U-21-Pleite gegen Niederlande: Die verflixte Schlussminute

Aus Petach Tikwa berichtet

Fotostrecke: "Vielleicht haben wir zu viel gezockt" Fotos
Getty Images

Die deutsche U-21-Nationalmannschaft hat bravourös gekämpft, einen Zwei-Tore-Rückstand aufgeholt - und stand am Ende gegen die Niederlande doch mit leeren Händen da. Jetzt steht das Team gewaltig unter Druck - und als nächster Gegner wartet Spanien.

Eine Trophäe für den besten Spieler des Spiels gab es nicht. Hätte es sie gegeben, dann hätte Mannschaftskapitän Lewis Holtby sie in Empfang nehmen dürfen, denn er wurde zum Mann des Abends gewählt. Doch Holby war es vermutlich egal, keinen gläsernen Briefbeschwerer von der Uefa für seinen Auftritt erhalten zu haben. Viel entscheidender war: Die deutsche Mannschaft hatte verloren, 2:3 gegen die Niederlande, den Favoriten. Und das auch noch in der 90. Minute.

Holtby, der Ex-Schalker, der mittlerweile bei Tottenham in der Premier League spielt, suchte anschließend nach Erklärungen: "Vielleicht haben wir zu viel gezockt". Zu viel riskiert - das war die plausibelste Erklärung nach diesem spektakulären Fußballspiel, dem ersten Höhepunkt der U-21-EM in Israel. Berauscht vom späten Ausgleich nach einem 0:2-Rückstand wollten sie noch den Sieg, verloren das Spiel aber durch ein Kopfballtor von Leroy Fer. Nach dieser Niederlage stehen die Deutschen schon vor dem zweiten Spiel gegen Spanien unter Zugzwang.

Der Auftritt im Stadion von Petach Tikwa wirkte reichlich irrational. Es standen sich zwei Teams gegenüber, die zwei vollkommen unterschiedliche Halbzeiten zeigten, die wirkten, als hätten sie ihr Personal in der Pause vom ersten bis zum letzten Mann unbemerkt ausgetauscht.

Volland-Einwechslung brachte plötzlich Schwung

Die erste Hälfte, sie war ein formvollendetes Debakel für die Deutschen. Holland dominierte, führte verdient durch Tore von Adam Maher und Georginio Wijnaldum. Einmal sah Bernd Leno, der deutsche Torwart, nicht gut aus, einmal richtig schlecht, doch auch seine Teamkollegen spielten auf ähnlichem Niveau. Auf den linken Flügel konnten die Niederländer veranstalten, was sie wollten, der Mönchengladbacher Perniel Mlapa war ein Ausfall. Holtby fühlte sich für alles zuständig. Doch anstatt die Mannschaft zu organisieren, rieb sich der Kapitän auf.

Dann tauschte Trainer Rainer Adrion Mlapa gegen den Hoffenheimer Kevin Volland aus - und das perplexe Publikum erlebte einen sonderbaren Wandel. Noch lange vor Wiederanpfiff standen die deutschen Spieler auf dem Platz, denn "wir wollten ja etwas gutmachen", wie der Hoffenheimer Sebastian Rudy sagte. Der Tonfall in der Kabine sei ziemlich scharf gewesen, sagte Tony Jantschke von Borussia Mönchengladbach: "Es ist auch mal laut geworden."

Die Kritik zeigte Wirkung: Holtby organisierte, die Deutschen waren aggressiv, plötzlich kamen die Pässe an und schon zwei Minuten nach Wiederanpfiff fiel der Anschlusstreffer. Holtby wurde auf dem Weg zum Tor von Keeper Jeroen Zoet gefoult, Rudy verwandelte den Elfmeter lässig zum 1:2. Jetzt war es ein fabelhaftes Fußballspiel. Holtby selber vollstreckte zum Ausgleich, und in diesem Augenblick sah es aus, als würde die spektakuläre Aufholjagd gegen den Favoriten in einem verdienten Remis enden.

"Gut essen, schlafen und dann nach vorn sehen"

Holtbys Resümee fiel denn auch positiv aus: "Wir können sehr, sehr stolz sein auf das, was wir gezeigt haben. Gegen die vermeintliche A-Nationalmannschaft, die zu den Favoriten der WM 2014 gehört. Ich würde die gerne mal sehen gegen unsere A-Nationalmannschaft."

Ob Holtby dann auf dem Feld stehen würde, das ist eine ganz andere Frage, doch der war schnell damit beschäftigt, die Enttäuschung von sich zu schieben. Mit allerhand staatsmännischem Pathos erklärte er: "Für jeden jungen Mann, der heute auf dem Platz stand, war es eine Erfahrung, die müssen wir so nehmen. Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert in der Fußballgeschichte."

Geschichtliche Dimensionen wird diese Niederlage bei allem Unterhaltungswert nicht haben. Und Hotlby empfahl den jungen Männern und sich selber: "Gut essen, schlafen und dann nach vorn sehen."

Am Sonntag wartet Spanien auf die Deutschen, ein weiterer Favorit, der Russland im erstem Gruppenspiel 1:0 schlug. Nicht ausgeschlossen, dass die geplante DFB-Reise nach Jerusalem schon nach der Vorrunde endet.

