Tour-Etappensieger Degenkolb König des Kopfsteinpflasters

Sechsmal Zweiter, nun der erste Sieg: Der Deutsche John Degenkolb hat nach langer Leidenszeit eine Etappe bei der Tour de France gewonnen. Für andere Fahrer wurde die die Fahrt auf Kopfsteinpflaster dagegen zur Katastrophe.

Etappensieger Degenkolb
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Etappensieger Degenkolb

Von Eike Hagen Hoppmann


Da erste Mal: So oft war er so nah dran. Sechsmal wurde John Degenkolb in seiner Karriere Zweiter bei einer Etappe der Tour de France. Für ganz oben reichte es nie - bis heute. Auf der gefürchteten Kopfsteinpflasteretappe nach Roubaix gelang dem Mann vom Team Trek-Segafredo der erste Tagessieg bei der Frankreichrundfahrt. Ausgerechnet Roubaix: Hier hatte er vor drei Jahren mit Paris Roubaix bereits den berühmtesten Klassiker der Welt gewonnen. Das Kopfsteinpflaster ist Degenkolbs Belag. "Es ist so schwer, das irgendwie in Worte zu fassen", sagte ein den Tränen naher Degenkolb im Ziel der ARD.

Ende der Leidenszeit: Für Degenkolb war es auch das Ende einer zweijährigen Leidenszeit. Ein Jahr nach seinem Sieg bei Paris-Roubaix kollidierte er im Training mit einem Auto und verletzte sich schwer. Fast verlor er dabei seinen linken Zeigefinger. Anschließend brauchte er Monate, um im Renngeschehen wieder Fuß zu fassen. Bei der diesjährigen Tour schien er wieder an die Form vor dem Unfall anknüpfen zu können. Am Samstag wurde er beim Massensprint bereits Dritter. Jetzt steht er ganz oben.

Das Ergebnis: Degenkolb gewinnt also die neunte Etappe der 105. Tour de France im Sprint einer dreiköpfigen Spitzengruppe vor den beiden Belgiern Greg van Avermaet (BMC) und Yves Lampaert (Quick-Step Floors). Hier geht es zum Rennbericht.

Die Etappe: Keine Etappe war im Vorfeld von den Fahrern so gefürchtet worden wie dieser neunte, 156 Kilometer lange Abschnitt von Arras Citadelle nach Roubaix. Denn es waren keine normalen 156 Kilometer. 21,7 führten über Kopfsteinpflaster, ein Großteil davon über die legendären Abschnitte des Frühjahrsklassikers Paris-Roubaix. Stürze schienen vorprogrammiert. Und so kam es dann auch.

Der erste Sturz: Die erste Passage mit Kopfsteinpflaster war noch gar nicht erreicht, da gab es schon den ersten Massensturz. Mittendrin: Richie Porte, Kapitän vom Team BMC und der wohl größte Herausforderer von Seriensieger Chris Froome (Sky). Porte saß minutenlang auf dem Asphalt, hielt sich die rechte Schulter und musste schließlich aufgeben. Schon wieder. Bereits im vergangenen Jahr musste Porte ebenfalls nach einem Sturz auf der neunten Etappe verletzt aussteigen. Der 33-Jährige bleibt in seiner Karriere weiter vom Pech verfolgt.

Der Rennverlauf: Nach dem Massensturz um Porte reduzierte das Hauptfeld das Tempo, eine zehnköpfige Ausreißergruppe formierte sich. Das Peloton gab ihnen aber nie mehr als dreieinhalb Minuten Vorsprung. Als die Ausreißer eingeholt waren, gab es weitere Attacken im Minutentakt. Aber erst die Dreiergruppe um Degenkolb, van Avermaet und Lampaert konnte sich nachhaltig absetzen und machte den Sieg unter sich aus.

