Trainer-Ikone Happel Hoch verehrter Grantler

Ernst Happel war einer der erfolgreichsten Trainer der Fußballgeschichte und einer der umstrittensten. Die Methoden des Österreichers sorgten zuweilen für Empörung. Ein Portrait des kantigen Coaches, dessen Geburtstag sich kürzlich zum 80. Mal jährte.


Die kleine Begebenheit ist unterhaltsam, aber wie jede gute Anekdote hat sie eine zweite Ebene. Die Moral von der Geschicht' sozusagen. Als Happel im Sommer 1981 zum Hamburger SV kam, versammelte er die Mannschaft am ersten Tag auf dem Trainingsplatz und ließ den langen Horst Hrubesch eine leere Cola-Dose auf das Lattenkreuz stellen. Happel nahm sich den Ball, lief ohne weitere Umschweife an und schoss die Büchse aus 20 Metern Entfernung herunter. Dann wandte er sich an seine Spieler und sagte nur: "Nachmachen!". Eine Aufgabenstellung, mit der nicht nur technisch limitierte Haudegen wie Ditmar Jakobs ihre Probleme hatten. Auch ein Felix Magath, ein Holger Hieronymus, ein Thomas von Heesen scheiterten, und sogar Manfred Kaltz, der so präzise Flanken schlagen konnte wie kein Zweiter zu seiner Zeit.

HSV-Trainer Happel (Mitte): "Autorität und Respekt"
DDP

HSV-Trainer Happel (Mitte): "Autorität und Respekt"

Der Einzige, dem es gelang, dem Trainer nachzueifern, war - natürlich - der im Spätherbst seiner Karriere in Hamburg gestrandete Franz Beckenbauer. Als Happel genug gesehen hatte, legte er sich das Leder noch einmal zurecht und schoss die Büchse wieder im ersten Versuch herunter. "Das war seine Art uns zu zeigen, dass man ihm nichts vormachen konnte", sagte Kaltz später. "Damit gewann er schon am ersten Tag Autorität und Respekt." Autorität und Respekt. Kennzeichen, auf die ein Ernst Happel besonders angewiesen war. Weil er von seinen Spielern nicht im klassischen Sinne geliebt wurde. Verehrt schon, aber nicht geliebt. Dafür war er zu grantig und zu wenig mitfühlend den kleinen Malaisen und Wehwehchen der Profis gegenüber.

Happel, der am 29. November 80 Jahre alt geworden wäre, hielt nichts von Streicheleinheiten. "Dafür müsst ihr zur Mama", hat er gerne gesagt. Und dennoch, glaubt Kaltz, wären die Spieler für ihn "durchs Feuer gegangen". Fußballer wollen den Erfolg, und sei es nur der persönliche, und sie haben ein feines Gespür dafür, ob ihnen ein Trainer dabei helfen kann, ihr Ziel zu erreichen. Als Happel in Hamburg anfing, war er bereits 56 Jahre alt und galt fast europaweit als Erfolgsgarant. Wo immer er das Traineramt übernahm, wendeten sich die Dinge zum Besseren. Den holländischen Underdog ADO Den Haag übernahm er als Abstiegskandidat und machte ihn zu einer festen Größe in der Ehrendivision und zum niederländischen Pokalsieger. Mit Feyenoord Rotterdam gewann er 1970 sensationell den Europapokal der Landesmeister und den Weltpokal.

Erfolg selbst mitgebracht

Der zuvor auch national unbedeutende FC Brügge wurde mit ihm viermal belgischer Meister und erreichte zwei Europapokalfinals. Als Nationalcoach der Niederlande verlor Happel erst in der Verlängerung das WM-Finale 1978 gegen Argentinien. 18 Titel hat er in seiner 30-jährigen Trainerlaufbahn gewonnen, eine Zahl, die umso höher einzuschätzen ist, als er nie ein Real Madrid, Juventus Turin oder Bayern München betreut hat. Happel hat sich selten ins gemachte Nest gesetzt, sondern den Erfolg in der Regel erst mitgebracht. Das war auch beim HSV so, der mit dem gleichen Spielerstamm zwar 1979 schon Deutscher Meister geworden war, aber erst nach Happels Einstieg zur - neben dem FC Bayern - wichtigsten Referenzgröße der Bundesliga wurde.