Niederlande - Deutschland 3:2 (2:0)
1:0 Maher (24.)
2:0 Wijnaldum (38.)
2:1 Rudy (47., Foulelfmeter)
2:2 Holtby (81.)
3:2 Fer (90.)
Niederlande: Zoet - Blind, Martins Indi, de Vrij, van Rhijn - Maher (ab 82. Fer), Strootman, van Ginkel - John (ab 82. Depay), de Jong, Wijnaldum (ab 68. Jozefzoon)
Deutschland: Leno - Jantschke, Thesker, Ginter, Sorg - Rudy, Rode (ab 80. Polter) - Mlapa (ab 38. Volland), Holtby, Herrmann - Lasogga (ab 61. Clemens)
Schiedsrichter: Ivan Bebek (Kroatien)
Zuschauer: 7664
Gelbe Karten: Zoet - Thesker, Lasogga

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Eine starke Leistung in der zweiten Halbzeit.
knupauger 07.06.2013
Und das gegen Niederländer, die hier mehr oder weniger ihr erstes Aufgebot auf den Platz geschickt hat. Die Jungs können was, und es wäre unfair, wenn man ihnen diese Bühne nehmen würde, damit Götze, Kroos, Badstuber (okay, die drei sind eh verletzt), Draxler und Schürrle hier für ein Ergebnis zu spielen, dass für die Niederländer weitaus bedeutsamer ist als für uns. Die erwähnten Spieler brauchen dieses Turnier nicht, um sich zu beweisen, aber die Spieler, die gestern auf dem Platz standen und in der zweiten Halbzeit eine starke Leistung auf den Platz gebracht haben.
2.
Locutus 07.06.2013
Zitat von knupaugerUnd das gegen Niederländer, die hier mehr oder weniger ihr erstes Aufgebot auf den Platz geschickt hat. Die Jungs können was, und es wäre unfair, wenn man ihnen diese Bühne nehmen würde, damit Götze, Kroos, Badstuber (okay, die drei sind eh verletzt), Draxler und Schürrle hier für ein Ergebnis zu spielen, dass für die Niederländer weitaus bedeutsamer ist als für uns. Die erwähnten Spieler brauchen dieses Turnier nicht, um sich zu beweisen, aber die Spieler, die gestern auf dem Platz standen und in der zweiten Halbzeit eine starke Leistung auf den Platz gebracht haben.
Volle Zustimmung, dadurch das die etablierten nicht dabei sind ist mehr Platz für die anderen sich zu entwickeln. Das späte Gegentor war ärgerlich, aber verloren wurde das Spiel in der ersten Halbzeit. Wenn man an die Leistung aus der zweiten Halbzeit anknüpft stehen die Chancen nicht schlecht.
3. @knupauger
pat0 07.06.2013
Sind Kroos, Badstuber und Schürrle nicht zu alt für eine U21-EM?
4. Verdienter Sieg
c218605 07.06.2013
Die Verteidigung war in beiden Hälften katastrophal! Seien wir froh, dass die Holländer im Abschluss sich dem meist angepasst haben, sonst wärs peinlich geworden.
5. Denn man stelle sich vor...
kniggebein 07.06.2013
...die deutsche Mannschaft hätte zusätzlich Spieler wie ter Stegen, Kirchhoff, Jung, Arslan, Gündogan, Kroos, Draxler, Götze, Schürrle, Th. Müller eingesetzt. Das sind gute Aussichten für die Zukunft. Wenngleich klar wird, dass die einstige Domäne - Abwehr - neben dem MS zukünftig etwas schwach besetzt ist.
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Fotostrecke
DFB-Kader bei der U-21-EM: Rückhalt Leno, Spielgestalter Holtby

U-21-Europameister
Jahr Nation (Finalergebnis)
2013 Spanien (4:2 gegen Italien)
2011 Spanien (2:0 gegen die Schweiz)
2009 Deutschland (4:0 gegen England)
2007 Niederlande (4:1 gegen Serbien)
2006 Niederlande (3:0 gegen Ukraine)
2004 Italien (3:0 gegen Serbien und Montenegro)
2002 Tschechien (3:1 i.E. gegen Frankreich)
2000 Italien (2:1 gegen Tschechien)
1998 Spanien (1:0 gegen Griechenland)
1996 Italien (4:2 i.E. gegen Spanien)
1994 Italien (1:0 n.V. gegen Portugal)
1992 Italien (0:0, 3:0 gegen Schweden)*
1990 Sowjetunion (4:2, 3:1 gegen Jugoslawien)
1988 Frankreich (0:0, 3:0 gegen Griechenland)
1986 Spanien (1:2, 2:1, 3:0 i.E. gegen Italien)
1984 England (1:0, 2:0 gegen Spanien)
1982 England (3:1, 2:3 gegen Deutschland)
1980 Sowjetunion (0:0, 1:0 gegen die DDR)
1978 Jugoslawien (1:0, 4:4 gegen die DDR)
*bis 1992 mit Hin- und Rückspiel
U-21-EM - Bester Spieler
Jahr Spieler (Land)
2011 Juan Mata (Spanien)
2009 Marcus Berg (Schweden)
2007 Royston Drenthe (Niederlande)
2006 Klaas-Jan Huntelaar (Niederlande)
2004 Alberto Gilardino (Italien)
2002 Petr Cech (Tschechien)
2000 Andrea Pirlo (Italien)
1998 Francesc Arnau (Spanien)
1996 Fabio Cannavaro (Italien)
1994 Luís Figo (Portugal)
1992 Renato Buso (Italien)
1990 Davor Šuker (Jugoslawien)
1988 Laurent Blanc (Frankreich)
1986 Manuel Sanchís (Spanien)
1984 Mark Hateley (England)
1982 Rudi Völler (Deutschland)
1980 Anatolij Demjanenko (Sowjetunion)
1978 Vahid Halilhodžic (Jugoslawien)