TSG Hoffenheim Im Labor des schönen Fußballs

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70 Gegentore in 34 Spielen, nur der HSV hat noch mehr kassiert in der abgelaufenen Saison. 70 Gegentreffer sind die Bilanz eines Absteigers, einer Schießbude. Es ist die Bilanz der TSG Hoffenheim.

72 Treffer in 34 Spielen, nur Bayern und Dortmund haben mehr Tore geschossen in der abgelaufenen Saison. 72 Treffer sind Champions League. Auch das ist die Bilanz der TSG Hoffenheim.

Schießbude und Scharfschützen, Flop und Top: Der Club aus dem Kraichgau hat in dieser Saison die Extreme auf sich vereint. Auch wenn in der Abschlusstabelle nur der neunte Platz steht - Durchschnitt war Hoffenheim nicht, im Gegenteil: Der Verein hat diese Spielzeit geprägt wie vielleicht nur der FC Bayern München.

Vor einem Jahr war eine solche Saison ein ferner Traum. Der Verein hatte die sportliche Leitung ausgetauscht, Markus Gisdol als Trainer verpflichtet, Alexander Rosen zum Sportchef gemacht - und in Kauf genommen, in der zweiten Liga neu anzufangen. Was nicht geschah; der Club blieb in der ersten Liga.

Zudem hat die TSG 1899 Hoffenheim sich damals einen radikalen Wandel verordnet. Die Verantwortlichen um Geschäftsführer Peter Rettig versuchen, dem Club ein anderes Image zu geben. Es geht um Begriffe wie Glaubwürdigkeit, Emotion, Maßhalten, Innovation. Vor allem geht es um die richtigen Schlüsse aus der Vergangenheit - die TSG war einst ein revolutionäres Fußballprojekt und dann Sammelbecken überbezahlter Stars. Die Frage ist: Wohin geht der Club jetzt?

Hoffenheims Kader: Kommen und Gehen

SCHÖNER FUSSBALL

Peter Rettig, das erzählt er an diesem Frühlingstag freimütig, liebte als Kind Borussia Mönchengladbach. Rettig sitzt in der Kantine der TSG Hoffenheim und spricht darüber, wie er Gladbach-Fan wurde. "Es waren die Siebziger und die Mannschaft hat tollen Fußball gespielt. Es war einfach, Anhänger einer Mannschaft zu werden, die toll Fußball spielte." Bis heute ist Rettig dem Club vom Niederrhein treu geblieben, obwohl dieser zwischendurch für vieles stand, nur nicht für tollen Fußball.

Als Rettig noch nicht Geschäftsführer war, sondern Manager bei einem Brausekonzern, war sogar Platz für eine zweite Liebe. Der Mann aus dem westfälischen Bottrop verfiel 2008 dem Club, der gerade in die Bundesliga aufgestiegen war und zur Winterpause sensationell an der Tabellenspitze lag: 1899 Hoffenheim. "Die Mannschaft hat damals alles an die Wand gespielt", schwärmt Rettig, "das war neu, frisch, unglaublich, großartig, David gegen Goliath."

"Das war neu, frisch, unglaublich."

Peter Rettig über Hoffenheim anno 2008

Hoffenheim, ein Team furchtloser Namenloser um Vedad Ibisevic, Demba Ba oder Luiz Gustavo, spielte tollen Fußball, bot sogar den großen Bayern Paroli. Es war leicht, Hoffenheim-Fan zu werden, aber Rettig blieb es nicht, und wie ihm ging es vielen Fußballfans in Deutschland. Als die Rückrunde nur noch mäßig lief und die Saison darauf auch, erkaltete das Interesse. "Ein Club, der erst kurz im Profifußball dabei ist, muss gut Fußball spielen und begeistern, dann fliegen ihm die Herzen zu. Wenn er damit aufhört, ist er den Leuten egal", sagt Rettig heute.

Als Rettig im Februar 2013 ein Beratungsmandat in Hoffenheim übernahm, war der Club den meisten egal. Fünf Jahre nach dem Aufstieg begleiteten 300 Fans die Mannschaft zu Auswärtsfahrten, ein aufgeblähter 47-Mann-Kader um den vermeintlichen Startorwart Tim Wiese taumelte unter dem blassen Trainer Marco Kurz und dem farblosen Manager Andreas Müller Richtung zweite Liga, der Zuschauerschnitt in der Rhein-Neckar-Arena war auf ein historisches Tief gefallen. Schöner Fußball? Fehlanzeige.

