Fußballfans in Deutschland Der Mann mit den 92 Hoffenheim-Trikots

Thomas Zachler war schon Hoffenheim-Fan, als dort der "Beckenbauer Nordbadens" spielte. Mittlerweile hat er fast hundert Trikots - und verpasst für ein Spiel auch mal den Geburtstag seiner Töchter.

Thomas Zachler
SPIEGEL ONLINE

Thomas Zachler

Aus Sinsheim berichtet


Außer RB Leipzig gibt es in Deutschland wohl nur wenige Vereine, die so verhasst sind wie die TSG Hoffenheim. Thomas Zachler kann das nicht verstehen, er begleitet den Klub seit Beginn des durch SAP-Gründer Dietmar Hopp finanzierten Aufstiegs aus der Verbands- bis in die Bundesliga. Im dritten Teil der SPIEGEL-ONLINE-Fanprotokolle erzählt er seine Geschichte.

In Frankfurt, Köln, vor allem aber in Dortmund werden wir nicht allzu freundlich empfangen. Bei unserem ersten Auftritt im DFB-Pokal wurden wir beim BVB noch belächelt, aber dann waren wir schnell die Bösen, die Emporkömmlinge, der Plastikklub. Über das Gepöbel kann man lachen, aber als wir 2013 dort den Klassenerhalt geschafft hatten, blieb es nicht nur bei blöden Sprüchen.

Ich gehe zur TSG Hoffenheim, seit sie in der Verbandsliga spielt. Durch mein Groundhopping-Hobby bin ich auf den Verein aufmerksam geworden. Mein erstes Spiel habe ich noch im alten Dietmar-Hopp-Stadion verfolgt, 4:0 stand es nach 40 Minuten. Erwin Rupp aus Sandhausen, der "Beckenbauer Nordbadens" spielte schon dort, das war ein Knüller. Man kam mit den Zuschauern ins Gespräch, es wurde toller Fußball gespielt, die Stadionwurst war auch lecker - also bin ich wiedergekommen.

Ich bin jetzt 56 und Fußball begleitet mich mein ganzes Leben. Als kleiner Bub hat mich mein Vater mit auf den Sportplatz in Neckarhausen genommen, zweite Amateurliga. Mit 22 hatte ich dann eine Dauerkarte beim SV Waldhof. Später war ich Schiedsrichter, aber irgendwann ging meine Hüfte kaputt. Ich sammle Fußballtrikots, 92 von Hoffenheim habe ich mittlerweile, insgesamt sind es 376. Als ich ein Kind war, gab es überhaupt keine Fanartikel. Unsere Mütter mussten uns die Fanschals stricken.

Volllaufen lassen darf sich keiner

Bei Hoffenheim habe ich den ganzen Weg nach oben mitgemacht: Lorenz-Günther Köstner, Ralf Rangnick, Selim Teber, Francisco Copado, später kam Luiz Gustavo. Meine Dauerkarte habe ich seit zehn Jahren. Für die TSG verpasse ich auch mal den Geburtstag meiner Töchter: An dem Tag hatten wir auf St. Pauli gespielt - und ich wollte das neue Millerntorstadion sehen. Meine Frau weiß: Am Samstag geht der Thomas zum Fußball, egal was passiert. Wir haben an einem Freitag geheiratet.

In der dritten Liga konnten wir noch direkt an der Werbebande stehen, man roch das frisch gemähte Gras. Dann wurde das Stadion umgebaut, wir sind auf die Tortribüne umgezogen. Mit dem Erfolg begannen nicht nur die Anfeindungen und der Neid, auch die Zuschauerzahlen gingen hoch. Auf einmal war der Waldparkplatz voll mit Autos aus Mosbach, Speyer, Karlsruhe, Heilbronn - die wollten auch mitjubeln.

Mittlerweile bin ich als Busbegleiter in die Organisation der Auswärtsfahrten bei der TSG eingebunden. Wir werden manchmal als Kaffeefahrt belächelt, dabei gibt es auch Sekt oder hausgemachten Eierlikör. Schon legendär sind unsere reichhaltigen Frühstücks- und Vesperpausen. Volllaufen lassen darf sich aber keiner, wir wollen keinen Stress im Bus!

Bei der Routenplanung versuche ich, Rastplatz-Begegnungen mit anderen Fans, die uns nicht wohlgesonnen sind, zu vermeiden. Falls es trotzdem brenzlig wird, müssen alle schnell zurück in den Bus, schließlich fahren auch Rentner und Kinder mit. Ich bin aber glücklich, dass sich bei vielen die Wahrnehmung der TSG positiv verändert hat - was auch mit der erfrischenden Spielweise unserer Mannschaft unter dem jungen Trainer Julian Nagelsmann zu tun hat.

SPIEGEL-ONLINE-Fanprotokolle


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insgesamt 17 Beiträge
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hegoat 20.04.2017
1. 92 Trikots
Sind mit den 92 Trikots echte Trikots, also von Spielern getragene, gemeint oder die T-Shirts, die man in jedem Fanshop kaufen kann? Falls ersteres: Respekt!!!
frank_w._abagnale 20.04.2017
2. Danke für diesen Artikel.
Schön. Solche echten Fans findet man eben nur in den frischen und unverbrauchten Clubs wie RB Leipzig und eben Hoffenheim. Fernab vom dumpfen Traditions- und Ultrawahn, der derzeit in der Bundesliga grassiert und sie Stück für Stück kaputt macht. In Leipzig und Hoffenheim ist der Fußball noch Fußball. Ohne zündelnde, saufende und randalierende Ultras. Der Mann mit den 92 Trikots steht sinnbildlich für den Fußball, den sich alle wieder wünschen. Danke für diesen Artikel.
Wunderläufer 20.04.2017
3. Bvb
Ich bin kein Fan der TSG, bewundere aber 2016 / 2017 die phantastische Leistung der Mannschaft. Die offenen Anfeindungen durch den BVB finde ich heuchlerisch und sie haben meine Sympathien für den BVB stark gedämpft. Seit Rangnick gegangen ist hat sich die TSG vom Aspiranten auf Titel hin zu einem exzellenten Ausbildunsgverein gewandelt. Châpeau
ge1234 20.04.2017
4. Tja...
.. Herr Zachler, ich habe seit über 40 Jahren eine Dauerkarte beim FCB, bin jeden zweiten Samstag im Stadion und war bei allen CL-Endspielen des FCB der letzten 30 Jahre live dabei, den Geburtstag meiner Tochter würde ich aber um keinen Preis der Welt versäumen, weder für ein CL-Finale, noch für ein WM-Finale oder ein sonstiges Fussballspiel. Möglicherweise sind Sie ein großer Fan, aber ein kleiner Vater! So etwas finde ich sehr traurig!
kai kojote 20.04.2017
5.
Geburtstage sind überbewertet, es ist nur gut wenn Kinder gleich lernen, dass auch am Geburtsag nicht immer alles perfekt läuft und sich auch dann die Welt nicht um einen alleine dreht. Wichtig ist es, das ganze Jahr über für seine Kinder da zu sein, und zwar vorallem dann, wenn sie einen brauchen, und an irgendeinem speziellen Tag. Außerdem interessieren sich Kinder eh mehr für Geschenke als für Anwesenheiten.
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