Guardiolas Abschied: Mehr als ein Trainer

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Es ist das Ende einer Ära: Trainer-Genie Josep Guardiola verlässt den FC Barcelona. Innerhalb von vier Jahren hatte er die beste Vereinsmannschaft der Welt geformt, führte die Katalanen zu 13 Titeln. Doch seine Entscheidung ist konsequent, denn mit seinem Rücktritt bleibt sich der Coach treu.

AP

Més que un club, mehr als ein Club, lautet das offizielle Motto des Futbol Club Barcelona. In der Vergangenheit bezog sich dieses Selbstverständnis bei den Katalanen vor allem auf die Bedeutung des Vereins für die Region und die Verpflichtung zu sozialem Engagement.

Schon immer war Barça auch sportlich einer der ganz großen Clubs in Europa, doch zu der Übermannschaft, die 13 Titel in den vergangenen vier Jahren gewinnen konnte, machte es erst ein Mann: Josep Guardiola i Sala.

Der 41-Jährige hatte zur Spielzeit 2008/2009 das Traineramt angetreten, zum Ende dieser Saison ist Schluss. "Das ist keine einfache Entscheidung für mich", sagte Guardiola bei einer Pressekonferenz vor den Augen mehrerer Spieler, "es ist für mich an der Zeit, zu gehen." Er könne nicht mehr die Energie aufbringen, die nötig sei. Das Amt übernimmt der ein Jahr ältere Tito Vilanova, der wie Guardiola der clubeigenen Talentschmiede La Masia entstammt und bislang als Co-Trainer arbeitete.

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Josep Guardiola: Das Gesicht des FC Barcelona
Dass Guardiola sein Amt, den vielleicht begehrtesten Trainerjob in der Fußballwelt, nicht ewig ausführen würde, stand für ihn von Beginn an fest. "Drei Jahre", hatte Guardiola bereits im Winter 2009 dem SPIEGEL gesagt, sei der Job durchzuhalten - länger nicht.

Guardiola brachte dem Club Erfolg - und eine Philosophie

Stets verlängerte Guardiola nur um ein Jahr. "Barça-Trainer kann man nicht auf Lebenszeit sein", sagte er 2010. Man dürfe nur für kurze Zeitspannen unterschreiben, in denen man etwas erreichen müsse, "gemeinsam mit den Spielern, mit den Fans."

Das gelang ihm gleich in seiner ersten Saison in nie dagewesener Art und Weise. Guardiola gewann Meisterschaft, Champions League, den spanischen Pokal und Supercup sowie den Uefa-Supercup und die Club-Weltmeisterschaft. Dabei war es eine große Überraschung, dass er im Sommer 2008 den Trainerposten von Frank Rijkaard übernahm, und kein Star-Trainer. Guardiola hatte als Mittelfeldspieler bei Barcelona Erfolge gefeiert, galt im Team seines Lehrmeisters Johan Cruyff als Denker und Lenker. Vor seiner Beförderung trainierte er die zweite Mannschaft des FC Barcelona.

Der Niederländer Rijkaard hatte den Club 2005 nach sechs Jahren wieder zur Meisterschaft geführt, 2006 gelang der Champions-League-Triumph gegen den FC Arsenal. Es folgten zwei erfolglose Jahre. Die Club-Bosse waren weniger auf der Suche nach einem Trainer denn nach einem Fußball-Philosophen.

Zwar bildeten schon damals Andrés Iniesta, Xavi, Carles Puyol und Lionel Messi das Gerüst des Teams. Doch erst das Eigengewächs Guardiola ließ einen Fußball spielen, der die Welt staunen ließ. Kaum enden wollende Kurzpass-Stafetten, das sogenannte Tikitaka, bescherten Barça unter Guardiolas Regie regelmäßig über 70 Prozent Ballbesitz, Arsenals Trainer Arsène Wenger sprach von der "besten Mannschaft der Welt".

Insgesamt führte "Pep" den Verein zu zwei Erfolgen in der Champions League (2009, 2011), drei Meistertiteln (2009, 2010, 2011), dem Weltpokal (2009, 2011) und einem Sieg im spanischen Königspokal (2009). In dieser Saison jedoch ist die Meisterschaft außer Reichweite, spätestens seit der Niederlage im Clásico gegen Tabellenführer und Erzrivale Real Madrid.

"Sobald ich das Feuer nicht mehr spüre, verabschiede ich mich"

Das Ausscheiden gegen den FC Chelsea in der Champions League gilt als ausschlaggebend für Guardiolas Entscheidung. "Dieses Spiel wird unsere Zukunft markieren", hatte der Coach vor dem Rückspiel gesagt. Wie schon in London rannte seine Mannschaft beim 2:2 in Barcelona 90 Minuten lang gegen die englische Abwehrmauer an, allein die Kreativität, das gewisse Extra, das den FC Barcelona unter Guardiola so ausgezeichnet hatte, fehlte.

Es zeichnet den Trainer aus, dass er dies erkennt und die Konsequenzen zieht. "Wir müssen in den nächsten Tagen untersuchen, was wir falsch gemacht haben", hatte Guardiola nach dem Spiel gesagt. Nicht ausgeschlossen, dass er die Gründe vor allem bei sich selbst sieht. "Vier Jahre als Trainer bei Barça sind eine Ewigkeit", sagte er am Freitag: "Es waren vier Jahre mit großer Belastung, die an die Substanz gegangen sind."

Zuletzt war in der spanischen Presse erstmals von Rissen zwischen Team und Trainer die Rede, von einer Maulwurfsaffäre, bei der taktische Anweisungen nach außen gelangten, von internem Neid dem Weltfußballer Messi gegenüber. Im Vergleich zu anderen Mannschaften mag all dies harmlos wirken. Doch in der sonst so um heile Welt bemühten Barça-Familie sind selbst solche Lapalien schon außergewöhnlich.

"Sobald ich das Feuer nicht mehr spüre, gehe ich zum Präsidenten, um mich zu verabschieden, aber bis dahin lebe ich den Job kompromisslos", hatte Guardiola kurz nach seinem Amtsantritt gesagt. Nun ist der Zeitpunkt gekommen.

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1.
axelkli 27.04.2012
Der Mann ist erst 41 und hat bereits alles erreicht, was man als Trainer auf Clubebene erreichen kann. Und seine Trainerkarriere hat erst gerade erst begonnen. Er kann der legendärste Trainer aller Zeiten werden.
2.
FRWBonn 27.04.2012
Diese Einstellung ("wenn das Feuer nicht mehr brennt, wird es Zeit, zu gehen") wünscht man sich bei anderen Lenkern auch, beispielsweise in der Industrie, im Finanzwesen - oder: in der Politik. Hut ab, Herr Guardiola !
3.
Einweckglas 27.04.2012
Mir persönlich machte das Schauen der Tikataka-Spielweise Barcas eh nie Spass. Danke Chelsea, danke Real Madrid. Nun bin ich fast geneigt, auf einen Sieg des Rayo Vallecano gegen Barca diesen Sonntag zu wetten! ;-)
4.
emden09 27.04.2012
.... mit der Milliardentruppe, Steuergeschenken des spanischen Pleitestaates und keinerlei Respekt vor Financial Fairplay hätte wohl fast jeder Kreisligatrainer 12 der 13 Titel geholt. Interessant wird m.E. Ihre nächste Station.
5.
alkmene 27.04.2012
Zitat von EinweckglasMir persönlich machte das Schauen der Tikataka-Spielweise Barcas eh nie Spass.
Da sind wir aber die beiden Einzigen auf der Welt. ;-)
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