Die Verpflichtung von Gisdol und Rosen im April 2013 hat sich im Nachhinein als richtige Wahl herausgestellt. Der Verein wirkt befreit, legte eine spektakuläre Saison hin. 6:2 gegen den VfL Wolfsburg, 2:6 gegen den VfB Stuttgart, 5:1 beim HSV, 4:4 gegen Werder Bremen - die torreichsten Partien der Spielzeit fanden - gefühlt - alle mit Hoffenheimer Beteiligung statt. Sogar das Phantomtor des Leverkuseners Kießling brachte der benachteiligten TSG Sympathien ein. Hoffenheim ist wieder positiv besetzt, in Kevin Volland hat es ein TSG-Profi in den erweiterten WM-Kader von Joachim Löw geschafft.

Ist es am Ende vielleicht ganz einfach? Ist die Lösung für alle Imageprobleme: toller Fußball? "Die Menschen, das haben wir in einer Umfrage in der Region herausgefunden, nehmen uns als innovativ, mutig, progressiv und modern wahr", sagt Peter Rettig. Aber eines fehle, "und das macht den Unterschied aus zwischen Sympathisant und Fan: Emotion. Die Leute sehen uns noch nicht als emotionale Marke, sondern immer noch als technisches Feature."

TECHNIK VS. TRADITION

Die Technikassoziation mit Hoffenheim stammt aus einer Zeit, die den Club bis heute prägt und an die man sich hier nicht nur mit Begeisterung erinnert: die Ära Ralf Rangnick. Der Trainer, heute Sportdirektor bei Red Bull Salzburg und RB Leipzig, kam 2006 nach Hoffenheim und führte den damaligen Regionalligisten gleich in der ersten Saison in die zweite Liga. Es war die Zeit, in der der SPIEGEL von einem "Entwicklungslabor" schrieb, in dem Rangnick zusammen mit dem ehemaligen Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters und dem Geld von SAP-Gründer Dietmar Hopp den Fußball neu erfinden wollte.

Tops und Flops

In dem Projekt ging es laut Rangnick um die Erfassung "jeder einzelnen Facette des Fußballs". Im Kern wollte er ein traditionelles Spiel mit Hilfe von Wissenschaftlern optimieren - ein Ansatz, mit dem sich auch Bundestrainer Jürgen Klinsmann zur gleichen Zeit bei der skeptischen Bundesliga den Ruf des Besserwissers erwarb. Peter Rettig hat das Projekt damals aus der Ferne "zur Kenntnis" genommen, wie er sagt, und fand es "sehr ambitioniert". Doch da war noch ein anderes Gefühl: "Die TSG unter Ralf Rangnick war neu, anders, differenziert, man wollte strukturiert rangehen. Und vor allem unabhängig sein von Tradition", sagt Rettig.

Tradition ist ein umstrittener Begriff in der Welt des Fußballs, und er ist es vor allem wegen oder dank der TSG Hoffenheim. Denen, die Tradition für einen Wert halten und für bewahrenswert, ist der Club aus dem Kraichgau seit der Rangnick-Zeit ein Dorn im Auge. Die Traditionalisten sagen, Hoffenheim habe keine gewachsene Fanbasis, habe den Erfolg geschenkt bekommen, zu Lasten der Vereine, die ihn sich stattdessen lange und mühsam erarbeiten mussten.

-36.100.000 Euro

Transferbilanz der TSG seit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga; Quelle: Transfermarkt.de

Rettig kennt die Argumente, verstehen kann er sie nicht. Der Traditionsbegriff sei zwar emotional positiv besetzt, "aber er ist eben kein Wert an sich". Der Geschäftsführer kommt aus der Wirtschaft, vielleicht ist das der Grund, warum er eine erfolgreiche Zukunft immer einer glorreichen Vergangenheit vorziehen würde - und keinen Unterschied kennt zwischen Hopp-Geld oder Allianz-Geld oder Evonik-Geld. "Wenn Sie in Hoffenheim arbeiten, kommt Ihnen Tradition wie ein Ballast vor. Ich bin glücklich, dass wir diesen Ballast nicht mit uns herumschleppen müssen."

