Trainingsquartier "Hoch soll'n sie leben"

Mit einer Torte und einem niederländisch vorgetragenen Ständchen ist die deutsche Nationalmannschaft in ihrem EM-Quartier begrüßt worden. Gesprächsstoff Nummer eins war aber der lädierte Muskel von Lothar Matthäus.

Von Katrin Weber-Klüver


Lothar Matthäus: Mit Sonnenbrille, ohne Telefon
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Lothar Matthäus: Mit Sonnenbrille, ohne Telefon

Vaals - "Schön gelegen, inmitten der sanften Hügel der Ausläufer der Eifel und der Ardennen liegen Hotel & Schloss Vaalsbroek; eine Oase der Ruhe und Luxus." So steht es geschrieben im Werbeprospekt des niederländischen Landhotels in Vaals vis-à-vis von Aachen.

Zumindest mit der Ruhe ist es seit Donnerstag 13.50 Uhr vorbei. Eskortiert von fünf Motorradpolizisten fuhr da ein mit fröhlichen bunten Menschen bemalter Euro2000-Bus die Delegation des DFB aufs Gelände, bereits erwartet von ein paar Dutzend Touristen, einem weitaus größeren Medienpulk - und dem Personal der Anlage. Spalier stehend applaudierten die Damen und Herren, als die in ihre offiziellen grauen Ausgehanzüge gekleideten Spieler und Funktionäre aus dem Bus stiegen. Dann wurde noch eine Torte überreicht und ein niederländisches "Hoch soll'n sie leben" angestimmt. Offensichtlich galt das Ständchen dem Geburtstagkind Dariusz Wosz.

Artig lächelten die Spielern zum Empfang und verschwanden dann in ihrem Hoteltrakt, der fortan heiliges Terrain sein soll. Man möchte hier unter sich bleiben, kein Journalist soll in der Lobby hocken dürfen, um etwa die abendlichen Ausgehzeiten zu notieren oder über Besuche an der Bar Protokoll zu führen. Früher hat sowas immer mal wieder zu Verwicklungen geführt.

"Vaalsbroek vereinigt in sich den Glanz der Vergangenheit und den Komfort der Gegenwart mit allen Vorzügen." Das würde vermutlich Teamchef Erich Ribbeck auch gerne über seinen Kader und die Aussichten des Teams bei der Europameisterschaft sagen können. Nur leider zwackt es den Glanz der Vergangenheit namens Matthäus nach wie vor im Oberschenkel. Der akute Muskel der Nation, ein Nebenstrang desjenigen, der auf Mallorca malade wurde, hat bekanntlich in Freiburg wegen Arbeitsüberlastung "zugemacht". Und dieser Eigendiagnose von Matthäus ist nichts hinzuzufügen, denn "der Lothar kennt seinen Körper am besten, weil er der älteste Spieler ist", teilte Erich Ribbeck kurz nach der Ankunft in Vaals mit. Immerhin hatte sich der Rekordnationalspieler am Morgen vor dem Abflug bereits in der Lage gesehen, ein leichtes Joggingprogramm zu absolvieren. Außerdem war er auch kräftig genug, beim Einzug ins Hotel die allergrößte Tasche zu schultern. Natürlich trug er als einziger eine Sonnenbrille, überraschenderweise telefonierte er aber nicht.

Was den Muskel und seinen Träger anbelangt, muss man nunmehr "warten, was passiert", findet Ribbeck, der gleichwohl am Pfingstmontag beim Auftaktspiel gegen Rumänien auf angeschlagene Spieler nicht zurückzugreifen gedenkt. Allerdings möchte er auch noch nicht verraten, was er für Alternativen parat hat, falls es für Matthäus und den ebenfalls nach seiner Verletzungspause nicht fit anmutenden Jeremies nicht zu einem Einsatz reichen sollte. "Die wenigen Vorteile, die man hat, sollte man nicht verraten", verriet Ribbeck. Was wohl ungefähr heißt, dass der größte gegenwärtige Luxus der Nationalmannschaft der ist, dass sich wegen der Schwächen in der Defensive und des Überangebots in der Offensive die Gegner nicht werden ausrechnen können, welche Aufstellung sie erwartet.

"Diese geschmackvolle Komposition bildet eine pittoreske Einheit, die einen unwiderstehlichen Charme ausstrahlt." Um sich dieser Ausstrahlung des Quartiers als Mannschaft anzunähern, müssen sich jedenfalls die 22 Spieler am Freitag vormittag in geheimer Sitzung einem "Wettkampftraining" unterziehen. Ribbeck verspricht sich von diesem internen Testspiel weniger Hinweise für den Trainerstab als vielmehr welche für die Aktiven selbst: "Wenn einer ehrlich zu sich selbst ist, wird er vielleicht nach dem Spiel zu anderen Schlüssen kommen als vor dem Spiel."

Und wenn nicht, dann hilft vielleicht eine Aussprache im lauschigen Quartier. Denn das verspricht "kurzum: dieses reizvolle Ambiente ist ideal für Seminare, Sitzungen, Konferenzen". Im übrigen auch für "festliche Anlässe". Aber davon soll nun hier noch nicht die Rede sein.

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