Trainerwechsel in Berlin Hertha geht's nicht

Trainer Skibbe darf bei Hertha BSC nach nur fünf Spielen schon wieder gehen, die Mannschaft zuckt da nur mit den Achseln. In Berlin ist alles aus dem Lot geraten, der Club trudelt Richtung Abstieg - es ist das Ergebnis eines chaotischen Managements.

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Kapitän André Mijatovic hat den sportlichen Nachruf auf Michael Skibbe verfasst. Es ist nur ein Satz, und der heißt: "So ist eben das Geschäft." Skibbe hat als Trainer von Hertha BSC Berlin fünf Pflichtspiele absolviert, er hat sie alle verloren, zuweilen unglücklich, zuweilen hochverdient. Jetzt muss er schon wieder gehen. So ist nun einmal das Business. Achselzucken.

Tatsächlich? Im Februar 2010 hat Mirko Slomka sein Traineramt bei Hannover 96 angetreten. Die damalige Situation bei dem Bundesligisten war noch bedrohlicher als die jetzige in Berlin. Der Club stand komplett unter dem Eindruck des Todes von Torwart Robert Enke, er war gefangen in einer Schockstarre, unfähig, sich aufs Sportliche zu konzentrieren. Slomka begann mit sechs Niederlagen nacheinander, der Verein hielt ihm die Treue, im Folgejahr belegte das Team mit Rang vier den besten Platz in seiner Bundesliga-Geschichte.

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Skibbe und Slomka sind nicht zu vergleichen, die Ausnahmesituation in Hannover hatte etwas Einmaliges. Dennoch: Zuweilen lohnt sich Geduld, es gibt auch im Fußball so etwas wie Nachhaltigkeit. Man hat nicht das Gefühl, dass sich das bis in die Hauptstadt herumgesprochen hat.

Manager räumt "Fehleinschätzung" ein

Skibbe überhaupt zu engagieren, war augenscheinlich ein gewaltiger Fehler von Sportdirektor Michael Preetz, mindestens sein zweiter großer Lapsus nach der frühzeitigen Trennung von Coach Lucien Favre und der Verpflichtung Friedhelm Funkels in der Abstiegssaison 2009/2010. Sowohl mit Favre als auch mit Markus Babbel, der im Dezember gehen musste, hat es am Ende menschlich nicht mehr gepasst. Preetz darf gefragt werden, ob das immer nur an den jeweiligen Trainern lag.

Der Manager selbst hat am Sonntag eingeräumt, die Skibbe-Verpflichtung sei eine "Fehleinschätzung" gewesen, dies sei auch "meine Verantwortung", hat er hinzugefügt. Konsequenzen für den eigenen Job schloss er allerdings aus: "Ich bin a) ein Kämpfer, der b) nicht wegläuft. Und c) macht es ja auch nicht jeder, Fehler einzugestehen." Irgendwann wird es allerdings nicht mehr reichen, Fehler zuzugeben. Besser wäre es zweifellos, sie erst gar nicht zu machen.

Nach fünf Spielen entlässt man normalerweise keinen Trainer. Einem Management ist zuzutrauen, dass es sich vorher in Gesprächen davon überzeugt hat, ob der zur Verfügung stehende Kandidat einigermaßen zum Club und zur Mannschaft passt oder nicht. Wer nach knapp zwei Monaten merkt, dass die Trainer-Verpflichtung ein Missverständnis war, der hat bei der Personalauswahl schlicht versagt. Dass es genug Stimmen gab, die die Verpflichtung Skibbes von vornherein skeptisch kommentiert haben, kommt dazu.

Skibbe wird es bei der Vereinssuche schwer haben

Der 46 Jahre alte Fußballtrainer hat somit jetzt eine weitere Station des Scheiterns hinter sich: nach Dortmund, nach Leverkusen, nach Frankfurt ohnehin. Skibbe wird künftig zu den schwierig zu vermittelnden Trainern in der Bundesliga gehören. Für ihn und seine Karriereplanung war das Engagement in Berlin ein Desaster in eigener Sache.

Hertha hat jetzt zehn sieglose Bundesligaspiele hinter sich, der Club wird innerhalb von drei Monaten den vierten verantwortlichen Trainer haben, das sind alles Ingredienzen, die gemeinhin für einen Absteiger sprechen. Noch steht Hertha über dem Strich, hat mit Kaiserslautern, Augsburg und Freiburg noch drei Teams hinter sich. Letztlich kann es für den Rest der Spielzeit nur noch darum gehen, diesen Tabellenstand möglichst zu konservieren. Und dann einen Neuanfang zu probieren.