Der Club aus dem Kraichgau hat die vermeintlich fehlende Tradition (in der Region gibt es die Fußballsparte des Clubs seit den Vierzigern) noch nie vermisst. Er polarisierte in der harten bundesweiten Fanszene allerdings, als er 2007 mit dem Jahr der Gründung (1899) im Vereinsnamen statt der "TSG" in die zweite Liga startete. Die Ähnlichkeit zu Clubs wie 1860 München wurde als Affront gesehen.

DER PREIS DES ERFOLGS

Das Schwingen der Traditionskeule war damals en vogue und Hoffenheim die beliebteste Zielscheibe. Es war die Zeit des Durchmarschs in die erste Liga, als bei dem ambitionierten Verein mit Hilfe von Dietmar Hopp ein beeindruckendes Trainingsgelände mit vier Plätzen und eine Nachwuchsakademie entstanden - und auch viel Angriffsfläche. Der Verein galt als neureicher Retortenclub, rücksichtslos und gierig nach Erfolg. Mit einem Mäzen, der alles finanzierte und goutierte.

"Wir hatten massive Probleme mit Hoffenheim"

Verantwortlicher eines Konkurrenten über die TSG anno 2010

Die Schilderung eines hochrangigen Funktionärs eines damaligen Konkurrenten, der namentlich nicht genannt werden will, zeigt, dass man dem Verein damit nicht unbedingt unrecht tat. Dietmar Hopp jedoch offenbar schon. Der Verantwortliche berichtet von "massiven Problemen mit Hoffenheim" rund um das Jahr 2010. Der Club sei "sehr aggressiv im Jugendbereich unterwegs" gewesen, ständig hätten Scouts Spieler auf dem Trainingsgelände des Konkurrenten angesprochen, die Abwerbungsversuche seien "mit unfassbar viel Geld untermauert worden".

Und dann erzählt der Funktionär, dass Berichte über die Praktiken irgendwann bei Dietmar Hopp gelandet seien. "Daraufhin gab es einen Friedensgipfel, und danach ist nie wieder etwas Vergleichbares passiert", so der Club-Obere.

Die Geschichte zeigt, dass damals etwas in Hoffenheim aus dem Ruder gelaufen ist. Es geht um den Verlust von Bodenhaftung und Erfolgsstreben um jeden Preis. Aber die Geschichte erzählt auch viel über Dietmar Hopp, der Hoffenheim personifiziert wie niemand sonst. Man ahnt den Einfluss, den Hopp haben kann, aber man fragt sich auch: Übt der Gesellschafter am Ende gar nicht den Einfluss aus, der ihm zugeschrieben wird, wenn ihm ein so wichtiger Vorgang entging? Wie viel Hopp ist Hoffenheim?

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DER PATRIARCH

Es ist nicht einfach, Dietmar Hopp zu treffen. Der 74-Jährige lebt eher zurückgezogen, verbringt noch immer viel Zeit im Büro und hat einen vollgepackten Terminkalender. In der wenigen freien Zeit spielt er gern Golf, in St. Leon-Rot, Südfrankreich oder Florida. Nun sitzt Hopp entspannt in einem hellen Konferenzraum in Walldorf, in der Zentrale von "Anpfiff ins Leben". In dem mehrfach ausgezeichneten Projekt werden Jugendliche in Förderzentren sportlich, schulisch und sozial begleitet; am Ende, so die Philosophie, sollen aus ihnen "starke Persönlichkeiten" reifen.

Das Projekt hat Hopp 2001 ins Leben gerufen und durch seine Stiftung seither mit Millionen gefördert. In der Region hat die Dietmar-Hopp-Stiftung, eine der größten Europas, bisher gut 400 Millionen Euro investiert, in Kinderzentren, Senioren- und Behinderteneinrichtungen und in die medizinische Forschung. Laut einem Vertrauten, der den Milliardär seit Langem begleitet, ist "Anpfiff ins Leben" Hopps eigentliches Vermächtnis: "Es soll Werte vermitteln und allen etwas fürs Leben mitgeben." Dieses Projekt stehe deshalb für Hopp selbst wie kein anderes. Nicht mal die TSG Hoffenheim.

