Toter Linienrichter in den Niederlanden: "Mörder-Club" sucht neuen Weg

Von Benjamin Dürr, Amsterdam

Vor einem Monat prügelten Jugendliche in den Niederlanden einen Linienrichter tot. Der Verein der mutmaßlichen Täter hadert noch immer mit der Tragödie. Erstmals spricht ein Club-Vertreter mit einem deutschen Journalisten über die grausame Attacke, die den Namen Nieuw Sloten für immer stigmatisiert hat.

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Vereinsheim des SV Nieuw Sloten: "Wir sind wie ausgeknockt"

Noch immer ist es ruhig zwischen den Bäumen. Seit einem Monat wurde hier, auf den Fußballfeldern von Nieuw Sloten, nicht mehr gekickt. Der Sportplatz liegt im äußersten Westen von Amsterdam, fast einsam noch hinter der Endstation der Straßenbahn. Bei einem Auswärtsspiel Anfang Dezember hatten Jugendliche des Vereins einen Linienrichter angegriffen und auf ihn eingetreten, später starb er an seinen Verletzungen im Krankenhaus. Der Name Nieuw Sloten, Bilder des Sportheims und der leeren Trainingsplätze gingen danach um die Welt. Sogar in Japan wurde darüber berichtet und eine Schweigeminute abgehalten.

In dieser Woche nun beginnt das Training beim SV Nieuw Sloten in Amsterdam wieder, am Samstag sollen die ersten Teams wieder am Ligabetrieb teilnehmen. Aber der Club, in dem die mutmaßlichen Täter spielten, hadert noch immer mit der Tragödie, sie klebt am Verein. "Wir sind wie ausgeknockt", sagt Wim Snoek, Schriftführer und Mitglied im Vorstand von Nieuw Sloten. Noch immer sei der Verein weit weg von der Normalität.

Sechs minderjährige Spieler und ein Vater sitzen noch in Untersuchungshaft. Gegen mehrere unbeteiligte Mitglieder von Nieuw Sloten soll es in den vergangenen Wochen Morddrohungen gegeben haben. Ein Senioren- und ein Mädchen-Team hätten sich als direkte Folge der Ereignisse aufgelöst, eine weitere Seniorenmannschaft will ebenfalls aufhören, sagt Snoek SPIEGEL ONLINE. 27 Spieler hätten bisher ihre Mitgliedschaft gekündigt. Zeitungen schrieben, Nieuw Sloten habe nun das Image eines "Mörder-Clubs".

"Es waren schließlich einzelne Täter, nicht der Verein"

Manche spekulierten, der Verein müsse sich auflösen. Für den SV Nieuw Sloten sei der Tod des Linienrichters genauso eine Tragödie wie für die Angehörigen. "Wir wollen aber weitermachen", sagt Wim Snoek. "Es waren schließlich einzelne Täter, nicht der Verein." Snoek ist Gründungsmitglied von Nieuw Sloten, scheint jedes Wort abzuwägen. Wochenlang hat sich niemand vom Verein geäußert, dann gab Snoek ein Fernsehinterview. Zum ersten Mal erzählt er die Geschichte aus seiner Perspektive nun einem ausländischen Journalisten.

Snoek sagt, man habe das alles nicht kommen sehen. Ob den Verein eine Schuld trifft, dazu will er nichts sagen. Er räumt zwar ein, dass die betreffende Jugend-Mannschaft ein paar Wochen vor dem tödlichen Angriff auf den Linienrichter bereits durch grobes Verhalten aufgefallen war. Die Sache sei damals aber geklärt worden. Gewalt sei in seinem Verein auch nicht häufiger vorgekommen als anderswo.

"Nieuw Sloten hat auch kein Marokkaner-Problem, wie manche Politiker meinten", sagt Wim Snoek. Dass unter den mutmaßlichen Tätern Ausländer sind, hat in den Niederlanden die schwelende Integrations-Debatte neu entfacht. Eltern von Einwanderer-Kindern würden sich nicht genug in den Vereinen einbringen, war das Argument. Es entstünden Clubs, die von Marokkanern dominiert würden, eine Teilung der Gesellschaft auch im Sport - ein weiteres Zeichen, dass die Integration gescheitert sei.

"Es ist allerdings nicht alles schief gelaufen in den vergangenen Jahren", meint Maurice Crul, Professor für Migration und Ethnische Studien an der Freien Universität Amsterdam. "Gerade mit Blick auf die zweite Einwanderer-Generation gibt es Verbesserungen." So würde beispielsweise ein Viertel der Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den Niederlanden einen Hochschulabschluss machen - das entspreche ungefähr der Zahl von Jugendlichen, die ohne Abschluss die Schulen verlassen. "In der öffentlichen Debatte aber wird nur die Zahl der Jugendlichen ohne Abschluss genannt."

Ein Stigma für lange Zeit

Dass viele Fußballvereine in großen Städten wie Amsterdam, Rotterdam oder Den Haag inzwischen von marokkanischen Einwanderern dominiert würden, entspreche nicht den Tatsachen, sagt Crul. Sportvereine seien bunter geworden, erklärt er. "Aber niemand ist in der Überzahl, jede Nation bildet eine Minderheit." Seine Tochter kickt in einem Verein in Amsterdam-West und hat auch bereits gegen Nieuw Sloten gespielt. "Das ist für Amsterdamer Verhältnisse kein Club mit überdurchschnittlich vielen Ausländern oder gar viel Gewalt", sagt Maurice Crul.

Trotzdem ist der SV Nieuw Sloten kein Verein mehr wie jeder andere. Auch wenn den Verein keine Mitschuld treffen sollte, sein Name wird immer mit dem grausamen Verbrechen in Verbindung gebracht werden. Vorstand und Mitglieder denken deshalb über eine Änderung des Clubnamens nach. Es wäre eine Möglichkeit, mit der Vergangenheit abzuschließen, findet Snoek. Allerdings müsste eine Mehrheit der Mitglieder dafür stimmen. Bei der Jahresversammlung im Mai soll das Thema diskutiert werden.

Außerdem arbeiten sie im Vorstand an neuen Regeln. "Wir haben aus dem Vorfall gelernt", sagt Snoek. "Wir müssen die Eltern in Zukunft mehr mit einbeziehen." Durch Fahrdienste, Mannschaftsabende oder ehrenamtliche Tätigkeiten. Wie das konkret geschehen soll, könne man aber noch nicht sagen. "Eine stärkere Gemeinschaft ist ein gutes Mittel, um Gewalt zukünftig zu verhindern."

Den jugendlichen Spielern, die an dem Angriff auf den Linienrichter beteiligt gewesen sein sollen, wurde vom Vorstand sofort die Mitgliedschaft entzogen. "Wir müssen ein klares Zeichen setzen, dass wir Gewalt nicht akzeptieren", erklärt Wim Snoek. Deshalb befürwortet er auch ein strenges Vorgehen gegen Gewalt gegen Schieds- und Linienrichter. Zurzeit diskutiert der niederländische Fußballverband KNVB über eine Verschärfung der Regeln, über längere Sperren oder schnellere Ausschluss-Verfahren.

Kurz vor dem Jahreswechsel wurde außerdem ein "Meldepunkt Fußball-Gewalt" im Internet eröffnet. Innerhalb des ersten Tages wurden 140 Vorfälle gemeldet.

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