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Traineransichten: Daum-Äußerungen verärgern Homosexuelle

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Sein Rettungsversuch kommt zu spät: Christoph Daums Äußerungen über Homosexuelle sorgen nicht nur in der schwul-lesbischen Fußballszene für Entrüstung. Mit seiner Entgleisung erschwert Kölns Trainer den Kampf des DFB gegen Homophobie im Sport.

Man braucht viel guten Willen, um aus den Daumschen Worten etwas anderes herauszulesen als eine völlig verquere Gleichsetzung von Homosexualität und pädophilen Übergriffen. Dementsprechend hoch schlagen jetzt die Wogen der Empörung.

Auf die Erfordernisse der Jugendarbeit in den Fußballvereinen angesprochen, hatte Christoph Daum dem Deutschen Sportfernsehen (DSF) gesagt: "Da wird es sehr deutlich, wie sehr wir dort aufgefordert sind, gegen jegliche Bestrebungen, die da gleichgeschlechtlich ausgeprägt sind, vorzugehen." Doch damit nicht genug. In der Dokumentation, die das DSF am kommenden Mittwoch ausstrahlt, führt er aus: "Gerade den uns anvertrauten Jugendlichen müssen wir mit einem so großen Verantwortungsbewusstsein entgegentreten, dass gerade die, die sich um diese Kinder kümmern, dass wir denen einen besonderen Schutz zukommen lassen."

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Das sind Sätze, wie sie holpriger kaum sein könnten, und ihr Inhalt wirkt reichlich unüberlegt. Mit viel Wohlwollen könnte man annehmen, Daum und seine schiefe Formulierung seien schlicht falsch verstanden worden, doch die weiteren Ausführungen lassen keinen Zweifel an der zwanghaften Verlinkung von Homosexualität und Gewalt, die in der Daumschen Gedankenwelt zu existieren scheint. "Ich hätte da wirklich meine Bedenken, wenn dort von Theo Zwanziger irgendwelche Liberalisierungsgedanken einfließen sollten. Ich würde den Schutz der Kinder über jegliche Liberalisierung stellen", sagt Daum. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE war die Pressestelle des Vereins am Sonntag für keine Stellungnahme zu erreichen.

In einer Presseerklärung des Fanclubs Andersrum Rut-Wieß geht man hart mit Daum ins Gericht: "Es ist für uns verletzend, wenn lesbische und schwule Lebensweisen in den Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen gestellt werden. Dieser Vergleich stellt eine unerträgliche Kriminalisierung unserer Lebensweisen dar." Fanclub-Sprecher Andreas Stiene ergänzt: "Den Eindruck zu erwecken, dass Homosexuelle latent pädophile Kinderschänder wären, das ist schon echt ein starkes Stück."

Stiene war auch an der Organisation des Aktionsabends gegen Homophobie beteiligt, der am vergangenen Freitag mit Unterstützung des FC in Köln stattgefunden hat. Dort hätten sich der Fanbeauftragte Rainer Mendel und FC-Geschäftsführer Claus Horstmann von den Äußerungen Daums distanziert, berichtet der Fanclub-Sprecher. Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, ist zugegen gewesen, und natürlich sind die jüngsten Entgleisungen des Christoph Daum dort eingeschlagen wie eine Bombe.

Zwanziger will den Kampf gegen die Diskriminierung homosexueller Sportler zur Chefsache machen. "Der organisierte Fußball wird dazu beitragen, dass das Problem thematisiert wird", erklärte er am Freitag in Köln. Bei der Bekämpfung des Fremdenhasses in den Stadien und auch im Alltag des Breitensports werden erste Erfolge vermeldet, nun soll die Homophobie angegangen werden.

Doch Daum mag da nicht mitmachen. Selbst ein eilig publizierter Erklärungsversuch des 54-Jährigen enthält die Verbindung von Gewalt und Homosexualität. "Ich bin ein toleranter und liberaler Mensch", erklärt er in einer Pressemitteilung des 1. FC Köln, um zwei Sätze später anzufügen: "Kinder müssen vor der Gewalt und sexuellen Übergriffen, ganz gleich ob von Homo- oder Heterosexuellen geschützt werden." Grünen-Politiker Volker Beck bezeichnet die Aussagen Daums in der Dokumentation als "unerträglich", und auf der Internet-Plattform queer.de heißt es, Daum glaube "noch an die Legende vom schmutzigen Schwulen, der Kindern an die Wäsche will".

Fanclub-Sprecher Stiene hält es durchaus für denkbar, dass der FC-Trainer einfach etwas durcheinander gebracht hat. "Vielleicht sind die Begriffe pädophil und homophob ein bisschen verwirrend für ihn", sagt er mit dem Wohlwollen eines Fans. "Der FC hat uns zugesichert, dass es bald einen Gesprächstermin zwischen uns und Christoph Daum geben wird. Wir wollen ihm die Möglichkeit geben, uns zu erklären, wie er das wirklich gemeint hat."

Auch Theo Zwanziger erklärte dem "Express" nach einem Telefonat mit dem polarisierenden Kölner: "Wie Daum es gesagt hat, kann man es nicht verstehen. Er hat es so aber nicht gemeint." Das klingt jedoch mehr nach Diplomatie als nach echtem Einvernehmen.

In Köln wird nun eifrig gerätselt, was Daum zu diesen merkwürdigen Aussagen getrieben hat. Es kursiert die Theorie, dass er zum Zeitpunkt des Interviews fest davon ausging, bei der Ausstrahlung der Sendung nicht mehr in Köln, Deutschlands heimlicher Hauptstadt der Schwulen und Lesben, zu arbeiten, und deshalb kein Blatt vor den Mund nahm. Doch weil er hier geliebt wird wie nirgends sonst, und über seine Nähe zum "Express" weiterhin ein buntes Boulevardthema geblieben wäre, ist das eher unwahrscheinlich. Und wenn es sich wirklich um ein Missverständnis handeln würde, dann hätte die Klarstellung eindeutiger und weniger lieblos formuliert sein müssen. Wahrscheinlicher scheint, dass Daum tatsächlich kein Freund homosexueller Lebensentwürfe ist. Und er ist noch nicht einmal sensibel genug, das in dieser Stadt mit ihrem tief im kulturellen Alltag verwurzelten Club für sich zu behalten.

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