EM-Sieg der deutschen U21 Kuntzstück im Endspiel

Zwei Entscheidungen des deutschen Trainers brachten Spanien auf die Verliererstraße. In Karlsruhe, Mannheim und Ahlen wundert man sich. Alles Wichtige zum EM-Titel der U21.

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Messing, Nickel, 24 Karat Gold: Nahezu einhellig waren die Experten davon ausgegangen, dass der spanische Kapitän Gerard Deulofeu den EM-Pokal überreicht bekommen würde. Doch dann hielt auf einmal Maximilian Arnold die 60 Zentimeter große Trophäe in Händen. Die vielleicht noch größere Überraschung: Dies spiegelte den Spielverlauf angemessen wider.

Ergebnis: 1:0 (1:0). Deutschland gewinnt das Endspiel der U21-Europameisterschaft gegen Spanien. Hier geht es zum Spielbericht.

Die Aufstellung: Davie Selke musste verletzt passen, dafür rückte Mitchell Weiser ins Team, Maximilian Philipp übernahm die Rolle als Spitze des DFB-Teams. Niklas Stark, im Halbfinale gegen England noch angeschlagen in der Zuschauerrolle, konnte seinen Platz in der Innenverteidigung wieder einnehmen, Gideon Jung blieb für ihn auf der Bank.

Mann des Spiels: Der Berliner Weiser gilt seit seinem Profidebüt als unsicherer Kantonist, dem großes Talent am Ball ebenso gegeben scheint wie die übergroße Anziehungskraft zum nächstgelegenen Fettnäpfchen. Gut möglich, dass man am Ende seiner Laufbahn auf dieses Finale zurückblicken wird und es als Wendepunkt seiner Karriere einordnet. Anfänglich übermotiviert, schnürte der 23-Jährige in der Folge seine technischen Fertigkeiten samt enormer Präsenz zu einem Gesamtpaket, das ansteckend auf seine Mitspieler wirkte. Dass ausgerechnet er das Tor des Tages erzielte mag Zufall, aber ein folgerichtiger gewesen sein.

Die erste Hälfte: Wer es mit den deutschen Junioren hielt, blickte nach fünf Minuten verstohlen auf die Uhr. Wie lange muss die DFB-Elf denn noch überstehen? 85 Minuten?! Puh. Die Spanier ließen Ball und Gegner nach Belieben laufen, Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. In der sechsten Minute dann der erste Schussversuch der Deutschen durch Weiser, dem 60 Sekunden später gleich eine Großchance folgte: Max Meyer (173 Zentimeter Körpergröße) traf per Kopf (!) nur den Pfosten. Die Spanier waren beeindruckt und ließen bis auf einen Kopfball von Héctor Bellerín (12.) ihre Torgefahr vermissen. Auf der anderen Seite kamen Arnold (9.) und zweimal Serge Gnabry (16. und 21.) zu Gelegenheiten. Nach einer halben Stunde verzeichnete das DFB-Team knapp 60 Prozent Ballbesitz. Wer hätte damit gerechnet? In der 40. Minute dann das 1:0: Eine Flanke von Jeremy Toljan brachte Weiser (176 Zentimeter Körpergröße!) per Kopfballbogenlampe im spanischen Tor unter.

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Deutschland gegen Spanien: Deutschlands U21 krönt sich mit EM-Titel

Coach Kuntz: Am 30. Juni 1996 wurde der Stürmer Stefan Kuntz Europameister. Dass er auf den Tag genau 21 Jahre später als Trainer diesen Titel erneut gewann, dürfte man vor allem in Karlsruhe, Mannheim und Ahlen mit größter Verwunderung verfolgt haben. Schließlich hatte er auf seinen dortigen Trainerstationen wenig Wohl und sehr viel Weh hinterlassen. Und auch in Polen stand er im Verdacht, dass die Mannschaft eher trotz als wegen ihm das Finale erreichte. Sein Taktikwechsel, nach dem Ausfall von Selke auf konsequentes Flügelspiel zu setzen, erwies sich jedenfalls als Coup. Ebenso die Hereinnahme von Weiser. Das wird man auch in Karlsruhe, Mannheim und Ahlen zugeben müssen.

Die zweite Hälfte: gelb, gelb, gelb, gelb. Innerhalb von sieben Minuten erhielten Arnold (47.), Janik Haberer (50.), Stark (52.) und Marcos Llorente (54.) ihre persönliche Verwarnung vom französischen Unparteiischen Benoît Bastien. Die erste Chance des zweiten Durchgangs für nun energische Spanier hatte Saúl Ñíguez (58.) mit einem Distanzschuss. Die prompte Antwort lieferten Gnabry, der aus spitzem Winkel verzog (61.) und Marc-Oliver Kempf, dessen Kopfball im Anschluss an eine Ecke (62.) am Tor vorbeiging. Die Spanier kamen nicht bis zur Grundlinie durch, folgerichtig resultierte die nächste Chance durch Dani Ceballos (72.) aus einem Versuch aus der Ferne. Wer nun einen Sturmlauf des vierfachen Titelträgers erwartet hätte, sah sich getäuscht. Die deutsche Elf hielt den Gegner mit hohem läuferischen Aufwand vom eigenen Tor fern und stand bis in die Nachspielzeit hinein diszipliniert. In den letzten 20 Minuten musste Julian Pollersbeck kein einziges Mal mehr entscheidend eingreifen.

