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U21 im EM-Halbfinale: Nur der Trainer feiert

Aus Prag berichtet

Hrubesch (r.): "Die Spieler jubeln nicht" Zur Großansicht
REUTERS

Hrubesch (r.): "Die Spieler jubeln nicht"

Die U21-Fußballer stehen im EM-Halbfinale - und dürfen zu den Olympischen Spielen. So richtig gefreut hat sich aber nur Trainer Horst Hrubesch. Die Spieler wissen, dass viele von ihnen in Rio nicht dabei sein werden.

Spätestens seit Gerald Asamoah bei der Weltmeisterschaft 2006 nur wenig Fußball spielte, dafür aber die intern sehr bedeutsame Rolle des offiziellen Musikchefs der deutschen Mannschaft übernahm, wird bei allen Turnieren ein Spieler zum Team-DJ erklärt. Bei der U21-Europameisterschaft bestückt Leonardo Bittencourt die Playlisten, und nachdem die deutsche Mannschaft durch ein 1:1 (0:0) gegen Gastgeber Tschechien ins Halbfinale gestolpert war, wummerten südamerikanische Rhythmen aus den Kabinenlautsprechern.

"Ich habe direkt brasilianische Musik gespielt, damit die Jungs, wissen, was auf sie zukommt", sagte Bittencourt. Denn der Einzug ins Halbfinale bedeutet zugleich die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016. So richtig in Stimmung kam aber nur einer: Trainer Horst Hrubesch.

Die Spieler haderten mit ihrer mäßigen Leistung, der Erfolg fühle sich "komisch" an, sagte beispielsweise Kapitän Kevin Volland. Der Trainer strahlte hingegen vor Glück. "Ich fühle mich super", berichtete Hrubesch. Für den 64-Jährigen geht mit der Olympia-Qualifikation ein Traum in Erfüllung.

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Deutschland vs. Tschechien: Tor, Gegentor, Zittern
Spätestens als der Trainer erzählte, dass ihn dieser Abend an den Halbfinal-Einzug der goldenen U21-Generation aus dem Jahr 2009 erinnerte, war klar: Auch in Tschechien spielt eher ein pragmatisches Horst-Hrubesch-Team als eine dieser modernen DFB-Mannschaften, die vor lauter Talent, taktischem Hintergrundwissen und Matchplantheorie manchmal das Gewinnen vergessen. "Die Spieler jubeln nicht, obwohl wir mit dem Halbfinale und der Olympia-Qualifikation alles erreicht haben, was wir uns vorgenommen haben", sagte Hrubesch. Er schien sich regelrecht zu wundern.

Selbst als die jungen Profis geduscht hatten und mit Samba-Rythmen in Stimmung gebracht worden waren, wirkten sie eher nachdenklich als euphorisch. "Das waren wir unserem Trainer schuldig, der wollte unbedingt zu den Olympischen Spielen", sagte Emre Can, und Johannes Geis erklärte: "Wir haben dem Trainer seinen ersten großen Wunsch erfüllt." Es war ein Halbfinaleinzug in der Tradition der Achtzigerjahre: Ein gewisses Potenzial ist da, das 3:0 gegen Dänemark war gut, aber gegen Serbien und nun gegen Tschechien hat Deutschland sich irgendwie durchgewurstelt. Mit Glück, Willenskraft, physischer Stärke und auch mit Routine.

Hrubesch ist der vielleicht immer noch wichtigste Nachwuchstrainer beim deutschen Fußball-Bund, weil er es schafft, die Siegermentalität deutscher Mannschaften hervorzubringen. Eine Qualität, die eigentlich keinen guten Ruf mehr genießt. Man muss sich nur den Orkan der Kritik in Erinnerung rufen, der nach dem hart erkämpften 2:1-Sieg gegen Algerien im Achtelfinale der WM vor einem Jahr über Joachim Löw hereinbrach. Erst in der Rückschau wurde dieses Spiel zum Schlüsselmoment auf dem Weg zum Titel erklärt. In Prag lag der Grund für die gedämpfte Freude der Spieler über die Olympiaqualifikation allerdings nicht allein in der prunklosen Leistung.

