U19-Europameister Nsereko Ein verspieltes Talent

Savio Nsereko wurde U19-Europameister, galt als eines der größten deutschen Talente. West Ham United zahlte Millionen für den Flügelstürmer. Viele Klubs und Skandale später versucht der 25-Jährige einen Neuanfang. Wieder einmal.

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Den größten Erfolg seiner Karriere verfolgte Savio Nsereko von der Tribüne aus. Es war der 6. Juli 2008, die deutsche U19-Nationalmannschaft stand im EM-Finale und besiegte Italien 3:1. Dass es der DFB-Nachwuchs überhaupt ins Endspiel geschafft hatte, war auch Nserekos Verdienst. Er zeigte im Halbfinale beim 2:1-Sieg nach Verlängerung gegen Gastgeber Tschechien eine starke Leistung.

Nach dem entscheidenden Tor von Richard Sukuta-Pasu in der 119. Minute zog sich Nsereko das Trikot über den Kopf, bekam dafür die Gelbe Karte und war deswegen für das Finale gesperrt.

Trotz seines Fehlens im Endspiel war der Außenstürmer bester deutscher Spieler bei der EM. Der damalige U19-Trainer Horst Hrubesch sagte über das Supertalent: "Er ist ein kompletter Spieler, wie früher Kevin Keegan. Er hat alles, eine ausgefeilte Technik und Schnelligkeit. Ich bin von dem Jungen begeistert."

Sechs Jahre ist das alles her. Am Abend steht erstmals seit jenem Endspiel im Juli 2008 wieder ein deutsches U19-Team im EM-Finale. Um 19 Uhr (Liveticker SPIEGEL ONLINE) trifft die Mannschaft von Trainer Marcus Sorg in Budapest auf Portugal. Davie Selke von Werder Bremen, Eintracht Frankfurts Marc Stendera und Uwe Seelers Enkel Levin Öztunali von Bayer Leverkusen heißen die Nachwuchsstars des DFB-Teams.

Was aber ist aus den U19-Europameistern 2008 geworden?

Torwart Ron-Robert Zieler (Hannover 96) gehörte zum Kader, der gerade in Brasilien den WM-Titel holte. Auch Lars Bender (Bayer Leverkusen) und sein Zwillingsbruder Sven (Borussia Dortmund) dürften sich jetzt womöglich Weltmeister nennen, wenn sie sich nicht verletzt hätten. Stefan Reinartz und Ömer Toprak (beide Bayer Leverkusen), Dennis Diekmeier (Hamburger SV), Bastian Oczipka (Eintracht Frankfurt) - sie alle sind gestandene Bundesligaspieler geworden.

Savio Nsereko spielt aktuell in Kasachstan für FK Atyrau. Es ist sein elfter Klub in sechs Jahren.

Der Fall Nsereko zeigt, wie schmal im Profifußball der Grat ist zwischen großer Karriere und steilem Absturz. Der "Bild am Sonntag" sagte Nsereko einmal: "London war der Knackpunkt. Von da an ging es mit mir nur noch bergab."

Alkoholexzesse und Shoppingtouren

Nsereko wurde in Uganda geboren. Als er zwei Jahre alt war, floh seine Mutter mit den fünf Kindern vor dem Bürgerkrieg nach München. Nsereko spielte in der Jugend beim SV 1880 München, wechselte mit 15 Jahren zu 1860 München und dann weiter zu Brescia Calcio. Mit 16 gab er sein Debüt in der zweiten italienischen Liga. Es folgten der EM-Titel 2008 mit der U19 und eine starke Hinrunde für Brescia in der Zweitliga-Saison 2008/2009, weshalb West Ham United auf das Talent aufmerksam wurde. Angeblich zahlte der Londoner Klub im Januar 2009 elf Millionen Euro für Nsereko und stattete ihn mit einem üppigen Vertrag aus. Zu viel für den damals 19-Jährigen.

"Irre, wie im Traum, wirklich unglaublich", beschrieb Nsereko im Februar 2009 dem "Kicker" seine Situation bei West Ham - wenige Monate später war er schon wieder weg. Dazwischen feierte er Partys, die britischen Medien schrieben von Alkoholexzessen und Shoppingtouren. "Autos, Klamotten, Frauen - ausgelassen habe ich wirklich nichts", sagte Nsereko der "Bild am Sonntag" und berichtete von einem Privatjet, der ihn, seine Kumpels und Mädels von England nach Florida geflogen habe. Hin und zurück für 160.000 Euro. Nsereko zahlte, er hatte Geburtstag.