Die TSG ist sportlicher Kooperationspartner von "Anpfiff ins Leben", die Dinge hängen hier alle zusammen, aber im Fußballverein war mit den Werten etwas durcheinander geraten. Im Konferenzraum soll es um die Frage gehen, was bis vor einem Jahr schiefgelaufen ist in dem Club, in den Hopp in 20 Jahren mehr als 200 Millionen Euro investierte, und der dann doch beinah abstieg. Was ist Hopps Version? Und was sein Beitrag?

Manager/Sportdirektoren seit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga
2006

Jan Schindelmeiser
01. Juli 2006 – 30. Juni 2010 (1460 Tage im Amt)

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Schindelmeiser war gemeinsam mit Rangnick Architekt jener Hoffenheimer Elf, die den Aufstieg in die 2. und schließlich in die 1. Bundesliga schaffte. Er holte unter anderem Stars wie Luiz Gustavo, Carlos Eduardo, Demba Ba oder Vedad Ibisevic. Allerdings war Schindelmeiser auf für Transfer-Flops wie Franco Zuculini oder Maicosuel verantwortlich.

2010

Ernst Tanner
13. Mai 2010 – 22. März 2012 (679 Tage im Amt)

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Während Tanners Amtszeit wurden Demba Ba, Luiz Gustavo und Carlos Eduardo verkauft. Wie groß der Einfluss des Managers speziell auf den Gustavo-Transfer wirklich war, ist fraglich. Dass er mit Dietmar Hopp nicht immer auf einer Linie lag, war dagegen offensichtlich. „Die Gründe für die Trennung liegen in einer zu unterschiedlichen Auffassung über die zukünftige Ausrichtung der sportlichen Abteilung“, hieß es seitens des Clubs nach Tanners Entlassung. Dem heutigen Leiter der Nachwuchsakademie von RB Salzburg hat die TSG aber auch Zugänge wie die Kevin Volland und Roberto Firmino zu verdanken.

03/2012

Markus Babbel
22. März 2012 – 19. September 2012 (181 Tage im Amt)

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Erst war er nur Trainer, dann übernahm Babbel kurzerhand auch Tanners Job als Manager. In der Transferperiode im Sommer 2012 gab er allein für Joselu und Eren Derdiyok insgesamt 11,5 Millionen Euro aus, holte zudem Großverdiener wie Tim Wiese und Matthieu Delpierre. Sie alle gelten bislang als Fehleinkäufe.

09/2012

Andreas Müller
20. September 2012 – 02. April 2013 (194 Tage im Amt)

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Entließ Vorgänger Markus Babbel als Trainer und installierte in Marco Kurz einen ehemaligen Weggefährten. Holte in der Winterpause der Saison 2012/2013 gleich acht neue Spieler nach Hoffenheim. Weder der Trainerwechsel noch die Zugänge brachten kurzfristig Erfolg. Als sich Müller weigerte, Kurz trotz anhaltend schlechter Resultate zu entlassen, musste er selbst gehen.

2013

Alexander Rosen
Seit 02. April 2013 (393 Tage im Amt[Stand: 30.4.14])

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Müllers Nachfolger ist Alexander Rosen, der damit zum jüngsten Manager in der Bundesliga wurde. Wie Gisdol hat auch er eine Vergangenheit im Club. „Wir wollen zurück zu unserer ursprünglichen DNA“, sagte Rosen SPIEGEL ONLINE. Zudem kündigte er eine Abkehr von großen Transfers an: „Es muss Schluss sein mit dem Scheckbuch. Es gibt Spieler nur noch, wenn alles passt.“

"Unter Ralf Rangnick wurden regelmäßig viele neue Spieler verpflichtet", erzählt Hopp mit leiser Stimme. Zum Zerwürfnis mit dem Trainer kam es 2011, als Bayern München Interesse an Luiz Gustavo zeigte. Hopp ("Wir haben uns immer an die Regeln des Financial Fairplay gehalten") wollte den Brasilianer verkaufen, Rangnick wehrte sich. "Das Angebot war einfach zu gut, um es abzulehnen, also habe ich entschieden, dass er verkauft wird", sagt Hopp, der Wert darauf legt, dass Rangnick darüber informiert war.

