U21-Nationaltrainer Kuntz "Hier können sich die Jungs ausprobieren"

Die U21 startet am Sonntag in die Europameisterschaft. Trainer Stefan Kuntz spricht über die deutschen Titelchancen, die Rolle der DFB-Nachwuchsteams und darüber, wie Personalplanungen mit Joachim Löw ablaufen.

DPA

Ein Interview von Oliver Jensen


SPIEGEL ONLINE: Herr Kuntz, welche Rolle spielt die U21-Nationalmannschaft im deutschen Fußball? Soll sie dem Nachwuchs eine Chance bieten, sich weiterzuentwickeln? Oder ist das eigentlich die Aufgabe der Vereine?

Kuntz: Die Jungs können sich hier abseits vom Vereinsfußball mit gleichaltrigen Spielern messen. Hier herrscht mehr Gleichberechtigung als in den Vereinen. Junge Spieler können sich nicht hinter älteren Spielern verstecken. Die Hierarchie ist nicht so festgelegt. Dadurch können die Jungs hier gewisse Sachen ausprobieren. Ruhige Spieler können auch mal Kommandos geben, introvertierte Spieler kommen mehr aus sich heraus.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig sind Titel?

Kuntz: Ein Titel steigert das Ansehen jedes einzelnen Spielers. Man zählt dann zu den besten Fußballern seines Jahrgangs. Das Selbstvertrauen, das man aus so einem Erfolg zieht, hilft im weiteren Karriereverlauf extrem.

SPIEGEL ONLINE: Spanien und Deutschland werden meist als Favoriten genannt. Wie ist Ihre Meinung?

Kuntz: Die meisten Länder, deren A-Nationalmannschaft nicht beim Confed Cup spielt, treten mit voller Kapelle an. Das ist bei uns natürlich anders. Die jungen Spieler, die nun bei der A-Nationalmannschaft sind, hätten bei uns den Unterschied ausmachen können.

SPIEGEL ONLINE: Damit dürften Sie Leon Goretzka, Julian Brandt oder auch Niklas Süle meinen.

Kuntz: Ich möchte niemanden hervorheben. Das gilt für alle, die nun oben spielen.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland zählt aufgrund dieser Lücken also nicht zu den Top-Favoriten. Wer dann?

Kuntz: Spanien, Italien, England, Portugal und Gastgeber Polen haben sicherlich gute Chancen auf den Titel. Auch wir.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist taktische Nähe zur A-Nationalmannschaft? Soll in beiden Mannschaften die gleiche Philosophie herrschen oder sind Sie als U21-Trainer da völlig frei?

Kuntz: Grundsätzlich stecken Joachim Löw und ich in einem engen Austausch - das ist bei allen U-Nationalmannschaften so. Beim DFB gibt es das sportliche Leitbild "Unser Weg", wo gewisse Spiel- und Trainingsvisionen vorgegeben sind. Letztendlich unterliegt es aber jedem U-Trainer, wie er seine Mannschaft spielen lässt. Das hängt auch vom Kader ab. Ich achte darauf, welche Rollen die Spieler in ihren Vereinen spielen, und versuche die Mannschaft so aufzustellen, dass sie diese Qualitäten auch bei uns einbringen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man im Nachwuchsfußball taktische Entwicklungen erkennen, die es in der A-Nationalmannschaft noch nicht gibt?

Kuntz: Nein. Mit Ausnahme der Torhüter spielen alle meine Spieler in ihren Vereinen bereits eine tragende Rolle und sind daher taktisch gut geschult. Durch die Arbeit bei den U-Nationalmannschaften kommen eher gewisse Nuancen hinzu. Wir können hier Formationen oder Spielweisen ausprobieren, die die Jungs in ihren Vereinen nicht spielen. Zudem können wir individuell arbeiten, indem wir in kleinen Gruppen trainieren. Aber wir sind hier keine taktischen Vorreiter.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben es bereits angesprochen: Weil Bundestrainer Löw beim Confed Cup mit vielen jungen Spielern antritt, fehlen Ihnen viele Leistungsträger. Wie liefen die Kader-Gespräche zwischen Ihnen beiden ab?

