Dortmunds Gegner Tottenham Hotspur Der glorreiche Fußball

Zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren träumt Tottenham Hotspur von der englischen Meisterschaft. Dortmunds Gegner in der Europa League setzt dabei auf Qualitäten, die man aus der Bundesliga kennt.

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AFP

Erinnern Sie sich an David Ginola?

Der Franzose, ein idealtypischer Spieler von Tottenham Hotspur wurde 1999 von den englischen Profis zum Fußballer des Jahres in der Premier League gekürt. Er sah blendend aus, machte Werbung für L'Oréal und ist mit einem Model verheiratet. Nach seiner aktiven Karriere begann er damit, Wein anzubauen. Aber in seiner gesamten Laufbahn gewann Ginola nur einen Meistertitel, mit Paris Saint-Germain 1994.

In seiner Heimat wurde der Stürmer seit seinem fatalen Fehlpass im letzten Qualifikationsspiel gegen Bulgarien, der Frankreich die WM-Teilnahme 1994 kostete, kritisch gesehen. An der White Hart Lane im Norden Londons jedoch liebten sie den glamourösen Profi, der ein Filigrantechniker war, dessen Stärken aber nicht in der Arbeit gegen den Ball lagen.

Lange vor Ginola hatte Tottenham seinen letzten Meistertitel gewonnen. 1961 reichte es sogar für das Double, was im 20. Jahrhundert zuvor kein englischer Klub geschafft hatte. Die noch heute verklärte Elf von damals wurde von niemandem besser verkörpert als von Kapitän Danny Blanchflower, dessen bekanntestes Zitat vielen Spurs-Fans als Philosophie des Klubs gilt: "Im Fußball geht es um Ruhm ("The game is about glory"). Es geht darum, es mit Stil zu machen, mit Glanz; darum, voranzugehen und die anderen zu besiegen, nicht darauf zu warten, dass sie an Langeweile sterben."

Toby Alderweireld feiert ein Tor im Derby gegen Arsenal
AP/dpa

Toby Alderweireld feiert ein Tor im Derby gegen Arsenal

Langweilig war es jedenfalls nie, Fan von Tottenham Hotspur zu sein. Als erste englische Mannschaft gewannen die Spurs 1963 einen Europapokal, den der Pokalsieger im Finale gegen Atlético Madrid. Zwei Uefa-Pokale, acht FA-Cups und vier Ligapokale stehen außerdem in den Vitrinen an der White Hart Lane. Aber nur zweimal gewannen die Spurs die Liga.

Das passte zum Image eines Klubs, für den das schöne Spiel wichtiger schien als der schnöde Erfolg. Während Lokalrivale Arsenal mit nüchternem Ergebnisfußball zum dauerhaften Spitzenteam wurde, redeten sich die Spurs-Fans ein, Stil sei wichtiger als Titel.

2016 aber könnten Stil und Erfolg zusammenkommen. Mit fünf Punkten Rückstand auf Leicester City liegt Tottenham auf Platz zwei der Premier League. Auch, wenn es am Ende nicht für die Meisterschaft reichen sollte, wird es wahrscheinlich die erfolgreichste Saison des Klubs seit mindestens 26 Jahren. Zu verdanken haben die Spurs das einem Mann, bei dem David Ginola es vermutlich nicht mal auf die Ersatzbank schaffen würde.

Mauricio Pochettino
AP/dpa

Mauricio Pochettino

Trainer Mauricio Pochettino hat Tottenham in seinem zweiten Amtsjahr eine sehr intensive Spielweise verpasst. Der Argentinier hat auch dafür gesorgt, dass sein Team die Fitness hat, um diesen Spielstil durchzustehen. Keine Mannschaft in der Premier League ist im Jahr 2016 pro Spiel mehr gelaufen als Tottenham. Im Derby gegen Arsenal am Wochenende legten die Spurs zehn Kilometer mehr zurück als die Gunners.