Natürlich fällt auch der größte Erfolg der Clubgeschichte, der Gewinn des Europapokals der Landesmeister im Jahr 1983, in die Ära Happel. Und bezeichnenderweise haben sich die Hamburger nach seinem Ausstieg Ende der Achtziger stante pede ins Mittelmaß verabschiedet. Gemessen an früheren Maßstäben darf man sagen: bis heute. Fußballtaktisch betrachtet war Happel einer der ersten Vertreter der Raumdeckung, ein Erneuerer des Spiels. Das von ihm propagierte Pressing erforderte ein hohes Maß an Kreativität und Spielintelligenz, aber auch letzten Einsatz und körperliche Robustheit. So dass der Trainer Happel verlangte, was der ehemalige österreichische Nationalspieler Happel als schlampiges Genie einst keineswegs vorgelebt hatte: Disziplin und Solidität.

Überhaupt war Happel ein Mann voller Widersprüche. Im Privaten wandelte sich der mürrische Fußballverrückte zu einem dem Alkohol, Frauen und Glücksspiel nicht abgeneigten Bohemien. Ein Mann mit Witz und Esprit. Allerdings trat diese Seite des Ernst Happel tatsächlich in erster Linie im Kaffeehaus zu Tage. Seine Spieler erlebten sie selten, eine andere Bevölkerungsgruppe, die Journalisten, so gut wie nie. Happels Verhältnis zu denen war eine mittlere Katastrophe, seine Affronts auf Pressekonferenzen wie "Schreiben's was Sie woll'n, is mir eh wurscht" oder "Is ja sowieso alles für Arsch und Friederich" waren berüchtigt.

HSV-Stürmer Hrubesch (Mitte, im Finale 1983 gegen Juventus): "Das Gefühl, mit eingebunden zu sein"
DPA

HSV-Stürmer Hrubesch (Mitte, im Finale 1983 gegen Juventus): "Das Gefühl, mit eingebunden zu sein"

Es war ein Verhalten, das von den Medien, zumal den zahlenden, heutzutage so nicht mehr toleriert würde. Die Frage, ob ein Trainer-Typus wie Happel somit zum Scheitern verurteilt wäre, greift dennoch zu kurz. Wer sagt denn, dass einer wie er sich heute nicht anders verhalten würde, immer haarscharf an der Toleranzschwelle entlang? Damals hat man ihm die Grantelei durchgehen lassen, also hat er's so gemacht und seine Ruhe gehabt. Natürlich war Ernst Happel ein sturer Bock und ein harter Knochen. Und sicher war es nicht angenehm, Frank Neubarth zu sein und über sich hören zu müssen: "Der ist zu lang und zu langsam. Bis bei dem vom Kopf bis zum Fuß eine Idee ankommt, ist das Spiel zu Ende."

Doch es gibt auch andere Geschichten. Geschichten von einem schlauen, psychologisch versierten Happel, der eine Mannschaft zu führen wusste. Eine Geschichte wie die, die Horst Hrubesch vom Landesmeisterfinale gegen Juventus Turin erzählt: "Kaltz, Magath, Jakobs, Ernst Happel und ich wollten vorher die Aufstellung durchgehen. Wir überlegten, wer gegen Michel Platini als Manndecker spielen sollte. Wir Spieler haben uns allesamt für Joschi Groh entschieden. Hinterher kam heraus, dass Happel seine Entscheidung unabhängig von uns bereits längst gefällt hatte. Er wollte uns einfach nur das Gefühl geben, mit eingebunden zu sein." Autorität, Respekt, und am Ende doch ein klein wenig Liebe. Am 14. November 1992 stirbt Happel im Alter von 67 Jahren an Krebs. "Da waren wir alle wirklich sehr betroffen", sagt Kaltz. Wer den Rechtsverteidiger ein wenig kennt, weiß, dass da große Gefühle im Spiel waren.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.