Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Freiburgs Trainer Christian Streich: "Kein Frustrationsgefühl, wirklich nicht"

Ein Interview von

Freiburg-Trainer Streich: Was zählt, ist auf dem Platz Fotos
imago

Schon wieder haben die Bundesligaklubs den Freiburger Kader geplündert. Ist das nicht frustrierend auf Dauer? Trainer Christian Streich über die mühevolle Arbeit in seinem Verein - und warum das Training am Sonntagmorgen so wichtig ist.

SPIEGEL ONLINE Fußball
SPIEGEL ONLINE: Herr Streich, Sie sollen sich während der WM sehr über die Kritik an Joachim Löw gewundert haben.

Christian Streich: Ich fand das maßlos und hysterisch, stimmt. In den Achtel- und Viertelfinalspielen gab es ja viele enge Partien, Holland - Costa Rica, Argentinien - Schweiz und viele mehr. Das war zu erwarten, in den meisten Ligen ist es doch auch so eng. Dann gab es im Achtelfinale eben ein knappes Spiel gegen Algerien.

SPIEGEL ONLINE: Und dann ging's los.

Streich: Richtig. Vor allem hatte ich den Eindruck, dass ein richtiger Sturm losgebrochen wäre, wenn Deutschland das Spiel verloren hätte.

SPIEGEL ONLINE: Gegen Gegner wie Algerien werden eben deutliche Siege erwartet.

Streich: Und das ist das Problem. Die haben gute Spieler, vielleicht nicht so gute wie Deutschland, aber in einer einzelnen Begegnung kann es schon passieren, dass der vermeintliche Favorit Probleme bekommt. Wie auch Freiburg mal gegen Leverkusen gewinnen kann und dann wieder dreimal verliert. Die Reaktionen auf das Spiel waren völlig übertrieben.

SPIEGEL ONLINE: Auch in diesem Sommer mussten Sie mit Torhüter Oliver Baumann (Hoffenheim) und Verteidiger Matthias Ginter (Dortmund) wieder zwei Leistungsträger ziehen lassen. Allmählich müsste der Verein mit den hohen Einnahmen doch auch auf dem Transfermarkt zuschlagen können.

Streich: Wir haben bessere Möglichkeiten als noch vor ein paar Jahren. Aber auch diesen Sommer ist es passiert, dass wir uns für einen Spieler interessiert haben, der bei seinem Verein auf der Bank sitzt und dessen Berater uns sehr freundlich hat wissen lassen, dass wir gar nicht erst über Zahlen verhandeln müssen.

SPIEGEL ONLINE: Da ist man dann froh über jeden, der trotzdem den Weg nach Freiburg findet?

Streich: Ach was. Wir schmieren den Spielern, für die wir uns interessieren, nicht mal Honig ums Maul, wenn wir uns zum Kennenlernen zusammensetzen.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Streich: Wir stellen konkrete Fragen: Was ist, wenn du auf der Bank sitzt, was, wenn es nicht läuft? Ist das ein Spieler, der es im Training schleifen lässt, wenn er Negativerlebnisse hat? Kann er Deutsch, Englisch oder Französisch? Wir müssen jedem Spieler ja komplexe Dinge vermitteln. Wir leben von diesem intensiven Training, der Bereitschaft, sich immer wieder mit Videoanalysen und Tod und Teufel zu beschäftigen. Dann wird ein Spieler, wird eine Mannschaft besser.

SPIEGEL ONLINE: Mancher Spieler sagt: Der Trainer hat es jetzt schon zweimal hingekriegt, dass wir drinbleiben. Dem kann man vertrauen.

Streich: Kann schon sein, aber ich glaube, das beziehen die auf das ganze Trainerteam und auch nicht nur aufs Sportliche. Was wir besprechen, ist intern, und das bleibt auch so. Die wissen, sie können uns vertrauen. Und sie wissen, wo sie stehen.

SPIEGEL ONLINE: Der Ersatztorwart weiß, warum er nicht spielt, und ob sich das in zwei Jahren möglicherweise ändert?

