Trainerfuchs Dettmar Cramer Napoleon auf Weltreise

In rund 90 Ländern hat Dettmar Cramer Talente gesichtet, Schiedsrichter geschult und als Trainer gearbeitet. En passant wurde er Indianerhäuptling und Ehrenprofessor. Auch mit über 80 Jahren gibt der ehemalige Bayern-Coach keine Ruhe.

Von Boris Herrmann


Bayern-Coach Cramer (1976): "Fußball ist ein Spiel aus Raum und Zeit"
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Bayern-Coach Cramer (1976): "Fußball ist ein Spiel aus Raum und Zeit"

Dettmar Cramer war nicht zu beneiden, als er im Januar 1975 seinen Dienst beim FC Bayern antrat. Zu sagen, der neue Trainer sei kühl begrüßt worden, wäre nicht ganz korrekt. Er wurde verspottet. Torwart Sepp Maier nannte ihn den "laufenden Meter", Präsident Wilhelm Neudecker gebrauchte für den 1,65 Meter großen Cramer die Formulierung "der kloane Furz".

Beim FC Bayern wird man nur akzeptiert, wenn man Titel holt. Das wusste auch Cramer und holte drei: zweimal nacheinander den Europapokal der Landesmeister und einmal den Weltpokal. Seine heutige Anerkennung im Verein erklärt sich zum einen durch Pokale, zum anderen durch die exotischen Trainingsmethoden, die er an der Säbener Straße einführte.

Vorgänger Udo Lattek hatte ihm ein großspuriges Ensemble hinterlassen, das mit Titeln bereits überfüttert war und zufrieden wie ein satter Säugling durch die Bundesliga kroch. Den Ton gaben die Weltmeister Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier an, allesamt im Herbst ihrer Karriere. Wenn sich Cramer heute an die Münchner Zeit erinnert, erzählt er nur am Rande von den Beckenbauers, Müllers und Maiers.

Seine Aufmerksamkeit richtete sich damals wie heute auf einen nervösen, blonden Mitläufer aus Lippstadt, der gerade erst der Spät-Pubertät entwachsen war. "Der konnte alles umspielen, den Gegner zweimal, sich selbst und die Eckfahne. Aber seine Kopfballversuche und sein Passspiel waren eine Katastrophe", sagt Cramer. Niemand hätte dem Blonden eine ruhmreiche Zukunft auf dem Rasen prophezeit, doch Cramers Bauchgefühl meldete damals: Das wird einer.

Cramer reiste nach Westfalen und bearbeitete die besorgten Eltern so lange, bis sie einsahen, dass ihr Zögling seine Banklehre abbrechen müsse. Cramer verpflichtete sich im Gegenzug, aus ihm einen großen Fußballer zu machen. Zurück in München machte er sich sogleich mit aller Kraft daran, den Rohdiamanten zurecht zu schleifen. Er sagte: "Ich trete dir so lange in den Arsch, bis du Nationalspieler wirst." Karl-Heinz Rummenigge trug später über 50 Mal die Kapitänsbinde für Deutschland.

Seine Zeit beim FC Bayern beschreibt Cramer als "meine schönsten Jahre". Dennoch ist seine zweijährige Amtszeit in München nur ein Kapitel in einem Roman, der "In 80 Jahren um die Welt" heißen müsste. Binnen zwei Stunden zeichnet er sein Leben nach. Es ist eine kleine Weltgeschichte des Fußballs. Zwangsläufig muss man an einen Ausspruch von Cramers ehemaliger Frau Anne-Marie denken: "Er redet über Fußball, bis der letzte Mann am Boden liegt."

Bisweilen legt sich Cramer, der im April 80 Jahre alt wurde, beim Erzählen sogar selbst auf den Boden. "Die besten Verteidiger sind Meister der Täuschung. Sie bieten den Stürmern eine Seite an und lassen sie in die Falle laufen. Horst Szymaniak war so einer. Der konnte hinterm Standbein dem Gegner den Ball abluchsen", sagt Cramer. Dann springt er auf und führt im Wohnzimmer seines Hauses in Reit im Winkel eine blitzsaubere Szymaniak-Grätsche vor.

Bundestrainer Herberger (2.v.r.): "Wäre mit in die Grube gefallen, wenn ich zur Beerdigung gegangen wäre"
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Bundestrainer Herberger (2.v.r.): "Wäre mit in die Grube gefallen, wenn ich zur Beerdigung gegangen wäre"

"Fußball ist ein Spiel aus Raum und Zeit", sagt er. Für solche Sätze bekam er schon vor Jahrzehnten den Spitznamen "Fußball-Professor". Noch häufiger wurde er "Napoleon" gerufen, weil er sich von Beckenbauers früherer Freundin Diana Sandmann in Feldherrenmontur hatte ablichten lassen. Cramer: "Die hat so lange geflötet, bis ich ja gesagt habe." Die Bilder seien gegen seinen Willen quer durch die Republik gereicht worden. Der Name "Napoleon", findet Cramer, entspreche überhaupt nicht seinem Charakter.