Ausgeliehen, durchgereicht

Im Sommer 2009 hatte West Ham United genug vom deutschen Dribbelkünstler und verkaufte ihn zum AC Florenz. Doch auch dort kam Nsereko nicht zurecht. Er wurde zum FC Bologna ausgeliehen, zu 1860 München, nach Burgas und Stabia, nach Vaslui und Unterhaching. Für keinen Klub bestritt er mehr als ein Dutzend Spiele, kam dafür aber umso häufiger zu spät zum Training - wenn er überhaupt aufkreuzte.

Nachdem Nserekos Vertrag bei Unterhaching im Oktober 2012 aufgelöst worden war, soll er in Thailand sogar seine Entführung vorgetäuscht haben, um Lösegeld von seiner Familie zu erpressen. Die thailändischen Behörden fanden Nsereko, die Zeitungen titelten: "Skandalprofi in Thailand festgenommen". Der Beschuldigte selbst behauptete später, es habe keine vorgetäuschte Entführung und auch keine Festnahme gegeben. Seine Verwandten hätten nur eine SMS falsch verstanden.

Im Januar 2013 versuchte Nsereko einen Neustart bei Viktoria Köln in der Regionalliga West. Dem "Kölner Stadt-Anzeiger" sagte er nach seinem ersten Spiel: "Es war immer mein Ziel, einmal Champions League und Nationalmannschaft zu spielen. Irgendwann möchte ich wieder ganz oben sein." Wenige Monate später beurlaubte ihn der Klub. Seit Anfang dieses Jahres spielt Nsereko, mittlerweile 25, nun bei Atyrau.

"Wir haben ihm mehrmals unsere Hilfe angeboten. Doch es hat nichts gebracht", erzählt Hrubesch, der über den Absturz seines einstigen Ausnahmespielers sagt: "Ich habe viel darüber nachgedacht. Aber ich kann es nicht nachvollziehen."

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
opamunster 31.07.2014
1. Darf und sollte man da urteilen ?
...ich glaube nein. Vielleicht sind Talent und Hingabe manchmal einfach nicht gleich gerichtet. So kommt es dann, dass der Glanz einer Aufgabe interessanter ist als dessen inhaltliche Ausfüllung. Ist der Knabe zu bemitleiden ? Keineswegs ! Ist der Umstand, dass so jemand die Bodenhaftung mal so zum Vierfachen eines mittleren Jahresgehaltes nachhaltig verloren hat ein SPON-Artikel Wert ? Ich habe da ernste Zweifel !
drahdinedum 31.07.2014
2. Mehr!
Davon! Krasse Story! Echt interessant, vor allem wenn man bedenkt, dass Er trotz seiner Eskapaden in England nochmal ein Angebot von nem guten Club (AC Florenz) gekriegt hat... und die 2te Chance wieder versemmelt hat. Zu jung, zu viel Geld gehabt! Vermutlich falsche Freunde und leider nie wieder in die Spur gefunden... Sehr schade! Mit 25 ist der Zug wohl schon abgefahren...
besserwisser-ffm 31.07.2014
3. vergeudedes Talent?
Stefan Effenberg sagte einmal als er noch bei den Bayern spielte, dass es im Profifußball (relativ gesehen) gar nicht so sehr auf Talent ankommt, sondern vielmehr auf Persönlichkeit und bedingungslosen (im Wortsinne) Ehrgeiz... er sei das beste Beispiel. Er sagte von sich, dass er lange Zeit bevor er Profi wurde nicht besonders durch sein Talent aufgefallen sei, er aber immer den unbedingten Willen hatte, in der Bundesliga zu spielen. Dem Artikel nach zu urteilen, war das Fehlen von bedingungslosem Ehrgeiz und Persönlichkeit Nserekos Problem. Ich kenne Nsereko leider nicht, finde es aber immer schade, wenn Menschen ihr Talent vergeuden.
zorcolino 31.07.2014
4. zu doof
ist doch ganz einfach. Wenn man X Chancen kriegt und alle vergeigt, ist man- schlicht zu doof und verdient kein Mitleid für gar nix.
klimaklima 31.07.2014
5. Bespiel
Nsereko sollte allen U19 Spielern als warnendes Beispiel dienen. Ich denke, ohne ärtzliche Hilfe kommt es da nicht mehr raus.
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