Kuntz: Wir haben die Kader so zusammengestellt, dass die Spieler beim Confed Cup und die Spieler bei der U21-EM viele Einsatzzeiten erhalten. Das große Ziel ist die Weltmeisterschaft 2018. Der Confed Cup und die U21-EM sind ein Zwischenschritt dorthin. Ein Beispiel: Max Meyer und Serge Gnabry sind zwei Spieler, die bereits für die A-Nationalmannschaft gespielt haben. Löw hat deshalb mit beiden gesprochen und ihnen gesagt, was er von ihnen bei der U21 erwartet. Aufgrund dieser engen Verbindung empfand es kein Spieler als Herabstufung, bei der U21 zu spielen.

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Kader der U21-Nationalmannschaft: Die Kuntz-Akadamie

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie Forderungen an Joachim Löw stellen, dass Sie bestimmte Spieler unbedingt für die U21-EM benötigen?

Kuntz: Es geht nicht darum, dass ich hier irgendwelche Forderungen stelle. Die Aufgabe der U21 liegt darin, die Spieler auf die A-Nationalmannschaft vorzubereiten. Dort liegt der Fokus. Wenn nun zehn Jungs bereits oben angekommen sind, spricht das für eine hervorragende Arbeit meiner Vorgänger.

SPIEGEL ONLINE: Serge Gnabry, Maximilian Philipp, Davie Selke und Dominik Kohr haben während der Turniervorbereitung ihren Vereinswechsel perfekt gemacht. Bei anderen Spielern wie Max Meyer ist die Zukunft noch ungeklärt. Bieten die Transfers nicht zu viel Ablenkung?

Kuntz: Nein, das gehört zum Profifußball eben dazu. Genauso kann es sein, dass einen Fußballer andere Dinge bedrücken - ob nun familiäre Probleme oder andere Geschichten. Wir haben mit den Spielern vereinbart, dass wir über alle Themen offen sprechen und dadurch immer im Bilde sind, wenn zum Beispiel eine Vertragsunterschrift ansteht.

SPIEGEL ONLINE: Für die Öffentlichkeit ist Gnabry nun der neue Bayern-Star, Philipp der 20-Millionen-Mann von Borussia Dortmund. Befürchten Sie, dass diese Spieler nun im Fokus der Öffentlichkeit stehen und dadurch weniger frei aufspielen?

Kuntz: Ich habe eher die Hoffnung, dass die Jungs ihre Euphorie, die durch so einen Vereinswechsel entsteht, auf die U21 übertragen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben als junger Fußballspieler ebenfalls für die U21-Nationalmannschaft gespielt. Lässt sich das mit der heutigen Zeit noch vergleichen?

Kuntz: Nein, das war eine komplett andere Welt. Die U21-Nationalspieler waren damals nicht unbedingt Stammspieler in der Bundesliga. Damals gab es eben noch keine Nachwuchsleistungszentren, wo die Spieler früh an den Profifußball herangeführt wurden. Auch beim DFB war die U21 nicht so nahe an der A-Nationalmannschaft dran wie heute.



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roulaison 18.06.2017
1. Gefällt mir,
der Kunz. Kann mir vorstellen, dass er das gut macht.
hdwinkel 18.06.2017
2. Professionalität
Zitat von roulaisonder Kunz. Kann mir vorstellen, dass er das gut macht.
Das Interview zumindest wirkt sehr professionell. In der Praxis muß man sehen, hängt viel auch vom Glück ab. Bleibt nur, viel Erfolg zu wünschen.
claudiosoriano 18.06.2017
3. Der wird
diese Jungs nicht so mitnehmen können, wie Hotte! Und das Kunz irgendetwas bewegen kann, ist schon in Lautern in die Hose gegangen. Was da jetzt an Talenten vorhanden ist, ist die lange Arbeit eines H.H, der erfolgreich wie kein zweiter diese Jungs geformt hat. Stefan Kunz profitiert von dieser Arbeit, wird aber niemals diese Erfolge wie ein H.H feiern können!
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