Trainer Roger Schmidt Ein Mann wie Leverkusen

Das Bild von Bayer Leverkusens Trainer Roger Schmidt hat sich in den vergangenen Monaten stark verändert. Einige werfen ihm Arroganz vor, andere bewundern seine Haltung. Eine Annäherung.

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Wenn Roger Schmidt lächelt, wachsen rechts und links seiner Augen tiefe Krähenfüße. Lachfalten dieser Art lassen auf das Wesen eines Menschen schließen, sagen Wissenschaftler, denn man kann seine Physiognomie nicht manipulieren. Demnach verfügt der Trainer von Bayer Leverkusen über ein heiteres Gemüt. Verstärkt durch seine sanfte, meist freundliche Stimme entsteht das Bild eines Mannes, der Herzen erobern kann.

Schmidt hat Herzen erobert, als er im vorigen Sommer von Red Bull Salzburg nach Leverkusen wechselte. Doch mittlerweile gibt es Menschen, die ihn als "herablassend" ("Kölner Stadtanzeiger") bezeichnen, "manche halten ihn für arrogant und eitel", schrieb die "Süddeutsche Zeitung". Das Ansehen des 47-Jährigen hat sich gewandelt. Warum?

Schmidt ist schwierig. Allzu emotionale gegnerische Trainer machen ihn ebenso wütend wie kritische Fragen von Journalisten. Sobald äußere Kräfte sein Projekt bedrohen, reagiert er wie eine Löwenmutter, die ihre Welpen beschützt: entschlossen und irrational.

Kritik nährt Zweifel, erst recht wenn sie fundiert ist, und Zweifel sind Gift für Schmidts fußballerisches Konzept. "Wir brauchen für unsere Spielweise sehr viel Überzeugung, insbesondere die Spieler brauchen Glauben", sagt der Trainer. Leverkusens Vorwärtsverteidigung erfordere, "dass wir immer alles reinhauen. Es gibt wenige Ruhephasen". Er habe seiner Mannschaft bestimmte Verhaltensmuster gelehrt, an denen alle Spieler beteiligt sind, erklärte Schmidt jüngst im ZDF-Interview, "nicht nur ballnah, sondern in jeder Spielsituation".

Diese Spielweise ist Schmidts Erfindung, sein Markenkern

"Er ist von seinem Konzept überzeugt, und wenn das ein bisschen infrage gestellt wird, dann kann er auch mal zornig werden", sagt Rudi Völler, Leverkusens Sportchef. Schmidt war sein Wunschtrainer, und mit Hakan Calhanoglu, Heung-Min Son und Kaim Bellarabi stellte er diesem einen Wunschangriff zur Verfügung.

In der Anfangsphase berauschten Schmidt und Bayer sich aneinander und sie steckten die ganze Bundesliga an: Das so aufsehenerregende wie riskante Überfallspiel Leverkusens war eine willkommene Abwechslung. Schmidt hat den Stil der Mannschaft stark verändert, und genau dafür hatte Völler ihn geholt. Nach etlichen Trainer- und Philosophiewechseln soll Schmidt dem Verein endlich wieder eine Identität geben.

Doch um einem etablierten Bundesligisten wie Leverkusen ein neues Gesicht zu verpassen, reicht es nicht, den Spielern gut zuzureden. Es bedarf Konsequenz und weniger Kompromisse. "Man muss als Trainer selbst total überzeugt sein, um auch die Spieler von einer etwas anderen Spielweise zu überzeugen", sagt Schmidt. So trat und tritt der Trainer in Leverkusen auf, und damit so manchem auf die Füße.

Beobachter, die nahe an der Mannschaft sind, bestätigen, dass Schmidt keine andere Meinung als seine eigene gelten lasse, er schaue nicht nach rechts oder links. Kölns Trainer Peter Stöger hat das selbst erlebt nach dem 5:1-Sieg der Leverkusener: "So könnte ich nicht Fußball spielen, wie Köln heute gespielt hat. Dann wäre ich kein Trainer", sagte Schmidt damals.

Spieler klagen über hohe Belastung

Dass auch seine Mannschaft mitunter sehr pragmatisch und mäßig unterhaltsam auf Ergebnis spielt, wie gerade erst gegen den SC Freiburg, scheint er in solchen Momenten zu vergessen.

Es soll Fußballer in Leverkusen geben, die sich über die hohe Belastung beklagen. Ein früherer Spieler aus Schmidts Zeiten als Oberligatrainer sagt: "Er war ein guter Trainer. Aber ein anstrengender."

Michael Born ist Sportdirektor beim SC Paderborn, er hat ein Jahr mit Schmidt zusammengearbeitet. "Natürlich bekamen wir das ab und zu von den Spielern zu hören. Aber das ist normal", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Roger hat eine genaue Vorstellung davon, wie er Fußball spielen lassen will und dafür muss jeder auf dem Platz vollen Einsatz zeigen."