Sportlich ging es in der Folge bergab, fünf Trainer folgten auf Rangnick, drei Manager auf den Rangnick-Vertrauten Jan Schindelmeiser - Erfolg hatte keiner. Die Erklärung dafür sehen einige im Verein in einer Charaktereigenschaft Hopps. "Er vertraut Menschen, mit denen er arbeitet. Aber das wird zum Problem, wenn das Vertrauen ausgenutzt wird", sagt ein Verantwortlicher. Vertrauen heißt bei Hopp Entscheidungsfreiheit bis zur Grenze des Vertretbaren, bedingungslos. "Er glaubt an das Gute im Menschen", sagt ein anderer.

Nur so konnte es passieren, dass Andreas Müller als Manager verpflichtet wurde, ein Mann, der so gar nicht nach Hoffenheim passen wollte. Noch heute erzählen sich Mitarbeiter, wie ungern Müller E-Mails beantwortete. Nur so konnte auch Markus Babbel die machtvolle Doppelrolle als Manager und Trainer bekommen, obwohl ihn schon eine allein angeblich überforderte. Aber beide waren Hopp empfohlen worden. Und nur so konnte Markus Gisdol zweimal nicht Coach in Hoffenheim werden. Es gab auch in diesem Fall Vertraute, Einflüsterer, die es dem Milliardär ausredeten.

DIE URIDEE

"Es gab den berühmten Orientierungsverlust. Das 'Projekt Bundesliga' war mit dem Aufstieg beendet", sagt Peter Rettig. Danach habe es an klaren Zielen gefehlt, neuen Zielen. Rangnick wollte in den Europacup, während Hopp auch mit dem Image eines Ausbildungsvereins leben konnte, der gute Spieler irgendwann für viel Geld abgab. Der beliebte Holger Stanislawski wurde auf Platz acht liegend entlassen, die Begründung: Abstiegsangst. "Und als es mal Ziele in Hoffenheim gab, waren diese unrealistisch", sagt Peter Rettig. Als Beispiel führt er Babbel an, der noch international angreifen wollte, als der Kader des Clubs das längst nicht mehr hergab.

"Es ist gut möglich, dass ich in dieser Phase nicht präsent genug war. Und vielleicht habe ich auch den falschen Menschen vertraut", sagt Hopp, der seit April 2013 wieder mal bedingungslos sein Vertrauen verschenkt - an Gisdol, Rosen und Rettig. Es sieht so aus, als würde sich das Vertrauen diesmal auszahlen.

Als Glücksgriff hat sich nicht nur Sportmanager Rosen erwiesen, der zuletzt mit den begehrten Roberto Firmino und Kevin Volland verlängern konnte. Dank Trainer Gisdol steht der Club fußballerisch wieder für etwas Eigenes, er besitzt eine klare Philosophie. Das extreme Torverhältnis ist Folge des radikalen sportlichen Wandels. Gisdol hauchte dem einstigen Spielprinzip der TSG, das die Balleroberung als Basis hatte, neues Leben ein. Doch Hoffenheim erlebt mehr als nur eine Rückkehr zu alten Tugenden. "Wir können nicht sagen, wir wollen so spielen wie vor fünf Jahren. Wir entwickeln uns weiter", sagt Gisdol.

Hoffenheims Trainer seit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga
2006

Ralf Rangnick
01. Juli 2006 – 01. Januar 2011 (1645 Tage im Amt)

Ralf Rangnicks Verpflichtung war ein Coup. Vor seiner Zeit bei der TSG hatte er Schalke zur Vizemeisterschaft geführt. Rangnick veränderte Hoffenheims Spiel grundlegend: Er verlagerte den Fokus auf Balleroberungen und schnelles Umschalten und etablierte damit eine Taktik, die noch heute den Stil vieler Bundesligisten prägt. Er präsentierte den „neuen deutschen Fußball“ („FAZ“). Rangnick führte den Club aus der dritten in die erste Liga. Nach einem Streit mit Dietmar Hopp, der Luiz Gustavo gegen Rangnicks Willen nach München transferierte, verließ er die TSG. Mit ihm gingen Kontinuität und Erfolg.

01/2011

Marco Pezzaiuoli
02. Januar 2011 – 30. Juni 2011 (179 Tage im Amt)

Marco Pezzaiuoli trat die Nachfolge an. Für Pezzaiuoli, der zuvor Rangnicks Kotrainer bei der TSG war und ebenfalls als hervorragender Taktiker galt, dauerte die erste Station als Chefcoach im Profi-Herrenbereich nur kurz: Nach nur fünf Siegen in der Rückrunde und dem Aus im Pokal wurde Pezzaiuoli zum Saisonende beurlaubt.

