Amputierten-Fußball Torwart mit links

Er wollte immer Torwart werden: César Leszinskis Traum schien unerfüllbar, nachdem er als Kind einen Arm verlor. Jetzt steht er im Tor der deutschen Amputierten-Nationalmannschaft - und kämpft für die Anerkennung seiner Sportart.

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Torwart Leszinski: Der Traum von der Nummer eins
Simon Michaelis

Torwart Leszinski: Der Traum von der Nummer eins


César Leszinski war schon immer ein Anführer, und auch die Nummer eins sollte es sein, von Anfang an. Fußball war seine Welt, seine Kindheit. Und irgendwann einmal Torwart sein, das war der Traum des kleinen César, neun Jahre alt, der in Benguela, Angola, inmitten eines blutigen Bürgerkriegs aufwuchs und der fast jeden Abend mit seiner Familie aus dem Wohnhaus flüchten musste.

Seinen Fußballtraum verlor er nie aus den Augen. Täglich kickte er mehrere Stunden barfuß mit seinen Kumpels. Die Schule? Zweitrangig. "Wir kamen nur selten dort an, weil wir lieber irgendwo Fußball spielten", erinnert sich Leszinski. Wenn sie nicht kickten, kletterten sie auf Kokospalmen und Mangobäume. Oder auf Strommasten.

"Wie immer ging ich voran, war der erste, der oben ankam", sagt Leszinski heute über den Tag, der den Traum erschütterte. Mit Freunden kletterte er einen dieser Masten nach oben, "es war noch nie Strom auf diesen Leitungen", erzählt Leszinkis, 31 Jahre alt, "dann griff ich an das Kabel". Der Junge fiel 20 Meter tief, seine Kleidung fing Feuer. Er überlebte - aber er verlor seinen rechten Arm.

"Wir brauchen dich als Torwart"

22 Jahre später streift sich Leszinski vor dem ersten Fußball-Amputierten-Länderspiel in Deutschland gegen Belgien ein rotes Trikot über. Seine Rückennummer: die eins. Er ist jetzt seit fünf Jahren Torhüter der deutschen Nationalauswahl, sein Traum ist doch noch wahr geworden. Der Weg ins Tor der deutschen Mannschaft erzählt viel über die Kraft des Fußballs - und die Schwierigkeiten des deutschen Behindertensports.

"Nach dem Unfall ging gar nichts. Ich konnte nicht mal richtig essen. Du musst komplett umlernen. Aber der Kopf arbeitet schneller als man denkt", sagt Leszinski über die Zeit nach dem Unfall. Mehrere Male wurde Leszinski in Deutschland behandelt und operiert.

Aufgrund der angespannten politischen Lage in seiner Heimat blieb er 1999 ganz in Deutschland und lebt seither in Speyer. Leszinski machte den Hauptschulabschluss und später eine kaufmännische Ausbildung am Heidelberger Berufsförderwerk, heute arbeitet er in der Aufnahme einer Unfallklinik.

Torwart Leszinski (im Spiel gegen Belgien): Nächste WM in Gefahr
Simon Michaelis

Torwart Leszinski (im Spiel gegen Belgien): Nächste WM in Gefahr

Fußball spielte er immer, seit 2002 zunächst als Feldspieler bei Rot-Weiß Speyer. "Da bin ich ein Sechser, wie Philipp Lahm", sagt Leszinski und lacht. Vor fünf Jahren wurde er dann auf der Straße angesprochen: "Wir brauchen dich als Torwart!" Leszinski zeigte ungläubig auf seine rechte Oberkörperseite, aber erschien zum nächsten Training. Die Feldspieler kickten mit Krücken und einem Bein. Leszinskis stand im Tor.

In Deutschland ist seine Sportart noch weitgehend unbekannt. Aktuell gibt es hier nur vier Vereine, in denen man Amputierten-Fußball spielen kann: die SpVgg 07 Ludwigsburg, die Sportfreunde Braunschweig, der Walldorfer Verein von "Anpfiff ins Leben", gefördert durch die Dietmar-Hopp-Stiftung, und seit Kurzem auch der TSV Obergünzburg. Viele der aktuell knapp 30 aktiven Kicker müssen zum Training also weit reisen.