Bluff der Etappe: Am Abend zuvor hatte der Belgier Thomas de Gendt in den sozialen Netzwerken noch über die Etappe geflucht. Dann fuhr er aber in der Ausreißergruppe des Tages mit und gewann auch noch den Zwischensprint. Mit dem Ausgang des Rennens hatte er dann zwar nichts mehr zu tun, trotzdem dürfte de Gendt am Ende zufrieden gewesen sein.

Die weiteren Stürze: Es erwischte fast jeden Favoriten mindestens einmal. Manche hatten Glück und schafften direkt wieder den Anschluss ans Hauptfeld (Chris Froome, Jakob Fuglsang, Rafal Majka), andere hatten dagegen größere Probleme: Der Vorjahreszweite Rigoberto Uran verlor 1:28 Minuten auf seine Konkurrenten, der Spanier Mikel Landa sieben Sekunden. Bemerkenswert war in Landas Fall, dass sein Team Movistar vorne im Hauptfeld Tempo machte, während der Spanier hinten um den Anschluss kämpfte.

Ein gutes Rad hätte Bardet gutgetan: Trotz der vielen Stürze hatte ein Fahrer besonders viel Pech: Der Franzose Romain Bardet hatte gleich mehrere Defekte. Immer wenn er sich anschließend wieder ins Hauptfeld zurückgekämpft hatte, ging sein Rad erneut kaputt. Am Ende konnte Bardet nur noch mit dem Kopf schütteln. Immerhin hielt er den Rückstand in Grenzen und verlor im Ziel nur sieben Sekunden auf die Konkurrenz.

Ausweichmanöver der Etappe: Dieser Preis geht an Greg van Avermaet. Der Träger des gelben Trikots wäre beinahe bei einem Sturz mehrerer Sky-Fahrer mit zu Boden gerissen worden. Doch der Belgier schaffte es mit Glück und viel Können, sich irgendwie auf dem Rad zu halten. So verteidigte er am Ende dann auch souverän das Maillot Jaune. Freuen wird er sich darüber aber nicht. Der Verlust von Richie Porte wiegt für sein Team schwer. Zumal mit Tejay van Garderen auch noch die zweite Option der Mannschaft für die Gesamtwertung mit über fünf Minuten Rückstand abgeschlagen ins Ziel kam. Die sogenannte Hölle des Nordens forderte wieder viele Opfer.

insgesamt 6 Beiträge
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Affenhauptmann 15.07.2018
1. Ganz stark
Herausragende Leistung von Degenkolb. Immer wach gewesen, im entscheidenden Moment dabei und dann gewinnt er den Sprint gegen 2 sehr starke Kontrahenten. Glückwunsch
andreass61 15.07.2018
2. Glückwunsch
wenn es einer verdient hat ,dann doch J.Degenkolb.
Le Commissaire 15.07.2018
3.
Was für eine Etappe, und was für ein verdienter Sieg für Dege! Wenn man sieht, wie die Radfahrer kämpfen und sich einer nach dem anderen Knochenbrüche holt (Tony Martin ist gestern nach einem Wirbelbruch noch 17 km und innerhalb des Kontrollschlusses ins Ziel gefahren) -- und wenn man dagegen sieht, wieviel dramatisierendes Aua Aua es auf dem Fußballrasen gibt, dann erkennt man zwei verschiedene Welten.
taglöhner 15.07.2018
4. Beinhart
Eine der spektakulärsten Tour-Etappen, die ich je gesehen habe. Dieses Ding zu gewinnen, war ein ganz großer Coup. Endlich, nach all dem. Ich freue mich riesig für John. Gratuliere zur Ersten.
extra330sc 16.07.2018
5. Dege fuhr bombe.....
Selten habe ich einen Sieg, und dann auch noch einen in dieser Manier, jemanden so gegönnt. Mit ganz viel Übersicht, Mut und geilem Punch hat Dege endlich wieder gezeigt, was er kann....und das ist ne ganze Menge. Und wie angenehm es ist, wenn sich hier bislang kein dümmlicher Dopingexperte zu Wort meldete....weiter so.
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