gut zwei Minuten beansprucht. Wie oft will man sich das pro Spiel antun, wenn am Schluss trotzdem nicht alles korrekt ist?
mr.ious 06.07.2012
4.
Zitat von larsjobDen Videobeweis gibt es doch hauptsächlich in Sportarten, die durch zahlreiche Unterbrechungen (im Sinne von Anhalten) der Spielzeit geprägt sind. Man denke an Football, Eishockey oder zuletzt auch vermehrt Basketball. Allein durch dieses Kriterium ist ein Videobeweis im Fußball für mich nur schwer vorstellbar. Oder soll hier in Zukunft auch bei jeder Unterbrechung (Foul, Ball im Aus, Tor) die Zeit angehalten werden, damit sich die Schiedsrichter bei unklaren Situationen erst einmal diverse Wiederholungen anschauen können? Also DAS wäre eine echte Revolution des Sports. Von daher kann ich die Befürchtungen von Herrn Platini nicht teilen. Die Einführung einer Technik, die anzeigt, ob der Ball voll hinter der Torlinie war oder nicht, erscheint mir dagegen realisierbar. Ob das nun Sinn macht oder nicht, sollen andere entscheiden. Aber die Torrichter sind definitiv auch nicht die langfristige Lösung. Das sind nur lächerliche Gestalten ohne Entscheidungskraft und Autorität. Also entweder weiter mit Fehlern leben oder auf Technik setzen. Ich finde, die erste Option hat auch Charme...
Es ist der pure Irrtum anzunehmen es gäbe "Richter" auf dem Platz oder nun um den Platz, was es ja schon seit dem vierten Offiziellen gibt. Fußball fand erstmal ohne solche Leute statt und die Mannschaftsführer haben sich stellvertretend für die Mannschaften einigen müssen was nach Reklamationen zu entscheiden sei. An sich braucht ein Ref. keine Autorität, weil er als Neutraler auf dem Platz keinen Vorteil durch irgend eine Entscheidung für sich selbst herbeiführen kann. Er ist kein "Richter" der nachträglich etwas wie "Rechtssprechung" zu einem Geschehen ausübt. Das muß nur von allen verstanden und akzeptiert sein. Es wirkt sicher auch nicht immer so, als ob das kein Richter wäre, aber genau wie die Einführung des Ref. die Einführung eines neutralen Beobachters und Entscheidungstreffers war, der selbstverständlich immer parteiisch für eine und gegen eine andere Mannschaft entscheidet, es gibt vom Anpfiff bis zum Schlußpfipp ja keine "neutrale Situation" zwischen den Mannschaften, so ist das jetzt mit der neutralen Technik. An sich kann der Ref. keine Fehlentscheidung treffen. Irgend eine Entscheidung muß er aber treffen und er trifft sie als Neutraler, damit sich die Mannschaftsführer nicht endlos streiten müssen. ;)
BruSie 07.07.2012
5.
Zitat von mr.iousEs ist der pure Irrtum anzunehmen es gäbe "Richter" auf dem Platz oder nun um den Platz, was es ja schon seit dem vierten Offiziellen gibt. Fußball fand erstmal ohne solche Leute statt und die Mannschaftsführer haben sich stellvertretend für die Mannschaften einigen müssen was nach Reklamationen zu entscheiden sei. An sich braucht ein Ref. keine Autorität, weil er als Neutraler auf dem Platz keinen Vorteil durch irgend eine Entscheidung für sich selbst herbeiführen kann. Er ist kein "Richter" der nachträglich etwas wie "Rechtssprechung" zu einem Geschehen ausübt. Das muß nur von allen verstanden und akzeptiert sein. Es wirkt sicher auch nicht immer so, als ob das kein Richter wäre, aber genau wie die Einführung des Ref. die Einführung eines neutralen Beobachters und Entscheidungstreffers war, der selbstverständlich immer parteiisch für eine und gegen eine andere Mannschaft entscheidet, es gibt vom Anpfiff bis zum Schlußpfipp ja keine "neutrale Situation" zwischen den Mannschaften, so ist das jetzt mit der neutralen Technik. An sich kann der Ref. keine Fehlentscheidung treffen. Irgend eine Entscheidung muß er aber treffen und er trifft sie als Neutraler, damit sich die Mannschaftsführer nicht endlos streiten müssen. ;)
Sind sie Politiker? So viele Wörter schreiben und damit kaum etwas auszusagen, schafft ein normal denkender Mensch nicht. :-)) * Wäre es so verkehrt, etwas Ähnliches im Fußball einzuführen? Verkürzung der Halbzeit auf 30 Min. und Unterbrechung bei wirklichen Unterbrechungen. Nicht dass der Schiri nach seinem persönlichen Ermessen einfach so ein paar Minuten nachspielen lässt, für die es nach menschlichem Ermessen keine Begründung gab? Was wäre daran verkehrt? Bei der heutigen Technik stehen die Aufnahmen in wenigen Sekunden zur Verfügung und könnten den Schiris auf einen smartphon-ähnlichen Bildschirm gezeigt werden. Denn Torrichter haben auch nur ihre eigenen Augen ohne eine Aufzeichnungs- / Wiedergabefunktion. Ich finde an vermeidbaren Fehlern absolut nichts charmantes. Die Spieler, denen durch Fehler ein Titel und damit eventuell viel Geld entgeht, sicher auch nicht. Aber wir können die Zeit ja 150 Jahre zurück drehen. Fußball ohne Profis, ohne Bundesliga. Ohne Blatters und Platinis. Fußball spielen im Sinne des Wortes. Aber wollen sie das? Wären sie auch für charmante und duldsame Fehler, wenn sie dem Arzt unterlaufen würden, bei dem sie auf dem OP-Tisch liegen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.