Traditionsclub Braunschweig Die ewige Tochter blüht wieder auf

Jahrelang dümpelte Eintracht Braunschweig in der Drittklassigkeit vor sich hin. Sogar Politiker wollten in der Kaderplanung mitreden. Jetzt geht es mit dem Traditionsclub wieder aufwärts. Der Aufstieg in die Zweite Liga ist dem Verein so gut wie sicher.

Bongarts/Getty Images

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Was immer Marc Arnold dazu gebracht hat, die Stelle des Sportlichen Leiters zu übernehmen - der Anreiz, ein schickes Büro zu bekommen, war es garantiert nicht. Drinnen steht graues Mobiliar, das Rollo hängt schief, der Blick fällt auf Autos, die draußen vor der Fensterfront unter einer Betonrampe parken.

Andererseits passte der triste Arbeitsplatz im Stadion zu der Aufgabe, die Arnold im Sommer 2008 übernahm. Damals lebte Eintracht Braunschweig im Tiefparterre des deutschen Profifußballs. Der Club war hochverschuldet und besaß eine zusammengestöpselte Elf, die sich mit Ach und Krach für die Dritte Liga qualifiziert hatte. "Es war eine große Herausforderung", sagt Arnold. Es ging darum, teure Spieler loszuwerden, um mit wenig Geld den Neuaufbau einer Mannschaft zu schaffen, die Braunschweig neu begeistern sollte.

Heute, fast drei Jahre später, sind die Bankschulden getilgt, die junge Elf spielt so erfolgreich, dass ihr der Aufstieg in die zweite Bundesliga kaum noch zu nehmen ist. Die Dauerkarten sind für den Rest dieser Saison ausverkauft, und die Straßenbahnen zum Stadion wieder überfüllt. Auch Arnold wird nicht mehr lange auf Autolack und Betongrau blicken müssen - in den kommenden zwei Jahren lässt die Stadt die Haupttribüne sanieren. Und die Geschäftsstelle zieht in einen Neubau auf dem Vorplatz um.

Lange Zeit ein hoffnungsloser Fall

Lange war Eintracht so etwas wie ein hoffnungsloser Fall, ein ergrauter Traditionsverein, Deutscher Meister 1967, der im modernen Berufsfußball nichts mehr zu suchen hatte. Die beiden jüngsten Versuche, sich in der zweiten Liga festzukrallen, 2002 und 2005, endeten im Absturz, sportlich wie wirtschaftlich, jedesmal blieb nur knapp die Pleite aus.

Doch diesmal scheint es, als könne die Geschichte anders ausgehen. Ende 2007, mitten in der letzten Krise, begann der Umbruch. Im Dezember wurde der Wirtschaftsmanager Sebastian Ebel, damals 44, zum Vereinspräsidenten gewählt; der Profibereich wurde aus dem Verein herausgelöst und in eine eigenständige Kapitalgesellschaft umgewandelt. In der Zeit des Wandels wechselte das Führungspersonal durch: erst das Präsidium, dann der Trainerstab, zuletzt das Teammanagement, das alles innerhalb eines halben Jahres.

Die alte Marke Eintracht besitzt einen neuen Kern.

"Wir entwickeln uns in die richtige Richtung." Das ist ein typischer Marc-Arnold-Satz. Arnold, 40, ist ein kleiner, zur Unauffälligkeit neigender Mann, der in klarer Tonlage spricht. Auf seinem Schreibtisch liegt neben dem Smartphone ein dicker Timer mit Terminen, Namen und Daten. Arnold ist gut vernetzt im Fußball. Als Profi hatte er oft die Vereine gewechselt, seine vorletzte Station war Braunschweig. Nach einem Lehrjahr als Manager bei Hessen Kassel kehrte er zur Eintracht zurück, "weil es hier ganz andere Möglichkeiten gibt, was die emotionale Bindung der Fans angeht".

Dreijahresplan ist exakt aufgegangen

Seine erste Aufgabe war es, "den Rotstift bei den Spielerverträgen anzusetzen". Der Etat für den Kader sank um fast ein Drittel, wegen des Geldes bleibt und kommt keiner mehr. Wegen der Perspektive schon eher. Es gibt einen Dreijahresplan. 2009 sollte die Dritte Liga gehalten werden, ein Jahr später ein einstelliger Tabellenplatz erreicht, gefolgt von der Chance, 2011 aufzusteigen. "Das ist alles hundertprozentig aufgegangen", sagt Arnold. Und lächelt für einen kurzen Moment verschmitzt.

Torsten Lieberknecht, 37, hat noch mit Arnold zusammen im Mittelfeld der Eintracht gespielt, vor acht Jahren kamen sie gleichzeitig nach Braunschweig, nach einem dieser Abstiege in die Regionalliga. Doch Lieberknecht hat den Club seitdem nicht verlassen. Nach dem Ende seiner Spielerkarriere wurde er A-Jugendtrainer, Nachwuchskoordinator und sogar "Sachverwalter Fußball" im Präsidium.

Inzwischen ist er das, was man Sachentwickler Fußball nennen könnte: Cheftrainer.

Selten war das eine Tätigkeit von längerer Dauer. In der letzten verkorksten Zweitligasaison verschliss Eintracht gleich fünf Trainer, Rekord im deutschen Profifußball. Auch Lieberknecht kam im Mai 2008 unvermittelt auf den Posten, als Vorgänger Benno Möhlmann sich außerstande sah, die Mannschaft vor dem Sturz in die Viertklassigkeit zu bewahren und hinschmiss. In der Krisensitzung schauten alle plötzlich Lieberknecht an. Der übernahm - und erreichte die neugegründete Dritte Liga noch.