Die Nationalmannschaft um Leszinski - die Spieler sind zwischen Anfang 20 und Mitte 50 - muss sich weitgehend selbst finanzieren. Nur durch eine Crowdfunding-Aktion konnten die Fußballer 2014 zur WM nach Mexiko reisen. Borussia Dortmund spendete Geld, Bastian Schweinsteiger stellte ein signiertes Trikot zur Verfügung. Ein paar Rücklagen sind noch vorhanden, für die nächste WM im kommenden Jahr würde es derzeit nicht reichen.

Eine Förderung durch die Sepp-Herberger-Stiftung des DFB scheiterte zuletzt an der nicht vorhandenen Gemeinnützigkeit des 1. Amputierten Fußball Clubs, der sich inzwischen aber wieder aufgelöst hat. Aktuell strukturiert sich der Amputierten-Fußball in Deutschland neu. Das Ziel: einen Ligabetrieb etablieren - wie im Blindenfußball.

Vorbild Manuel Neuer

"In der Türkei gibt es zwei Profiligen, in Russland und Brasilien wird schon seit über 25 Jahren Amputierten-Fußball gespielt. Auch in Polen, England und Usbekistan hat der Sport einen völlig anderen Stellenwert", sagt Mittelfeldspieler Christian Heintz. Potenzial wäre auch hier durchaus vorhanden: Laut Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation leben in Deutschland aktuell etwa 260.000 amputierte Menschen.

Beim Spiel gegen Belgien vor zwei Wochen schreit sich Leszinski die Seele aus dem Leib. Nach drei Minuten fällt das 0:1, in der siebten Minute das 0:2. Leszinski ist einer, der seinen Mitspielern in der Pause Mut macht. "César ist zwar nicht Kapitän, aber er ist unser Lautsprecher von hinten. Eine echte Stimmungskanone und unser Motivator! Dazu braucht er keine Binde", erklärt Trainer Michael van de Löcht. Tatsächlich kämpft sich das Team zurück und dreht das Spiel noch in ein 3:2.

Leszinskis großes Vorbild ist Manuel Neuer: "Ich will irgendwann auch Weltmeister werden. Daran arbeite ich hart." Drei Tage gönnte er sich nach dem Länderspiel Ruhe. Jetzt trainiert er wieder - vor der Arbeit geht er joggen, steht morgens um vier Uhr auf und arbeitet mit einem Torwarttrainer. An diesem Samstag spielt die Nationalauswahl in Berlin gegen Kenia.

Die Zeiten, in denen Leszinski mit seinem Schicksal haderte, sind vorbei. Eine Prothese kam für ihn nie infrage: "Vielleicht wollte Gott es so." Er ist dankbar: "Ich habe eine zweite Chance bekommen, meinen Traum zu verwirklichen. Und er ist tatsächlich wahr geworden."

Die Regeln

Amputierten-Fußball wird grundsätzlich nach den Fußball-Regeln gespielt; es gibt aber kleinere Anpassungen. Feldspieler sollten zwei Hände, aber nur einen Fuß / ein Bein haben. Der Torwart sollte beide Beine, aber nur eine Hand / einen Arm haben. Das Spielfeld ist 51 Meter lang und 31 Meter breit, das Tor ist 2 Meter hoch und 3 Meter breit und somit kleiner als ein reguläres Fußballtor. Der Ball entspricht dem FIFA-Standard. Ein Spiel dauert zweimal 25 Minuten mit einer Pause von 10 Minuten. Auf dem Feld stehen sechs Spieler und ein Torwart pro Team. Frauen und Männer dürfen in einem Team spielen. Das Spiel wird ohne Prothesen an Metallkrücken gespielt. Unterarmgehstützen sind internationaler Standard. Das Stoppen oder die Weitergabe des Balles mit den Krücken wird als Handspiel gewertet. Der Torwart darf den Strafraum nicht verlassen. Auswechslungen sind unbegrenzt möglich.

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