Ergebnis des großen Aufwands: Tottenham hat die beste Defensive der Liga und ist so konditionsstark, dass man in dieser Saison 18 Punkte nach Rückständen holte, fast doppelt so viel wie alle anderen Teams der Premier League. Möglich ist das auch, weil die Spurs die jüngste Startelf der Liga aufbieten. Sechs Spieler im Kader stammen aus der eigenen Jugend, darunter Starstürmer Harry Kane, dem seit Anfang der vergangenen Saison 51 Pflichtspieltore gelungen sind.

An guten Tagen sieht der Fußball der Spurs wie die ideale Synthese zwischen englischem Tempo, spanischem Passspiel und deutschem Pressing aus. Thomas Tuchel sagte vor dem Hinspiel (Donnerstag, 19 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE), Tottenham erinnere ihn an eine deutsche Mannschaft, was die Balleroberungen angeht.

Dabei hat Tuchel selbst die Spielweise des BVB vom klassischen auf Umschaltsituationen ausgerichteten Bundesligastil weiterentwickelt. Pochettino zeigt den Spurs-Fans derweil, dass "glorreich" und "siegreich" sich nicht ausschließen müssen. Als Favorit darf der BVB gelten, auch wenn das Weiterkommen keinesfalls sicher ist. Auf keinen Fall wird es Standfußball zu sehen geben. Zum Glück spielt David Ginola nicht mehr.

Im Video: Weidenfeller über sich, sein Kind und Tottenham

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insgesamt 5 Beiträge
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pixelgott 10.03.2016
1. Wubderbarer Artikel, aber...
... dass die Spurs 10km mehr gelaufen sind als die Gunners, lag wohl u.a. daran, dass sie fast die halbe Zeit davon in Überzahl waren.
dr.senf 10.03.2016
2.
"Das passte zum Image eines Klubs, für den das schöne Spiel wichtiger schien als der schnöde Erfolg. Während Lokalrivale Arsenal mit nüchternem Ergebnisfußball zum dauerhaften Spitzenteam wurde, redeten sich die Spurs-Fans ein, Stil sei wichtiger als Titel." Also das kann wohl allenfalls für die Zeit bis Mitte der 90er gelten, denn es war doch immer einer der Hauptvorwürfe gegen Wengers Arsenal, dass es in Schönheit sterben würde und lieber noch einmal quergelegt wird, als aufs Tor zu schießen...
ge1234 10.03.2016
3. ????
Zitat von pixelgott... dass die Spurs 10km mehr gelaufen sind als die Gunners, lag wohl u.a. daran, dass sie fast die halbe Zeit davon in Überzahl waren.
Ist es für gewöhnlich nicht eher so, dass die Mannschaft in Unterzahl mehr läuft?
pixelgott 10.03.2016
4.
Allerdings wird die Laufleistung aller Spieler summiert, dadurch hat die Mannschaft in Überzahl einen Vorteil, auch wenn der einzelne weniger läuft
Draco Silvano 10.03.2016
5.
Zitat von ge1234Ist es für gewöhnlich nicht eher so, dass die Mannschaft in Unterzahl mehr läuft?
Das lässt sich pauschal gar nicht sagen. Manche einzelne Spieler laufen eventuell mehr. Aber nicht so viel mehr wie der eine fehlende Spieler gelaufen wäre, wenn er noch auf dem Platz gestanden hätte. Da ist es in meinen Augen eher logisch, dass die 11 aus dem einen Team insgesamt mehr gelaufrn sind als die 10. Auch wenn es natürlich nur ein Teil des Spiels der Fall war. Hinzu kommt, dass Mannschaften in Unterzahl sich eher zurückziehen und somit auch schon mal weniger laufen als die angreifende Mannschaft. Aber wie anfangs schon gesagt, pauschal lässt sich das nicht sagen. Und wie aussagekräftig die Lauf-km sind oder auch nicht sind wurde leider schon viel zu oft hier im Forum von diversen "Spezialisten" vorgetragen ;-)
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