07/2011

Holger Stanislawski
01. Juli 2011 – 09. Februar 2012 (223 Tage im Amt)

Anders als seine Vorgänger galt der ehemalige St.-Pauli-Coach Holger Stanislawski vor allem als emotionaler Motivator. Doch auch der damals 41-Jährige vermochte nicht an die Erfolge der Ära Rangnick anzuknüpfen. Nach gutem Saisonstart (Platz vier nach sieben Spieltagen) baute Stanislawskis Mannschaft ab und überwinterte als Neunter. Nach drei sieglosen Ligaspielen im neuen Jahr und dem DFB-Pokal-Aus gegen Zweitligist Fürth wurde Stanislawski entlassen.

02/2012

Markus Babbel
10. Februar 2012 – 03. Dezember 2012 (297 Tage im Amt)

Markus Babbel übernahm die Mannschaft und legte Wert auf eine geordnete Defensive, doch auch ihm gelang kein Umschwung. Der Club beendete die Saison zum dritten Mal in Serie auf dem elften Platz. Hoffenheim hatte genug vom Mittelmaß: Babbel, zwischenzeitlich sechs Monate lang Trainer und Manager in Personalunion, hatte viel Geld ausgeben dürfen, sprach von seiner Vision, die TSG in die Champions League zu führen. Doch es stellte sich kein Erfolg ein, im Gegenteil: Das erste Pflichtspiel der Saison endete mit einem 0:4-Debakel im Pokal gegen die Amateure des Berliner AK 07. Nach dem 15. Spieltag wurde Babbel beurlaubt, Hoffenheim stand da auf dem Relegationsplatz.

12/2012

Frank Kramer
03. Dezember 2012 – 16. Dezember 2012 (13 Tage im Amt)

„Frank Kramer wird für die kommenden Spiele die Verantwortung übernehmen, möglicherweise auch darüber hinaus“, sagte Manager Andreas Müller über den Babbel-Nachfolger aus den eigenen Reihen. Überzeugen konnte Kramer, heute Trainer von Greuther Fürth, seinen Chef nicht: Er verlor die beiden verbliebenen Spiele im Jahr 2012, und Hoffenheim verbrachte die Winterpause mit nur zwölf Punkten auf Platz 16.

01/2013

Marco Kurz
01. Januar 2013 – 02. April 2013 (91 Tage im Amt)

Statt des Europapokals ging es für die TSG in der Rückrunde der Saison 2012/2013 um den Klassenerhalt. Marco Kurz sollte diesen erreichen, der ehemalige Trainer des 1. FC Kaiserslautern verordnete der Mannschaft eine strikte Defensiv-Taktik und damit die endgültige Abkehr vom einstigen offensiven Pressing unter Rangnick. Unter Kurz kassierter das Team nur elf Gegentore, schoss aber auch nur sieben. Nach zwei Siegen aus zehn Spielen musste auch der dritte Trainer binnen einer Saison seinen Hut nehmen.

04/2013

Markus Gisdol
Seit dem 02. April 2013 (393 Tage im Amt [Stand: 30.4.14])

Der vierte Trainer der Saison war ein Rückkehrer: Markus Gisdol war 2009 Nachwuchstrainer bei der TSG, gemeinsam mit Rangnick war er an der Ausarbeitung der Hoffenheimer Spielphilosophie beteiligt. Jene verlorengegangene Ausrichtung trug Gisdol wieder hinein in den Club. „Das Wichtigste ist, den Ball zu gewinnen, um dann schnell zum Abschluss zu kommen“, sagte Gisdol SPIEGEL ONLINE. Dank eines dramatischen Last-Minute-Sieges in Dortmund rettete er Hoffenheim am 34. Spieltag vor dem sicheren Abstieg. Gisdol hat 1899 zu einem der taktisch interessantesten Teams der Saison 2013/2014 geformt.

Der Hoffenheim Spieler, der diese Entwicklung vielleicht am besten symbolisiert, ist Niklas Süle. Den Abwehrspieler machte Gisdol zum Stammspieler. 25 Bundesliga-Spiele hat Süle absolviert, vier Tore geschossen, und das mit 18 Jahren. Süle, der als kommendre Nationalspieler gilt, ist der erste Profi aus dem Hoffenheimer Nachwuchsleistungszentrum, der Stammspieler bei der TSG wurde. Knapp acht Jahre nach seiner Gründung.

