Torwartdiskussion Herr Lehmann und die Psychospielchen

Warum Löw Lehmann schon längst aus dem Kader hätte werfen müssen


Was wahr ist, muss wahr bleiben: Jens Lehmann ist ein außergewöhnlicher Keeper. Er antizipiert hervorragend, dirigiert seine Abwehr umsichtig und ist fußballerisch über jeden Zweifel erhaben. Das alles verschaffte ihm 2006 den entscheidenden Vorteil gegenüber Oliver Kahn, dem fußballerisch limitierten Meister der Reflexe.

Lehmanns Problem: Die nachrückende Elite der Torwart-Generation beherrscht - mit Ausnahme vielleicht von Tim Wiese - all das aus dem Effeff, was ihm jahrelang als Alleinstellungs-Merkmal diente. Aus gutem Grund wird Kaiserslauterns Tobias Sippel und Manuel Neuer auf Schalke eine strahlende Zukunft prophezeit. Eine strahlende Gegenwart können hingegen René Adler und Robert Enke vorweisen. Sie haben gegenüber Lehmann zwei entscheidende Vorteile: Beide haben eine weitgehend fehlerfreie Saison gespielt. Vor allem aber haben sie gespielt.

Dass Lehmann die Spielpraxis fehlt, macht sich nun bemerkbar - manchmal werden eben auch Unkenrufe wahr. Lehmann wirkte gegen Weißrussland im Stellungsspiel unsouverän und auf der Linie - trotz zweier guter Paraden - unsicher. Und das nicht zum ersten Mal. Sein großer Vorteil gegenüber der Konkurrenz droht sich zunehmend ins Gegenteil zu verkehren. Vielleicht dauert es nicht mehr lange, bis aus dem Attribut "erfahren" das profane Wort "alt" wird.

Eines muss man Kahn lassen: Er ist zurückgetreten, bevor es so weit kam, dass die Verdienste der Vergangenheit von den Fehlern der Gegenwart überlagert wurden. Doch Selbstkritik scheint nicht zu den herausragenden Tugenden des Jens Lehmann zu zählen. Unvergessen, mit welcher Chuzpe er im Februar nach den Patzern vom Österreich-Spiel (3:0) von "einem Fehler" sprach. Dreist, wie er nach dem Weißrussland-Spiel so tat, als kreide ihm eine missgünstige Öffentlichkeit aus lauter Bosheit frei erfundene Missgriffe an.

In der Welt des Jens Lehmann gibt es allerlei Gründe dafür, warum ein Ball nicht in seinen Händen, sondern im Tor landet. Mal ist eine Unebenheit im Rasen schuld, mal der Ball. Das kann man belächeln oder als verbale Notwehr werten - es stimmt ja, dass mancher Journalist nur auf ein Eingeständnis von Schwäche wartet. Man kann Lehmann aber auch eine ungesunde Egomanie ankreiden, die ihn als Teamplayer disqualifiziert.

Dafür spricht vor allem die Art und Weise, wie der 38-Jährige mit seiner Degradierung bei Arsenal umgegangen ist. Über seinen Rivalen Manuel Almunia ätzte Lehmann in mehreren Interviews so unerbittlich ("Hat uns noch keine Spiele gewonnen", "Kenne seine mentale Verfassung", "Hat nicht meine Klasse"), bis sogar er einsah, dass Trainer Arsène Wenger dauerhaft auf Almunia bauen würde. Dann schimpfte er auf Wenger.

Konsequenterweise hätte Löw, der angeblich so großen Wert auf das Sozialverhalten seiner Equipe legt, Lehmann bereits damals aus dem Kader werfen müssen, schließlich hatte der Teamchef kurz zuvor Tim Wiese die charakterliche Eignung für die DFB-Elf abgesprochen, weil der darauf hingewiesen hatte, dass er im Gegensatz zu manchem Konkurrenten über Champions-League-Erfahrung verfüge. Vergleichsweise harmlose Worte im Vergleich zu den Verbalinjurien Lehmanns.

Es ist kein Zufall, dass sich Robert Enke nach der Ausbootung Hildebrands sofort bei seinem Rivalen meldete. Hildebrand hätte umgekehrt das Gleiche getan, die beiden gehören auch von ihren Umgangsformen her einer neuen Torwartgeneration an, die eine sportliche Konkurrenzsituation nicht mit den "Gesetzen des Dschungels" regeln will, die sein Arsenal-Rivale Almunia bei Lehmann wirken sah. Tatsache ist, dass sich Lehmann in den letzten Jahren immer nur für einen Spieler eingesetzt hat: für sich selbst.

Keine Frage: Lehmann ist nach wie vor ein außerordentlich guter Tormann, den die meisten Mitbewerber um den EM-Titel gerne im Tor hätten. Aber die meisten Mitbewerber haben auch keinen Adler und keinen Enke in der Hinterhand. Gegen die beiden spricht genau ein Argument: Ihnen fehlen die Einsatzzeiten im DFB-Team. In diese Bredouille hat sich der Trainerstab allerdings selbst gebracht: Man hätte nach der WM einen allmählichen Übergang zu einem jüngeren Torhüter einleiten können, ja müssen.

Was spricht gegen Lehmann? Die Frage kann man auch mit einer Gegenfrage beantworten. Wer kann sich eigentlich an den letzten Fehler von Robert Enke erinnern? Eben.



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