Belästigung im Fußball Der zerstörte Lebenstraum

Mariano ist auf dem Weg zum Fußballprofi, er ist talentiert, spielt bei Zweitligisten. Plötzlich will er nicht mehr. Warum? Die Mutter findet SMS seines Trainers, klar wird: Ihr Sohn wurde offenbar über Jahre sexuell belästigt. Der Verein reagiert, trennt sich vom Coach. Aber zu Ende ist die Geschichte nicht.

Knapp hundert SMS: Mariano* blockte irgendwann ab
SPIEGEL ONLINE

Knapp hundert SMS: Mariano* blockte irgendwann ab


Es ist der 9. Juli 2006, als Mariano* beschließt, Fußballprofi zu werden. Italien und Frankreich stehen sich im Finale der Fußballweltmeisterschaft gegenüber, und Mariano sieht im Berliner Olympiastadion, wie Zinédine Zidane sich mit einem Kopfstoß gegen Marco Materazzis Beschimpfungen wehrt, wie David Trezeguet den entscheidenden Elfmeter verschießt und Italien Weltmeister wird. Mariano ist neun Jahre alt, als sein Lebenstraum geboren wird.

Heute ist er 16, er spielte in den vergangenen sieben Jahren in den Jugendabteilungen deutscher Zweitligavereine, er unterschrieb Verträge und zog von der brandenburgischen Provinz in die ostdeutsche Großstadt. Er war auf dem Weg.

Jetzt ist Marianos Traum vorbei. Endgültig zerstört von dem Mann, der den Jungen am buntesten träumen ließ: seinem Trainer.

Über Jahre hat der Trainer Marianos Hoffnungen auf die große Fußballkarriere ausgenutzt, er hat seine Macht über den Jungen und dessen Abhängigkeit missbraucht. D.*, 55, ging es nicht nur um Marianos Zukunft, wenn er ihm versprach, ihn zum Profi zu machen. Er wollte den Jungen auch dazu bringen, mit ihm zu schlafen.

Das zumindest lassen knapp hundert SMS vermuten, die D. seit September 2012 an Mariano geschickt hat und die SPIEGEL ONLINE vorliegen.

"träume sind wichtig um die realität träume werden zu lassen. Aber auch neugierde im wahrsten sinne des wortes zu befriedigen."

"Beim probieren wird es geil."

"Bist du auf deinem zimmer und bist schon im bett?"

"wollte halt mal testen was so geht bei dir"

"Tut mir leid das ich dir das zugemutet habe. Aber auf einer alten jacht lernt man segeln."

"wir können auch andere dinge erobern da gibts auch tolle sachen"

"Wir werden noch einiges spannende erleben in jeder beziehung und spaß dabei haben"

Mariano hätte wahrscheinlich nie über die Annäherungsversuche seines Trainers gesprochen, wie viele Opfer sexueller Belästigung schämt er sich. Er ist knapp 1,90 Meter groß, die Haare trägt er wie Cristiano Ronaldo, am Handgelenk glänzt ein schwarzes Perlenarmband. Mariano sieht aus wie der Prototyp des modernen Fußballprofis. Es passt nicht in sein Selbstbild, der Auserwählte eines homosexuellen, fast 40 Jahre älteren Mannes zu sein.

Mutter findet SMS auf dem Handy

Es war die Mutter, die per Zufall einige der SMS las, weil Mariano seine Sim-Karte in ihr altes Nokia-Handy gesteckt und sie dort vergessen hatte. Sie wurde misstrauisch und begann, den SMS-Verkehr abzuschreiben. Aber auch die Mutter sagte zunächst nichts. Bis die Situation an einem Sonntag Ende September eskalierte.

D. hatte Mariano zum Essen in das Szeneviertel der Stadt eingeladen, sie unterhielten sich über Fußball, alles war in Ordnung. Doch dann begann D., von seinen homosexuellen Vorlieben zu sprechen, von seinen speziellen erotischen Wünschen, und er versicherte Mariano, dass dieser ebenfalls an Männern interessiert sei, er wisse es nur noch nicht. Er schlug Mariano vor, dass die beiden es sich bei einer gemeinsamen Ölmassage einmal gutgehen lassen sollten.

Der Junge blockte ab: Er sei und werde nicht schwul, er habe eine Freundin. D. könne machen, was er wolle, solange er ihn in Ruhe lasse. "Wäre er nicht mein Trainer gewesen, hätte ich mich ganz anders ausgedrückt", sagt er. Für D. war es auch so genug, fortan schikanierte und degradierte er Mariano in den Trainingseinheiten.

Schwänzte Mariano das Training, konnte er dem Zorn D.s trotzdem nicht entkommen: D. ist gleichzeitig Profillehrer an Marianos Sportschule. Mariano bekam plötzlich schlechte Noten, in Fächern, in denen er sonst ein guter Schüler war. Er wurde krank, der Bauch und der Kopf schmerzten. An einem Sonntag vor wenigen Wochen sagte Mariano zu seinen Eltern, dass er nicht mehr leben wolle.

Eltern wollen Mariano von der Schule abmelden

Die Eltern standen unter Schock. Sie vereinbarten einen Termin mit dem Schulleiter, um ihm von den Vorfällen zu berichten und mitzuteilen, dass Mariano fortan keinen Leistungssport mehr machen werde. Das ist eigentlich die Voraussetzung, um an der Schule unterrichtet zu werden. Sie waren gerade auf dem Weg zum Verein, um dort die Kündigung abzugeben, als D. anrief: Mariano dürfe auf keinen Fall gehen, alles werde wieder gut. Der Schulleiter muss D. innerhalb weniger Minuten informiert haben. Für SPIEGEL ONLINE war er hingegen trotz wiederholter Anfrage nicht erreichbar.

"Wir warteten noch einige Tage, doch es änderte sich nichts am Umgang D.s mit unserem Sohn", sagt die Mutter. Sie vertraute sich der Vereinsführung an, die der Familie sofort ihre Unterstützung zusagte. Tatsächlich wurde D. nur zwei Tage später als Trainer beurlaubt, bei der ersten Konfrontation mit den Vorwürfen soll er es sogar bedauert haben, dass es mit Mariano nicht zum Sex gekommen sei. Mittlerweile hat D. seine ordentliche Kündigung erhalten; über die Gründe schweigt sich der Verein offiziell aus, einzig die Mannschaftsleiter wurden bei einem Treffen mit Marianos Eltern informiert.

Hört man sich in der Fußballszene der Stadt um, mehrt sich allerdings der Verdacht, dass Mariano nicht D.s erstes und einziges Ziel war. Ein alteingesessener Vereinsausstatter, der das Geschehen seit vielen Jahren beobachtet, sagt: "Es gibt seit Ende der neunziger Jahre die Gerüchte, dass D. sich den Jungs nicht nur in der Dusche zu sehr nähert." Ein früheres Verfahren gegen ihn aus den gleichen Gründen hat die Staatsanwaltschaft eingestellt, weil ein Belastungszeuge die Meinung geändert hatte. Nun wurden erneute Ermittlungen eingeleitet, der Anfangsverdacht: sexueller Missbrauch von Kindern.

Warum konnte der Verein trotz der Gerüchte so lange wegsehen? Warum durfte D. viele Jahre auch als Betreuer im vereinseigenen Internat arbeiten?

Ein Mann mit zwei Gesichtern

"Wir konnten nicht mit und nicht ohne ihn", sagt der Präsident. D. sei seit mehr als drei Jahrzehnten so fest mit dem Fußball dieser Stadt verbunden, er habe National- und Bundesliga-Spieler ausgebildet. Das habe den Verein und viele Eltern für lange Jahre blind gemacht. "Die Aussicht auf Erfolg ist wichtiger als vieles", sagt der Präsident.

Nur deshalb hielten es die jungen Menschen aus, dass D. sie oft grundlos fertigmachte, dass sich cholerische Wutausbrüche und väterliche Zuneigung unvorhersehbar abwechselten. "Er ist ein Mann mit zwei Gesichtern", sagt ein Mannschaftskollege von Mariano, "mal streichelt er uns über den Kopf, mal schreit er uns an."

D. hat den Kampf aufgenommen. Neben seiner Tätigkeit als Vereinscoach ist er als Honorartrainer vom Deutschen Fußball-Bund mit der Ausbildung von Fußballnachwuchs beauftragt, es geht für ihn um die Existenz. D. ruft andere Spieler an, um ihnen zu erzählen, dass Mariano lüge. Er besuchte am Sonntag nach seiner Kündigung ein Spiel der A-Jugend, um mit Eltern zu sprechen.

Sein Anwalt sagt: "Es ist leider so, dass mein Mandant sich derzeit in einer Situation sieht, in der er den Dingen immer nur hinterherläuft. Uns ist zwar bekannt, dass gegen ihn Vorwürfe erhoben worden sein sollen, welcher Art und ob strafrechtlich relevant, kann überhaupt nicht beurteilt werden." Marianos Eltern seien gefrustet, weil die Karriere des Sohns ins Stocken geraten sei, nun suchten sie einen Schuldigen, den sie "ins Aus manövrieren" könnten. Dass es die SMS gegeben habe, müsse man erst einmal beweisen.

"Mein Mandant hat sich über Jahrzehnte großen Respekt und große Verdienste für den Nachwuchsleistungssport der Stadt und des Landes erarbeitet, er hat alles für den Verein und den Nachwuchs gegeben", sagt der Anwalt.

Auch Mariano habe davon profitiert, er habe D. einiges zu verdanken, der habe ihn fußballerisch weitergebracht, sagt er. An einem bestimmten Punkt aber war das vorbei. Weil der Junge nicht geben wollte, wonach es den Trainer verlangte.

*Namen von der Redaktion geändert.



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