Viele Spieler werden in Rio nicht dabei sein können

Viele Spieler wissen, dass sie in Rio wahrscheinlich gar nicht dabei sein werden. Einige liebäugeln mit einer Beförderung in die A-Nationalmannschaft und einer Teilnahme an der Europameisterschaft im kommenden Sommer. Und acht Fußballer aus dem Turnierkader von Tschechien sind zu alt für Olympia, wo (bis auf drei Ausnahmen) nur Spieler zugelassen sein werden, die 1993 oder später geboren wurden. Und um die drei Plätze für ältere Spieler bewerben sich legendäre Helden wie Philipp Lahm oder Per Mertesacker.

"Ich wäre in Rio gerne spielberechtigt", sagte beispielsweise der 1992 geborene Julian Korb, der großen Anteil an der Qualifikation hat, aber wohl zuschauen muss, wenn es um die Medaillen geht. Und Torhüter Marc-André ter Stegen, ebenfalls Jahrgang 1992, sagte: "Ich weiß, dass es diese Regel gibt, aber ich bin mit dem Halbfinal-Einzug zufrieden, das ist das Wichtigste."

In der Runde der letzten Vier könnte das Team nun übrigens auf Italien treffen, wie beim Erfolgsturnier von 2009, in der anderen Gruppe werden die letzten Spiele erst am heutigen Abend absolviert. Und sollte es in Tschechien tatsächlich weitergehen wie 2009, droht auch dieses K.o.-Duell eher ein Kampf des Willens zu werden als ein fußballerischer Leckerbissen. Hrubesch ist das aber erstmal egal, er ist seit Dienstagabend der Trainerheld, der nach fast drei Jahrzehnten wieder ein deutsches Team zu olympischen Spielen führte.

Deutschland - Tschechien 1:1 (0:0)
1:0 Schulz (55.) 1:1 Krejci (66.)
Deutschland: ter Stegen - Korb, Ginter, Günter - Can, Kimmich - Younes (64. Bittencourt), Meyer (ab 82. Malli), Schulz (ab 90.+2 P. Hofmann) - Volland. - Trainer: Hrubesch
Tschechien: Koubek - Kaderabek, Brabec, Kalas, Hybs - Petrak, Zmrhal - Skalak (ab 61. Masopust), Frýdek (ab 80. Prikryl) - Travnik (ab 59. Krejci), Kliment. - Trainer: Dovalil
Schiedsrichter: Danny Makkelie (Niederlande)
Zuschauer: 18.068
Gelbe Karten: Younes, Korb, Kimmich, Can - Frydek

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Auf dem Boden des Gurkenbeets angekommen
Atlantisch 24.06.2015
Diese mit Vorschusslorbeeren überhäufte U 21 erinnert an den Rumpelfussball Deutscher Nationalmannschaften noch bevor Kliensmann DFB Trainer wurde. 2009 wurde die U 21 wohl trotz Horst Hrubesch Europameister. Jeder Zeugwart als Trainer wäre mit Özil, Boateng und Co Europameister geworden.
2.
Mähtnix 24.06.2015
Olympia wird dann die Stunde von Timo Horn. Und von Yannick Gerhardt :-).
3. heintz fehlt
Lauternjunge 24.06.2015
in der Aufstellung der deutschen fehlt Dominique Heinz
4. nicht verdient
Butenkieler 24.06.2015
hat es die deutsche Nationalmannschaft der U21. Es war ein Zitterspiel. Zuerst vor dem 1:0, dann bis zum 1:1 hätten eigentlich weitere Treffer sein gemußt. aber dann ein Zittern und verstolpern und ein nichtverdientes Weiterkommen gegen eine tschechische Mannschaft, die es nicht schaffte, ihr Können besser zu repräsentieren. Schade für Deutschland und schade für Tschechien.
5. Hauptsache Italien
falco2 24.06.2015
Italien kann in seiner Gruppe höchstens noch Zweiter werden, also wird's nichts mit der Neuauflage des Halbfinals von 2009.
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