Der kann wahrscheinlich nur mit einem neuen Management geschehen. Preetz hat es in Berlin nie leicht gehabt. In den ersten Jahren im Management stand er jahrelang im Schatten des allmächtigen Dieter Hoeneß, der ihn bestenfalls wie einen Assistenten, zuweilen wie einen Auszubildenden behandelte. Nach dessen Abgang hatte Preetz in Eigenverantwortung gleich den sportlichen Absturz bis in die zweite Liga zu begleiten. Bereits da machte der frühere Torjäger der Hertha in der Außendarstellung einen denkbar unglücklichen Eindruck.

Schwächen im Umgang mit den Trainern

Nach innen hin hat Preetz viel getan, um nach den autokratischen Hoeneß-Jahren im Verein ein Klima zu schaffen, in dem wieder kommuniziert wird, in dem auch mal offen diskutiert werden darf. Das ist in jedem Fall ein Verdienst des Managers. Hoeneß führte den Verein mehr als ein Jahrzehnt lang ungefähr so wie Helmut Kohl die CDU, Widerspruch war relativ zwecklos und wurde irgendwann auch nicht mehr geäußert. All das hat sich unter Preetz geändert. Der Umgang mit den Trainern gehört allerdings nicht zu den Stärken des Sportdirektors.

Mit Favre und Babbel besaß die Hertha zwei unbestrittene Fachleute. Beide waren auf unterschiedliche Weise im Miteinander allerdings mindestens unbequem. Man kann es auch schwierig nennen. So etwas frühzeitig zu erkennen, zu moderieren, Konflikte bereits im Entstehen aus der Welt zu schaffen - das hat Hertha bei beiden Coaches nicht geschafft. Es wird nicht leicht sein, jetzt noch jemanden mit Ambitionen zu überzeugen, das Traineramt in Berlin zu übernehmen.

Nach Favre kam Funkel, der letztlich nicht mehr war als ein Notnagel. Nach Babbel kam Skibbe, für den das noch viel mehr galt. Bei Menschen von Fehlgriffen zu sprechen, ist fahrlässig. Aber rein sportlich ist Preetz nun der zweite Trainer-Fehlgriff unterlaufen. Einen dritten sollte er sich nicht erlauben.

Möglicherweise entscheidet sich das Bundesliga-Schicksal der Hertha erst am letzten Spieltag dieser Saison. Dann kommt 1899 Hoffenheim ins Olympiastadion. Mit dem Trainer Markus Babbel.

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insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
paretooptimal 12.02.2012
1. Versagen der Manager!
Vielleicht sollten die Manager auch gleich ihren Hut nehmen.
hador2 12.02.2012
2.
---Zitat von SPON--- Konsequenzen für den eigenen Job schloss er allerdings aus: "Ich bin a) ein Kämpfer, der b) nicht wegläuft. Und c) macht es ja auch nicht jeder, Fehler einzugestehen." ---Zitatende--- Wann immer solche Sätze fallen sollten bei jedem Beteiligten die Alarmglocken schrillen. Im Prinzip heißt das nämlich nichts weiter als: "Ich zieh mein Ding durch obs euch passt oder nicht!"
Haligalli 12.02.2012
3. Manager Preetz ist eine Katastrophe
Nichts sehen - nichts hören - nichts verstehen. So viel Unfug wie Preetz in den letzten Wochen und Monaten von sich gegeben hat, ist nicht mehr zum Aushalten. Er sei ein Kämpfer - er werde nicht weg laufen. Wie der Bundespräsident! Es ist zum Kotzen hier in der Metropole Berlinale. Wo will er auch hin - der Preetz? Freiwillig wird dieser Mensch keine Stelle als Manager in der Fußball Welt bekommen. Jeder B-Klassenversein schaut sich seine Führungsriege besser an - als Hertha. Schon unter Hoenes war doch klar, welche menschlichen Schwächen Preetz hat. Und dass ihm Hirn fehlt, hat jeder, der ihn als Spieler irgend wann gesprochen hat, auch gewußt. Hertha kann gerettet werden - aber zu aller erst muß der Rauswurf des Managers geregelt werden.
puter73 12.02.2012
4. Stimmt...
Teffende Analyse der Hertha-Führungsprobleme. Wer kann als Trainer bei einem solchen Chaos-Verein auf Dauer überhaupt erfolgreich sein und den Hauptstadt-Club auf die Erfolgsspur bringen? Z.Zt gibt es wohl keinen, oder? Der autoritäre Alleinherrscher Hoeneß, der seinem erfolreichen Bayern-Bruder nicht annähernd das Wasser reichen kann u. auch in Wolfsburg gescheitert ist, hat sicher einen wesentlichen Anteil an der miserabelen Lage der Hertha.
passionsblume 12.02.2012
5. Ich wüsste nur einen,
der bei Hertha den Trainer-Job machen könnte. Das wäre der Lothar. Wenn der auch keine Lust hat, dann muss es halt der Preetz selbst machen.
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