Keine Angst gegen den Angstgegner: Nur drei von zwölf Duellen hatten deutsche U21-Teams bislang gegen die Spanier gewonnen und auch die bitteren Niederlagen der A-Mannschaft 2008 und 2010 sind noch in Erinnerung. Umso bemerkenswerter, dass sich die deutschen Akteure nicht auf Spielzerstörung verlegten, sondern ihre eigenen Stärken ausspielten: Schnelle Angriffe über den Flügel nach Balleroberung, nach Ballverlusten wurden die individuell stärker eingeschätzten Spanier direkt in Überzahl attackiert. Den hohen Aufwand behielten die Spieler von Stefan Kuntz über 90 Minuten bei, während zunehmend zermürbter erscheinende Spanier es über die gesamte Spielzeit nicht vermochten, mit ihrem gefürchteten Kombinationsspiel in den deutschen Strafraum einzudringen. Eine Außenseiterchance auf den Titel hätte man der deutschen U21 sicherlich vor Spielbeginn eingeräumt, dass sie die Spanier taktisch dominieren würde, das war die eigentliche Sensation.

Gegenwart, Zukunft: Vom Jahrgang der 2009er-Europameister ist in den vergangenen Jahren zu Recht viel geschwärmt worden. Den 2017er-Jahrgang schlug trotz Erreichen des Finals bei den Olympischen Spielen in Rio bislang nur ein laues Lüftchen der Anerkennung entgegen. Was auch daran liegen mag, dass gleich acht für diese U21-EM spielberechtigte Akteure derzeit in Russland weilen, um sich Bundestrainer Joachim Löw beim Confed Cup zu beweisen. Eine Entscheidung, die vorab Diskussionen auslöste. Nun ist die U21 ohne Joshua Kimmich, Timo Werner oder Emre Can Europameister und Genannte brillieren beim Nachbarturnier. Die Auswahl für die WM 2018 in Russland ist für das DFB-Trainerteam noch luxuriöser geworden. Löws Kritikern bleibt derzeit nur ein abwinkendes "Okay, alles richtig gemacht" übrig.



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karliboy 01.07.2017
1. Beim KSC lief es gut mit ihm!
Hatte Kuntz den KSC nicht von der 3. Liga in die Zweite zurück gecoacht? Leider durfte/wollte er danach nicht weitermachen. Also, erfolgreiche Arbeit hatte er schon abgeliefert!
willy_wallace 01.07.2017
2. Auf gutem Weg
Zuerst mal Glückwunsch an das Team!!! Spitzenleistung!!! Trotz der ganzen Diskussion um die astronomischen Ablösesummen, die zu hohen Spielergehälter und die übrige, völlig überzogene Vermarktung des Sports, sind wir in Deutschland im internationalen Vergleich, was die Spieler- und Teamqualitäten der deutschen Nationalmannschaften (A-Mannschaft, aber auch U-Mannschaften) extrem gut aufgestellt. Wenn ich da an England denke, das mit Sicherheit die stärkste Liga weltweit hat, bleibt mir nur zu sagen: lieber DFB, liebe Vereine, da wurde im Hinblick auf Jugendarbeit ziemlich viel richtig gemacht. Das Thema Jugendförderung ist im Verband und bei den meisten deutschen Vereinen ein essentieller Bestandteil. Was bringt es auf Verbandsebene eine Liga (wieder z.B. die so hoch gelobte Premier League) zu haben, die sich alle Stars leisten kann und dafür die eigene Jugend zu kurz kommt, weil man einfach gar nicht mehr auf die eigenen jungen Spieler angewiesen ist. Natürlich ist die Bundesliga nicht mit der Premier League in Sachen Topteams vergleichbar und es herrscht leider auch gähnende Langweile, wenn ich an die Titelrennen der nächsten 10 Jahre denke (hierzu schonmal Glückwunsch Bayern München). Die Herausforderung wird sein, alles unter einen Hut zu bringen, die Bundesliga international konkurrenzfähiger zu machen und gleichzeitig auf die eigene Jugend zu setzen und diese mehr noch als heute zu unterstützen.
arch.aisch 01.07.2017
3. Laienhafte Frage
Habe Abschnitte des Spiels gesehen und fand die weiße Mannschaft durchaus beeindruckend. Deshalb habe ich auch den Bericht oben gelesen. Lt. Autor schnürt ein 23-jähriger weiser Berliner während des Spieles ein beeindruckendes Gesamtpaket... Irgendwo habe ich auch etwas von U-21 gelesen. Kann mir jemand erklären, wieso dort 23-Jährige mitmischen? Wie passt das mit U-21 zusammen? Die Frage ist ernst gemeint, weil ich die Regularien nicht kenne.
sam_snead2004 01.07.2017
4. 23?
Besteht eine U21 nicht aus Spielern, die maximal 21 Jahre alt sind? Der Weiser ist ja bereits 1994 geboren und wie oben geschrieben 23 Jahre alt. Wieso war er spielberechtigt?
hausmacher 01.07.2017
5. Verstehe ich nicht
Ich bitte um Aufklärung eines Fußballunwissenden. Wieso spielt ein23 Jähriger bei einer U 21 EM?
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