Trainer-Forscher Nawrath "Freundschaften unter Bundesliga-Coaches sind selten"

Unsicherere Arbeitsplätze: Zehn Bundesliga-Trainer mussten in dieser Saison bereits gehen. Der Psychologe Christian Nawrath spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über freiwillige Abgänge von Coaches, warum sie über Vorgänger lästern und sich von Stadionbesuchen ihrer Kollegen bedroht fühlen.

Bundesliga-Trainer Heynckes (l.) und van Gaal: Trainer werden selbst aktiv
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Bundesliga-Trainer Heynckes (l.) und van Gaal: Trainer werden selbst aktiv


SPIEGEL ONLINE: Ralf Rangnick kommt zu Schalke und beklagt sich über den schlechten mentalen Zustand der Mannschaft, Felix Magath wechselt zu Wolfsburg und lästert über mangelnde Fitness seiner Spieler. Sind die Sitten unter den Bundesliga-Trainern verkommen?

Nawrath: Der neue Coach muss sich ja vom Vorgänger abgrenzen. Manche Trainer nennen aber dann Dinge, mit denen sie den Vorgänger angreifen und kritisieren. Das gibt natürlich böses Blut. Ein Gegenbeispiel ist Michael Skibbe, der bei Eintracht Frankfurt seinem Nachfolger Christoph Daum sogar noch alles Gute wünscht. Echte Freundschaften unter Bundesliga-Coaches sind allerdings sehr selten. Es gibt immerhin nur 18 Arbeitsplätze, 36, wenn man die zweite Liga hinzunimmt. Da kann man sich vorstellen, wie hart das ist. Es ist ein Haifischbecken.

SPIEGEL ONLINE: Zum Trainer-Ethos gehört es auch, nicht gezielt zu Spielen eines Trainers zu gehen, der vor dem Rauswurf steht, um sich als dessen Nachfolger ins Gespräch zu bringen. Wie sehen Sie das?

Nawrath: Viele Trainer, die von einer Entlassung bedroht sind, glauben, dass das wirklich als gezieltes Mittel von Kollegen genutzt wird. Gerade wenn Medien mit den im Stadion anwesenden Trainern dann auch noch Interviews führen. Manche beschäftigungslose Coaches warten täglich darauf, dass der erlösende Anruf eines Vereins kommt. Passiert das nicht, kann man sich vorstellen, dass sie versuchen, sich ins Gespräch zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: In dieser Saison haben mit Jupp Heynckes und Robin Dutt zwei äußerst erfolgreiche Trainer von sich aus ihren Abschied zum Saisonende erklärt. Ist das ein neuer Trend?

Nawrath: Da kann man von einem Trend sprechen, aber nicht nur in dieser Saison. Das war auch schon früher, zum Beispiel am Ende der vorletzten Saison zu sehen. Trotzdem gibt es weiter Entlassungen aufgrund von Erfolglosigkeit. Aber es scheint, dass die Trainer ein bisschen mehr Einfluss nehmen auf ihre Arbeit und Karriere.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also nicht mehr das schwächste Glied?

Nawrath: Einige Trainer werden selbst aktiv, bevor sie zum schwächsten Glied werden. Das kann durch einen Rücktritt geschehen, um der Entlassung und damit der persönlichen Kränkung zuvorzukommen. Möglicherweise aber auch in einer Situation, in der sie erfolgreich sind.

SPIEGEL ONLINE: Eine Arbeit von Ihnen aus dem Jahr 2006 trägt den Namen "Arbeiten auf dem Schleudersitz. Trainer werden, Trainer sein, Trainer bleiben". Gleicht der Job heutzutage eher einem Fahrstuhl?

Nawrath: Nein, noch immer einem Schleudersitz. Wobei mittlerweile der Knopf auch vom Trainer gedrückt wird und er mit seinem Fallschirm dann bei einem anderen Verein landen kann.

SPIEGEL ONLINE: Dann hat Felix Magath gerade rechtzeitig gedrückt?

Nawrath: Auffällig ist, dass Magath schon bei seinem Rücktritt als Meistertrainer des VfL Wolfsburg vor zwei Jahren sagte, dass er dort nicht mehr erreichen könne. Er ging dann zu einem anderen Verein, konnte sich aber im Prinzip sicher sein, dass er mit dem VfL einen Club hatte, zu dem er zurückkehren könnte.

SPIEGEL ONLINE: Also hat er clever kalkuliert?

Nawrath: Es spricht für die Trainer der heutigen Zeit, dass sie sich aus der Abhängigkeit befreien wollen. Wobei sich ein erfolgloser Trainer nicht sicher sein kann, sofort nach seiner Entlassung bei einem anderen Verein unterzukommen. Aber einige erkennen mittlerweile, dass sie auf dem Höhepunkt des Erfolges sind und möglicherweise die Erwartungen in der kommenden Saison bei diesem Verein gar nicht mehr erfüllen können. Robin Dutt ist ein gutes Beispiel. Was will er mit Freiburg noch mehr erreichen?

SPIEGEL ONLINE: Sind die Trainer schlauer geworden?

Nawrath: Schlaue Trainer gab es schon immer.

Die Fragen stellte Jan Reschke



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