Streich: Unbedingt. Ein ganz wichtiges Training ist das am Sonntagmorgen, direkt nach dem Spiel. Wie das läuft, ist ein Indikator für das, was in der Zukunft ist. Die Spieler, die nicht gespielt haben, müssen hoch motiviert sein. Klappt das, ist alles gut.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Trainer, die am Sonntag freimachen.

Streich: Wenn das bei uns so wäre, wäre das unfassbar demotivierend für die, die nicht gespielt haben. Die wollen einem doch zeigen, dass sie zu Unrecht draußen saßen. Und dann schaut der Trainer nicht zu.

SPIEGEL ONLINE: Cissé, Baumann, Ginter, Kruse, Makiadi und viele mehr - Sie haben in den letzten eineinhalb Jahren fast eine ganze Stammelf abgegeben. Kein Frust?

Streich: Nein, kein Frustrationsgefühl, wirklich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Erklärt sich das durch die besondere Verbundenheit zum SCF? Sie arbeiten seit 19 Jahren hier.

Streich: Glaube ich nicht. Schauen Sie sich Pep Guardiola an, haben Sie den Eindruck, der beschäftigt sich mit irgendetwas anderem als dem FC Bayern? Ein professioneller Trainer ist mit 100 Prozent da, wo er arbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Christian Streich könnte also auch in Niedersachen oder Nordrhein-Westfalen arbeiten?

Streich: Ich wurde schon ein paarmal gefragt, ob ich nur hier arbeiten kann. Das finde ich merkwürdig.

SPIEGEL ONLINE: Also denken Sie schon über andere Optionen nach?

Streich: Nein. Ich beschäftige mich wirklich nicht mit so was, dann wären ein paar Prozent weg von den 100 und die Spieler hätten Alibis. Ich denke wirklich nicht so. Das gibt dir wieder eine ziemlich große Freiheit im Kopf.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
roulaison 07.08.2014
Das klingt wirklich ganz vernünftig und symphatisch. An der Linie ist er nicht so abgeklärt.
2.
Andr.e 07.08.2014
Zitat von roulaisonDas klingt wirklich ganz vernünftig und symphatisch. An der Linie ist er nicht so abgeklärt.
So etwas nennt man leidenschaftlich. Eine der Kernkompetenzen für einen guten Fußball(train)er. Heute wird das gern Mal als "Rumpelstilzchen" vermarktet, weil es das Geschäft belebt. Klattschpappenhalter kommen dann daher und finden das "ungebührliches Verhalten". Die Maschine Bundesliga freuts, erzeugt das doch Reibungspunkte.
3.
roulaison 07.08.2014
Zitat von Andr.eSo etwas nennt man leidenschaftlich. Eine der Kernkompetenzen für einen guten Fußball(train)er. Heute wird das gern Mal als "Rumpelstilzchen" vermarktet, weil es das Geschäft belebt. Klattschpappenhalter kommen dann daher und finden das "ungebührliches Verhalten". Die Maschine Bundesliga freuts, erzeugt das doch Reibungspunkte.
Ok, aber gibt es nicht gewisse "Spielräume" und Toleranzgrenzen wie überall da, wo professionell gearbeitet wird? Leidenschaft bedeutet nicht zwangsläufig Kontrollverlust.
4. Nur zwei Spieler
mothersuperior 07.08.2014
Es sind doch nur zwei Leistungsträger gegangen, nicht wie in der letzten Saison gefühlte 9 (Mal davon abgesehen dass nur Kruse erfolgreich war). Ich hätte die ganze Mannschaft persönlich zu ihren Vereinen gefahren, wenn wir den so hätten halten können. Diese Saison sind nur zwei Spieler weg, das sollte kein Problem werden, wenn die restliche Mannschaft so weiterspielt wie bisher. Hoffen wir das Beste! P.S. Streich ist der Beste, ich wünsche mit niemand anderes an unserer Linie!
5. Ein Klopp
fc_bayern 07.08.2014
Ist an der Linie genauso, wie der Streich. In Interviews gibt Herr Klopp aber dann gerne dumme Antworten und faltet nebenbei noch eigene Fans zusammen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Themenseiten Fußball
Tabellen


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: