TV-Rechte Mittelklasse für die Masse

Schluss mit den Träumereien: Die Entscheidung der DFL, die Bundesliga-TV-Rechte der ARD und Arena zuzuschanzen, verhindert den Aufstand der Fußball-Fans - und zeugt von Realitätssinn.

Von


Die Verantwortlichen der DFL sind einsichtig: Die höchste deutsche Spielklasse wird mit den wahren Top-Ligen in Europa zumindest auf mittlere Sicht nicht mehr mithalten können. Statt auf finanzielle Kamikaze-Aktionen zu setzen, hat man sich bei der Entscheidungsfindung der Massenwirkung des Phänomens Fußball erinnert und sie in den Vordergrund gestellt. Mittelklasse für alle statt Premium-Fußball für die Pay-TV-Elite.

Bayern-Star Ballack: Lockruf des Goldes folgen?
REUTERS

Bayern-Star Ballack: Lockruf des Goldes folgen?

Die Rechtevergabe an Premiere wäre stattdessen das Signal gewesen: Wir nehmen den Konkurrenzkampf mit den Ligen in England, Spanien und Italien auf. Wir statten die Vereine mit noch mehr Fernsehgeld aus, das diese in die Lage versetzen könnte, die besten europäischen oder südamerikanischen Spitzenkicker in die Bundesliga zu holen - und dafür nehmen wir die totale Zersplitterung des Bundesliga-Wochenendes in Kauf, zeigen Fußball frei empfangbar erst ab 22 Uhr und halten den öffentlichen Druck, den Politik und Fans auf uns gerade im WM-Jahr ausüben, aus.

Jedoch war wohl das Desaster, das Sat.1 vor vier Jahren erlebte, als der Sender bei dem Versuch grandios scheiterte, das deutsche Lieblingskind Bundesliga-Fußball hinter die 20-Uhr-Demarkationslinie zu verschieben, den Vereinen Warnung genug. Fußball-Bundesliga im Free-TV erst zur späteren Abendzeit - das scheint eines der letzten medialen Tabus zu sein.

Verloren haben nach der heutigen Entscheidung vor allem die Inhaber eines Premiere-Abos, sofern sie nicht bis zum Beginn der kommenden Bundesligasaison aus ihrem Vertrag kommen. Immerhin können sie die Settop-Box behalten, der neue Anbieter Arena verwendet die gleiche Verschlüsselungstechnik.

Und verloren hat vor allem auch Premiere selbst. Der Pay-TV-Sender hat sich mit seiner hartleibigen Verhandlungsstrategie verzockt und sich mit dem Kabelanbieter Arena auch noch einen echten Pay-TV-Konkurrenten hoch gezüchtet. Eine persönliche Niederlage für den Premiere-Vorstandschef Georg Kofler, der über Monate so tat, als sei der Zuschlag für den Bezahlsender nur noch eine Formsache, ist es obendrein.

Die Proficlubs haben offenbar gelernt: Die Faszination der Liga bleibt auch dann erhalten, wenn Hochkaräter wie Michael Ballack die Liga verlassen und demnächst dem Lockruf des Goldes bei Real Madrid oder Chelsea London folgen. Es sind vielmehr die Spieler der gehobenen Klasse-1-B, die - wie jetzt bereits - auch künftig die deutschen Arenen bevölkern werden. Ein Ronaldinho wird unter diesen Voraussetzungen niemals in der Bundesliga spielen, für Deutschland bleiben Marcelinho oder Ailton. Die echten Superstars des Fußballs, die Lampards und Henrys - die kann sich der Fan weiterhin bei Premiere in der Champions League anschauen. Und sich dafür am Wochenende über Wolfgang Wolf und Marko Pantelic aufregen. Die Stadien sind trotzdem voll.

Eins muss klar sein: Die allerbesten deutschen Talente werden künftig noch früher die Bundesliga verlassen, um zum Beispiel in England ihr (finanzielles) Glück zu suchen. Die Bundesliga fällt damit endgültig auf den Standard der niederländischen Ehrendivision zurück, wo schon 20-Jährige wie Arjen Robben oder Robin van Persie ihren Weg bei den Topclubs der Premier League suchen und vielleicht mit Mitte 30 zum Ausklang ihrer Karriere noch für ein, zwei Jahre in der heimischen Liga kicken. Für die Bundesliga mag es heute ein guter Tag gewesen sein, für die Aussichten der deutschen Clubs in der Champions League der kommenden Jahre war es ein schlechter.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.