Schmidt ist als Trainer erfolgreicher, als er es als Spieler je war. Er, der geboren und aufgewachsen ist in der sauerländischen Kleinstadt Kierspe, hat früher keine Meisterschaften gewonnen oder Pokale, er hat lediglich seine Idee von Fußball. Er verteidigt sie mit aller Kraft.

Nur so ist er überhaupt so weit gekommen, eigentlich wollte Schmidt gar kein Trainer werden. Er machte eine Lehre zum Werkzeugmechaniker, studierte Maschinenbau und arbeitete acht Jahre lang als Ingenieur. 2004 übernahm er den Delbrücker SC, jene Mannschaft, mit der er bis zuletzt selbst in der Verbandsliga gekickt hatte. Sie stiegen in die Oberliga auf, und 2007 wurde Schmidt von Preußen Münster umworben. Er stand vor der Wahl: Ingenieur mit Fußballhobby oder Vollzeittrainer? Schmidt entschied sich für den Fußball.

Erinnerungen an Labbadia

Gemeinsam mit Markus Gisdol, Tayfun Korkut, Markus Weinzierl und Sascha Lewandowski absolvierte Schmidt 2011 den DFB-Fußballlehrerlehrgang, er ging für eine Saison zum SC Paderborn und von dort nach Salzburg. 2014 wurde er österreichischer Meister und Pokalsieger.

Bis zu seinem ersten Bundesliga-Job hat man Schmidt immer machen lassen, mit Leverkusen hält er es nicht anders. Er zieht seine Linie durch und eckt auch intern an. Seit Jahren heißt es in Leverkusen, die Champions League sei schönes Beiwerk, Fußball-Kür. Diese Haltung gilt als Grund dafür, dass Bayer zwar immer oben mitspielt, aber nie etwas gewinnt. Schmidt kann damit nichts anfangen.

"Wenn man Sportler ist und dann nicht alles gibt, um in einem Wettbewerb wie der Champions League drinnen zu bleiben, dann kann ich das nicht verstehen", sagte er nach dem 1:0-Sieg gegen Atlético Madrid. Er wendet sich damit auch gegen eine Leverkusener Attitüde, die der ehemalige Trainer Bruno Labbadia einst als "Komfortzone" bezeichnet hatte.

Labbadia ist in Leverkusen ziemlich spektakulär gescheitert, unter anderem wegen seiner Sturheit und seinem Mangel an diplomatischem Geschick. Rudi Völler erinnert sich daran noch gut, auch deshalb stellte sich der Sportdirektor zuletzt demonstrativ vor Schmidt. Er will Ruhe - und sich nicht schon wieder nach einem Neuen umsehen müssen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
harald_haraldson 03.03.2015
1. Dieser Mensch
sieht mit seiner auf jugendlich getrimmten, hinter die Ohren geklemmten öligen Pomadenfrisur aus, wie einer der irgendwie aus der Zeit gefallen ist, aber nicht wie ein seriöser Fußballtrainer.
ginotico 03.03.2015
2.
Mir ist sein Charakter erst mal egal. Schön ist, dass es durch ihn eine Mannschaft mehr in der Bundesliga gibt, die ansehnlichen Fussball spielt.
kajoter 03.03.2015
3.
Sehr arrogant und impulsiv. Etwas wie gelassene Objektivität ist seine Sache überhaupt nicht. Zusammen mit Völler sicherlich das unsympathischste Bundesliga-Gespann.
blabliblupp 03.03.2015
4. Schmidt
Ist, rein optisch, der verschollene jüngere Bruder von Ch. Daum. Es scheint noch mehr Parallelen zu geben......
MitgliedneuerGruppe 03.03.2015
5. R. Schmidt
Der Artikel arbeitet es gut heraus. Der Mann hat seinen Plan von Fussball und den setzt er durch. Dieser Plan ist zurzeit im aktuellen Taktiktrend und man kann förmlich mitansehen, wie die Mannschaft seine Vorgaben wöchentlich immer besser umsetzt, auch wenn die Ergebnisse noch nicht so stimmen, wie man es sich vorgestellt hat. Ich hoffe Völler, Schade und das Leverkusener Umfeld bewahren die Ruhe und lassen ihn arbeiten. Dann bin ich gespannt, wo die Reise von Bayer 04 endet. Das könnte (!) nächstes Jahr wirklich gut werden. Ich bin gespannt. Auf jeden Fall eine Bereicherung der Bundesliga, auch wenn er in manchen medialen Situationen lieber die Klappe hätte halten sollen.
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