Süle ist auch ein Zeichen dafür, wohin der Club in Zukunft gehen will - zurück auf Anfang. "Es war ja die ursprüngliche Idee der TSG Hoffenheim, die Uridee, mit Nachwuchsspielern aus der eigenen Akademie tollen Fußball zu spielen, neuen Fußball zu kreieren", sagt Rettig. Die Idee sei nur in all den Jahren nie umgesetzt worden. "Was wir jetzt machen, ist, diese Idee neu aufzugreifen", sagt Rettig. So entsteht, wenn man so will, in der Nachspielzeit die TSG Hoffenheim noch einmal. Weiterhin innovativ. Nur hoffentlich ein bisschen bodenständiger. Offener geworden ist er schon - seit Kurzem ist das schwere Eisentor vor dem Trainingsgelände verschwunden, dort steht jetzt eine simple Schranke.

Der Club, so versichert es Finanzchef Frank Briel, werde in Zukunft keinem Spieler mehr Geld hinterherwerfen, sondern bei allen Ausgaben sehr genau abwägen. Stattdessen wurde vor einem halben Jahr eine siebenstellige Summe in den "Footbonaut" investiert, eine Art Ballwurfmaschine, die jeden erdenklichen Pass oder Schuss simulieren kann. Weltweit besitzen ihn zwei Vereine, der andere ist Borussia Dortmund. Wenn Gisdol über den Footbonauten spricht, beginnen seine Augen zu glänzen, und seine Stimme wird laut. Die Anschaffung werde kurzfristig keine Verbesserung für den Club bringen, langfristig profitierte aber jeder, ob Profi oder Jugendspieler.

Sie wollen sich hier wohl tatsächlich Zeit geben und nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Der Verein wuchs damals einfach zu schnell, nicht alle Strukturen sind mitgewachsen. Gisdol, Rosen und Rettig bekommen Zeit, Erfolgsdruck schließt Dietmar Hopp ausdrücklich aus. "Wir wollen in der Zukunft einfach weiter guten Fußball zeigen", sagt Peter Rettig.

Wenn etwas in Hoffenheim Tradition hat, dann das.

picture alliance / dpa
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Mike Glindmeier, Christian Gödecke, Danial Montazeri (Texte) und Dawood Ohdah (Grafiken)



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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
immerdreimalmehrwiedu 12.05.2014
1. kein schöner Fussball...
...sondern genau das Ende von dem was Fussball ausmacht - dafür steht dieser Verein!
ProFußball21 12.05.2014
2. Die Zerstörung des Fußballs geht nicht von Hoppenheim aus
Möchte an dieser Stelle doch einmal darauf hinweisen, dass eine BvB-Fanzeitschrift, "Gib mich die Kirsche" (www.gibmich-diekirsche.de), schon vor wenigen Tagen das Thema aufgegriffen hat (http://www.gibmich-diekirsche.de/berichtsanzeige/?pid=14&uid=2067)! Dies ist um so bemerkenswerter, da ja bekanntlich die BvB-Fans als die eingeschworensten Gegner des vermeintlichen Plastik-Fußballs gelten... Auch die Fan-Kultur zeichnet sich, abseits des ständigen Boulevardschreisportradaus, durchaus durch Qualität aus!
rdiess 12.05.2014
3. Fußball ist auf der Wiese
Zitat von immerdreimalmehrwiedu...sondern genau das Ende von dem was Fussball ausmacht - dafür steht dieser Verein!
Das Ende des Fußballs findet - wenn überhaupt - auf den Tribünen selbst ernannter Traditionsvereine statt - wobei viele Akteure überzeugt sind, dass sich Tradition in ausgestreckten Mittelfingern, Kloakengebrüll und Randale manifestiert.
petruz 12.05.2014
4. nach..
.. dem ähnlich langen und aufwendigen artikel über wolfsburg der nächste über einen weiteren club den kein mensch braucht. Demnächst dann bitte audistadt äh ingolstadt porträtieren
Boesor 12.05.2014
5.
Liest sich nicht nur ein wenig wie eine Auftragsarbeit für die TSG
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