Inzwischen trainiert Lieberknecht den Club bereits so lange, wie kaum jemand anders vor ihm; nur Meistertrainer Helmuth Johannsen und Branko Zebec, der Ende der Siebziger für den letzten Höhenflug sorgte, blieben länger. Als auf der letzten Eintracht-Jahreshauptversammlung im Dezember verkündet wurde, Lieberknecht habe einen Vertrag bis 2013 unterschrieben, war das die Nachricht des Abends.



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btsvschorse 01.04.2011
1. Wahre Liebe hät eine Ewigkeit!
2 Dinge dazu: 1. Man kann auch ohne die Millionen eines Konzernes, der seine Zulieferer zu Werbeverträgen zwingt, erfolgreich Fußball spielen. Mal sehen, wie weit man damit kommt. 2. Nick Hornby schrieb, das ein Fußball meistens mit seiner Mannschaft leidet. Daher ist es für einen Braunschweig Fan immer Augenblick eine geile Situation, dass wir so gar nicht leiden. Man wird vom eigenen Erfolg ziemlich berauscht ("Das Meer teilt sich vor uns!") und genießt es ohne Ende. schade, dass das nicht ewig anhält. PS: Ich verzeihe es SPON aber nur bedingt Helmut Johanssen ausgerechnet als 96-Trainer abzubilden. Ein mächtiger Fehler!! ;-). Aber den ungeliebten Nachbarn gahtes es ja genauso gut wie uns und vielleicht treffen wir uns ja mal wieder zu Punktspielen
jenzy 01.04.2011
2. wunder gibt es immer wieder...
Zitat von btsvschorse2 Dinge dazu: 1. Man kann auch ohne die Millionen eines Konzernes, der seine Zulieferer zu Werbeverträgen zwingt, erfolgreich Fußball spielen. Mal sehen, wie weit man damit kommt. 2. Nick Hornby schrieb, das ein Fußball meistens mit seiner Mannschaft leidet. Daher ist es für einen Braunschweig Fan immer Augenblick eine geile Situation, dass wir so gar nicht leiden. Man wird vom eigenen Erfolg ziemlich berauscht ("Das Meer teilt sich vor uns!") und genießt es ohne Ende. schade, dass das nicht ewig anhält. PS: Ich verzeihe es SPON aber nur bedingt Helmut Johanssen ausgerechnet als 96-Trainer abzubilden. Ein mächtiger Fehler!! ;-). Aber den ungeliebten Nachbarn gahtes es ja genauso gut wie uns und vielleicht treffen wir uns ja mal wieder zu Punktspielen
da fällt mir spontan ein lied von katja ebstein ein... http://www.youtube.com/watch?v=JsPiUDBbluQ ;-)
sudich 01.04.2011
3. .
Zitat von jenzyda fällt mir spontan ein lied von katja ebstein ein... http://www.youtube.com/watch?v=JsPiUDBbluQ ;-)
Also, dafür dass H96 z. B. nächstes Jahr mit BTSV in derselben Liga spielt bedarf es wohl keines http://www.youtube.com/watch?v=JsPiUDBbluQ, oder? ;:)
Floersche, 01.04.2011
4. ....
schöner artikel. leider wird mit keinem wort die unglaubliche stimmung im stadion erwähnt oder der sogar für zweitligaverhältnisse, überdurchschnittliche zuschauerschnitt. meine grösste angst zur zeit: versaut felix der eintracht doch noch das derby in der nächsten saison? ;)
Pelusa, 01.04.2011
5. komischer Vergleich
Zitat von btsvschorse2 Dinge dazu: 1. Man kann auch ohne die Millionen eines Konzernes, der seine Zulieferer zu Werbeverträgen zwingt, erfolgreich Fußball spielen. Mal sehen, wie weit man damit kommt. 2. Nick Hornby schrieb, das ein Fußball meistens mit seiner Mannschaft leidet. Daher ist es für einen Braunschweig Fan immer Augenblick eine geile Situation, dass wir so gar nicht leiden. Man wird vom eigenen Erfolg ziemlich berauscht ("Das Meer teilt sich vor uns!") und genießt es ohne Ende. schade, dass das nicht ewig anhält. PS: Ich verzeihe es SPON aber nur bedingt Helmut Johanssen ausgerechnet als 96-Trainer abzubilden. Ein mächtiger Fehler!! ;-). Aber den ungeliebten Nachbarn gahtes es ja genauso gut wie uns und vielleicht treffen wir uns ja mal wieder zu Punktspielen
Ist das nun Bescheidenheit oder Größenwahn, wenn man die aktuelle Situation der Erzrivalen vergleicht: der BTSV steigt in die 2. Liga auf, aber 96 kämpft um den Einzug in die Champions League. Sollen sich die Braunschweiger über ihre vorübergehend letzte Drittligasaison freuen, wenngleich ich es ihnen traditionsgemäß nicht gönne, doch der Höhenflug von 96 ist ein ganz anderer Schnack. Ein Nachbarschaftsduell gegen Wolfsburg sollen die blaugelben haben. Die Roten suchen sich lieber Gegner in der Ferne.
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