Dass man ihn auch "Professor" nannte, störte ihn dagegen nie. Neben dem Bundesverdienstkreuz und der Ernennung zum Häuptling der Mohikaner und Sioux, besitzt Cramer auch zwei Titel als Ehrenprofessor. Er agierte als Ghostwriter für Sepp Herberger, schrieb eigene Bücher und lernte die lateinischen Bezeichnungen aller Oberschenkelmuskeln auswendig. "Am Ende haben wir alle das Abitur, aber keine Punkte", hatte Bayern-Präsident Neudecker kurz nach Cramers Dienstantritt in München geklagt.

Erst als Cramer seiner pastoralen Vortragsweise auch internationale Titel folgen ließ, gab Neudecker Ruhe. "Damals hat man sich eben suspekt gemacht, wenn man drei gerade Sätze am Stück formulieren konnte", sagt Cramer heute. Meistens setzte Dettmar Cramer seine Rhetorik ein, um von Disziplin predigen. In seiner Terminologie heißt das: "Schnaps ist Schnaps und Dienst ist Dienst."

Coach Cramer (r.) und Torwart Maier: Exotische Trainingsmethoden an der Säbener Straße
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Coach Cramer (r.) und Torwart Maier: Exotische Trainingsmethoden an der Säbener Straße

Cramer spielte den Trauzeugen für Beckenbauer und machte ihn tags darauf vor versammelter Mannschaft zur Schnecke, weil er den Mannschaftsbus aufgrund eines Interviews hatte warten lassen. Ein einziges Mal hob Cramer die Trennung von Schnaps und Dienst auf. Vor dem Europapokalfinale 1976 in Glasgow verabreichte er Rummenigge zwei Gläser Cognac zur Beruhigung.

Er erzählt gerne von Rummenigge, aber noch lieber von Herberger. Wenn Rummenigge so etwas wie sein Sohn war, dann war Herberger sein Vater. Der Bundestrainer holte ihn 1949 als Talentspäher zum Westdeutschen Fußballverband und machte ihn kurz darauf zum Assistenten in der Nationalmannschaft. Herberger war für das große Ganze zuständig, Cramer kümmerte sich um den Kleinkram. 15 Jahre lang arbeiteten beide eng zusammen. Seite an Seite erlebten sie die Weltmeisterschaft in der Schweiz, bauten ein neues Team für die WM 1958 in Schweden auf und blamierten sich vier Jahre später in Chile.

Wenn Cramer Sätze sagt wie "Der springende Punkt ist der Ball", dann merkt man, dass auch die Rhetorik seines Ziehvaters auf ihn abgefärbt hat. Er steht auf und nimmt ein großes gerahmtes Bild von der Wand. Ein Porträt Herbergers, handsigniert. "Meinem Freund Dettmar", steht darauf. Die Bindung war so eng, dass es Cramer nicht ertragen konnte, der Beerdigung "vom Seppel" beizuwohnen. "Seine Frau nahm mir das damals übel. Aber ich wäre mit in die Grube gefallen, wenn ich hingegangen wäre", sagt er.

Bayern-Profi Beckenbauer (1974, mit WM-Pokal): Trainer Cramer als Trauzeuge
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Bayern-Profi Beckenbauer (1974, mit WM-Pokal): Trainer Cramer als Trauzeuge

Rückblickend wundert es fast, dass Herberger Cramer nicht zu seinem Thronfolger gemacht hatte. Herberger hatte sich für Helmut Schön entschieden, und Cramer nahm es mit Fassung. "Das ist alles korrekt gelaufen. Es gab damals klare Absprachen", sagt er. Cramer hatte auch so genug zu tun. Er wurde Trainer des japanischen Nationalteams und gewann mit ihr bei Olympia 1968 Bronze. Kaiser Hirohito persönlich verlieh ihm daraufhin den höchsten Kulturorden seines Landes.

Aber Cramer hielt es nicht in Japan. Als Fifa-Coach reiste er durch die Welt und überbrachte die frohe Botschaft von Schnaps ist Schnaps und Dienst ist Dienst. "Ich habe in ganz Asien trainiert, in 25 afrikanischen Ländern, aber auch in Moskau und Belfast", sagt er. Insgesamt bildete Cramer in 90 Ländern Spieler, Übungsleiter und Schiedsrichter aus.

"Absprünge sind mir nie schwer gefallen", sagt Cramer. Er geht zum Fenster und blickt über Reit im Winkl. Dann zeigt er auf einen Hügel: "Dort bin ich das letzte Mal vor fünf Jahren abgesprungen." Auf dem Rücken hatte er einen Paragliding-Schirm. Gewiss, Cramer würde immer noch durch die Lüfte fliegen, wenn ihn nicht Knieprobleme an einer sauberen Landung hindern würden. "80 Jahre fühlen sich auch nicht anders an als 60", sagt er.

Er kann so etwas behaupten, weil er die Disziplin, die er immer von seinen Spielern einforderte, auch stets sich selbst abverlangte. Noch heute steht er jeden Morgen um halb sechs auf und geht eine Stunde in den hauseigenen Kraftraum. Er tippelt auf der Stelle, hantiert mit Gewichten oder hängt sich zum Bauchtraining an die Sprossenwand. Warum er sich das antut? Weil er trotz vieler geglückter Absprünge den einen verpasst hat: Cramer ist und bleibt Trainer, auch ohne Mannschaft.



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